Ehe ich nun auf die Ereignisse selbst eingehe, muß ich dasjenige noch anführen, was in Apia über die Vorgeschichte des amerikanisch-samoanischen Vertrages erzählt wird. Ich sage „erzählt wird“, weil ich selbst ja keinen Einblick in die wirklichen Verhältnisse erhalten konnte.
Es hatte sich in frühern Jahren in Apia eine von Amerikanern, denselben Leuten, welche am 27. Juni von dem Postdampfer gelandet wurden, gegründete Landcompagnie gebildet, welche mit wenig Geld große Ländereien in der Weise ankaufte, daß sie nur kleine Anzahlungen machte, für welche die Verkäufer Interimsquittungen ausstellten, ihr Land aber bis zur Zahlung des ganzen Kaufpreises behielten. Die Gesellschaft hatte sich aber verrechnet, fallirte und die zwei Hauptunternehmer erboten sich später, den Samoanern einen Freundschaftsvertrag mit den Vereinigten Staaten zu erwirken, dessen Hauptzweck sein sollte, den Samoanern ihre Unabhängigkeit zu sichern und sie in der Weise vor fremder Willkür zu schützen, daß dauernd ein amerikanisches Kriegsschiff in Apia stationiren solle. Um dies zu erreichen, sollte Amerika das Protectorat übernehmen. Ein solcher Vertrag, bei dem von einer Gegenleistung seitens der Beschützten keine Rede war, leuchtete den kindlichen Samoanern ein, und sie erwählten zu ihrem Abgesandten den Schreiber Mamea, welcher sich bald darauf mit den beiden Amerikanern, die auch alle seine Ausgaben bestreiten wollten, auf den Weg nach San-Francisco machte. Sehr verdacht wurde es zwar der Regierung, daß sie einen niedrig geborenen Mann zum Gesandten erwählt hatte, doch begründete sie die Wahl mit der Thatsache, daß nur er genügend mit der englischen Sprache vertraut sei, um ohne Dolmetscher durchkommen zu können.
Am Tage nach der Ankunft der amerikanischen Corvette wußte ganz Apia, daß Mamea zwar seine Aufgabe gelöst habe, aber keineswegs nach dem Sinne seiner Auftraggeber, denn das, was diese gewünscht hatten, sollte in dem Vertrage nicht enthalten sein, dafür aber sollten die Samoaner eine Menge Verpflichtungen übernommen und auch ihren Hafen Pago-Pago an die Vereinigten Staaten abgetreten haben, ohne als Gegenleistung irgendwelche Rechte zu erhalten. Von allen Seiten stürmten nun Vorwürfe auf die Regierung ein, welche sich zunächst dadurch deckte, daß sie versprach, den Vertrag nicht ratificiren zu wollen, während von anderer Seite behauptet wurde, daß der von Mamea namens der samoanischen Regierung abgeschlossene Vertrag von der washingtoner Regierung bereits ratificirt sei und den Samoanern daher keine andere Wahl bliebe, als ebenfalls zu ratificiren. Inzwischen schien das sichere und selbstbewußte Auftreten aller Amerikaner allerdings anzudeuten, daß sie die Samoa-Inseln bereits in ihrer Tasche wähnten, und wir Deutsche wurden in den ersten Tagen von den Samoanern kaum noch der Beachtung werth befunden.
Zum 2. Juli nachmittags hatten die Taimua und Faipule mir ihren Gegenbesuch angesagt und ich hatte mich am Vormittag dieses Tages, nachdem mir die Mittheilung geworden war, daß die Hütten auf dem bestrittenen Stück Land (Klagepunkt 3) wieder bezogen worden seien, damit einverstanden erklärt, daß diese Frage zu derselben Stunde, wo die Eingeborenen mich besuchen würden, in der mir vorgeschlagenen Weise ihre Erledigung fände. Die Samoaner kamen in den ihnen von mir zur Verfügung gestellten Booten an Bord, ich bewirthete sie, und während wir bei einer Cigarre oben auf Deck unter dem Sonnenzelt saßen, machte der Dolmetscher mich auf einen großen Feuerschein am Lande, auf ein brennendes kleines Dorf aufmerksam. Als meine Gäste dann unruhig wurden, ließ ich ihnen sagen, daß sie sich nicht zu beunruhigen brauchten, weil das Feuer auf einer deutschen Plantage sei und ich den Auftrag zu der Brandlegung gegeben habe, um damit die mit den Häusern zusammenhängende Streitfrage auf die einfachste Weise zu erledigen. Ich hatte meinen Zweck wol erreicht, denn die Blicke der Eingeborenen, welche von mir zu der dicht neben uns liegenden amerikanischen Corvette und von dieser wieder zu dem brennenden Dorfe wanderten, schienen mir zu sagen, daß die Leute doch zu der Erkenntniß gekommen seien, daß mit den Siamanis (Siamani, aus dem englischen „German“ hervorgegangen, ist die samoanische Bezeichnung für Deutscher) nicht zu spaßen sei. Daß das deutsche Haus den geschädigten Eingeborenen, welche von ihrem Häuptling keine Entschädigung zu erwarten hatten, den vollen Werth der niedergebrannten Hütten in Geld ersetzen würde, obgleich es nicht dazu verpflichtet war, brauchten die Machthaber vorläufig noch nicht zu wissen.
Dieser Gewaltmaßregel folgte gleich am Vormittag des 3. Juli die zweite, indem ich der Taimua schrieb, daß ich, wenn die rückständigen 444 Mark bis zum 5. Juli 10 Uhr vormittags nicht bezahlt seien, das Geld mit Gewalt eintreiben würde. Aus bestimmten Gründen wählte ich nicht den nächsten Tag, sondern ließ ihnen zwei Tage Bedenkzeit. Am 5. morgens mit Tagesanbruch wurde ich geweckt und erhielt die Mittheilung, daß auffallend viele bewaffnete Eingeborene, es müßten schon über 300 sein, von ferner gelegenen Küstenpunkten kommend, das Schiff passirt hätten und in Mulinu'u gelandet wären, mithin dort wol etwas im Werke sein müsse. Im Schiff wußte nämlich niemand etwas davon, daß heute möglicherweise eine ernste Entscheidung fallen sollte, nur waren am Tage vorher vom Lande aus Gerüchte zu uns gedrungen, daß die amerikanische Corvette sich verpflichtet habe, die Samoaner gegen etwaige Gewaltmaßregeln von unserer Seite zu schützen, welchen Gerüchten ich indeß aus nahe liegenden Gründen keine Bedeutung beimessen konnte, wenngleich ich auch diese unwahrscheinliche Möglichkeit mit in meine Berechnung ziehen mußte. Da ich den Samoanern bis 10 Uhr Frist gegeben hatte, konnte die Thatsache der Zusammenziehung ihrer Streitkräfte an meinen Dispositionen übrigens nichts ändern.
Der Verabredung gemäß kam der Consul kurz nach 10 Uhr an Bord und brachte die Nachricht, daß das Geld bis zur gestellten Frist nicht gezahlt worden sei und die Samoaner zum äußersten Widerstand entschlossen zu sein schienen. Er betrachte die Lage als ernst, da die Samoaner eine uns an Zahl weit überlegene Streitmacht zusammengezogen und eine ziemlich starke Vertheidigungsstellung eingenommen hätten, auch mit guten Hinterladern versehen seien. Zehn Minuten später waren unsere Boote bewaffnet und das Schiff lag gefechtsklar, nach weitern zehn Minuten waren die Signale für das etwa nothwendige Eingreifen unserer Schiffsartillerie verabredet und kurz vor 11 Uhr wollte ich eben mit dem Consul, welcher sich durchaus nicht zum Zurückbleiben bewegen ließ, sondern darauf bestand, den Waffengang mitzumachen, mein Boot besteigen, um vorzugehen, als an der andern Schiffsseite ein Kanu anlegte und ein in größter Aufregung befindliches Regierungsmitglied an Bord kam, um uns anzuzeigen, daß eine Deputation in dem deutschen Consulat auf uns warte, um den Restbetrag der Schuld zu tilgen. Gleichzeitig bat der Mann uns inständigst, doch ja von Gewalt abzusehen, da sie ja alles thun wollten, was wir wünschten, und sie nur von den Amerikanern zum Widerstand gereizt worden wären, weil diese ihnen Hülfe von der amerikanischen Corvette versprochen hätten. Wir konnten mit diesem Abschlusse ja zufrieden sein und nur die armen Samoaner bedauern, welche, den Vorspiegelungen einiger Abenteurer Glauben schenkend, sich zwischen zwei Feuer begeben hatten. Vorläufig noch in dem Wahne lebend, daß die kleinere amerikanische Corvette unserm Schiff überlegen sei und der amerikanische Commandant uns bei nächster Gelegenheit ohne weiteres aus dem Hafen weisen würde, womit dann die Rückerstattung des den Deutschen früher verkauften Landes verknüpft wäre, warfen diese großen Kinder sich den Amerikanern ganz in die Arme. Bei dieser Gelegenheit wie für das Folgende betone ich übrigens, daß ich die officiellen amerikanischen Persönlichkeiten von meiner Darstellung ausgeschlossen sehen will, sofern ich sie nicht jedesmal ausdrücklich nenne. Inwieweit und ob überhaupt die Haltung dieser Herren auf den ganzen Verlauf der fernern Ereignisse von Einfluß gewesen ist, entzieht sich der Besprechung durch mich; nur so viel kann ich sagen, daß sie nichts gethan haben, um der durch ihre Landsleute hervorgerufenen und fortgesetzt geschürten feindlichen Stimmung gegen Deutschland zu steuern, weshalb man in Apia allgemein annahm, daß das amerikanische Kriegsschiff die Aufgabe habe, von den Samoa-Inseln Besitz zu ergreifen. Wegen meiner amtlichen Stellung enthalte ich mich daher mit Bezug auf die Amerikaner jeder Ansichtsäußerung und gebe nur das, was man sich auf den Straßen erzählte.
Durch den friedlichen Abschluß dieser Angelegenheit und die entgegenkommenden Versicherungen der Samoaner ließen wir uns indeß nicht einschläfern, denn die uns am Abend vorher durch ein Regierungsmitglied zugegangene Nachricht, daß die Taimua und Faipule den amerikanisch-samoanischen Vertrag bereits am 3. Juli im geheimen ratificirt habe, sagte uns, daß die Hauptarbeit für uns nun erst beginnen würde. Daß der Vertrag überhaupt ratificirt werden würde, hatten wir nie bezweifelt; daß dieser Act aber von der augenblicklichen Regierung allein und nicht dem samoanischen Brauche gemäß unter Mitwirkung der verschiedenen Landesbezirke ausgeführt worden war, mußte unsere Bedenken erregen, weil bei den zerfahrenen politischen Verhältnissen auf den Inseln innere Unruhen zu befürchten waren. Auch trat an den deutschen Consul nunmehr die Nothwendigkeit heran, auf Grund einer in seinen Händen befindlichen schriftlichen Verpflichtung der jetzigen Regierung vom Jahre 1877, daß dem Deutschen Reiche stets dieselben Rechte zuzugestehen seien, welche einer andern Macht etwa gewährt würden, für Deutschland einen gleichen Vertrag zu fordern, wie er mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika abgeschlossen worden war. Diese Forderung konnte aber nicht eher gestellt werden, bis die erfolgte Ratificirung auf legalem Wege bekannt geworden war, und dies geschah erst am 8. Juli, worauf noch an demselben Tage die entsprechende deutsche Forderung der samoanischen Regierung zugestellt wurde. Mündliche Angaben einiger Regierungsmitglieder besagten dann, daß der von unserm Consul geforderte Vertrag in den nächsten Tagen abgeschlossen werden könne, die schriftliche Antwort lautete aber nicht nur ausweichend, sondern auch noch herausfordernd, indem die Samoaner die frühere Abmachung für nicht bindend erklärten und die Meinung äußerten, daß sie allein zu bestimmen hätten, mit wem sie Verträge abschließen wollten. Wer hinter dieser kühnen, den Samoanern gar nicht ähnlichen Sprache steckte, war uns nicht zweifelhaft.
Die nächsten Tage brachten nun viel Verwirrung in Apia, viel Lug und Trug, wobei sich nur eins klar herausstellte, daß die Taimua und Faipule eine durchaus würdelose Gesellschaft waren, von deren Mitgliedern ein Theil abends spät im deutschen Consulat vorsprach, Mittheilungen über das Treiben der Amerikaner brachte, einer den andern verdächtigend und alle versichernd, daß sie nur deutschen Einfluß auf den Samoa-Inseln wünschten und von den Amerikanern bald wieder befreit zu werden hofften. Die amerikanische Corvette wollte nach Ratificirung des Vertrages gleich wieder nach San-Francisco zurückkehren, während von anderer Seite behauptet wurde, daß das Schiff noch Monate lang hier bliebe, um erst nach unserm Weggange seine eigentliche Aufgabe zu lösen; hatten die Amerikaner wirklich besondere Absichten, dann waren sie jedenfalls unklug gewesen, sich mit ihren abenteuernden Landsleuten so weit einzulassen, wie sie es gethan haben, denn diese konnten nicht schweigen. Der General Bartlett wurde von den Samoanern als erster Minister nicht anerkannt, schrieb dies dem Einfluß seiner eigenen Landsleute zu und fing an, gegen diese zu wühlen. Einer der von den Amerikanern angenommenen Dolmetscher stand unter deutschem Einflusse und brachte uns die bedenklichsten Nachrichten. Der amerikanische Consulatsbeamte, welcher dem bisherigen hiesigen amerikanischen Consul seine Versetzung nach den Fidji-Inseln, anzutreten nach Eintreffen seines Nachfolgers, mitgebracht hatte, trat als Herr der Lage auf. Die Engländer fanden, da keins ihrer Schiffe anwesend war, Anlehnung an uns. Und die Samoaner wußten weder ein noch aus, waren an dem einen Tage unsere Feinde und suchten am nächsten unsere Freundschaft.
Endlich am 14. Juli fing die Lage an sich zu klären. Die Samoaner hatten ihre Vorbereitungen beendet und für die Tage des 17., 18. und 19. Juli ein großes Fest ausgeschrieben, an welchem die Abgesandten aller Bezirke der Samoa-Inseln theilzunehmen hatten und welches den Amerikanern und uns zu Ehren gegeben werden sollte. Doch war es außer Zweifel, daß das Fest nur für die Amerikaner bestimmt war und bei dieser Gelegenheit die feierliche Bekanntgabe des zwischen Samoa und Amerika abgeschlossenen Vertrages erfolgen sollte; außerdem aber sollte, nach uns zugegangenen und von uns für durchaus zuverlässig gehaltenen Nachrichten, den von den Tänzen und der Aufregung der Festlichkeiten berauschten Samoanern von ihrer Regierung der Vorschlag gemacht werden, sich unter den Schutz der amerikanischen Regierung zu stellen, worauf die Taimua und Faipule dann den amerikanischen Consulatsbeamten bitten sollten, von den Samoa-Inseln namens seiner Regierung Besitz zu ergreifen. Gründete dieses Gerücht sich wirklich auf Thatsachen und ließen die Samoaner sich im Rausche zu dem geplanten Schritte verleiten, dann hing es nur von dem Gutdünken des genannten Herrn ab, ob er den Staatsstreich wagen wolle oder nicht. Jedenfalls lag in diesem Falle die Befürchtung nahe, daß die ganze Regierungsgewalt unter äußerlicher samoanischer Hoheit in amerikanische Hände übergehen und der deutsche Handel dann bald vernichtet sein würde. Die Sandwich-Inseln geben ja ein ziemlich klares Bild von den wahrscheinlichen Folgen einer eingeborenen Regierung unter amerikanischen Ministern. Es war daher durch einen Gewaltstreich der angedeuteten Art für die Deutschen so viel zu verlieren, daß wir möglichem Unheil vorbeugen mußten.
Unter solchen Verhältnissen war eine Betheiligung an den Festen von unserer Seite ausgeschlossen, und wir würden denselben auch in dem Falle, daß unsere Forderungen erfüllt worden wären, fern geblieben sein, da wir nach der Vorgeschichte dieser Veranstaltungen dabei nur eine zweifelhafte Rolle hätten spielen können. Am 14. Juli traf auf dem deutschen Consulat die förmliche Einladung der Samoa-Regierung zu den Festen für uns ein, und damit war uns die Handhabe zur Erneuerung unserer Forderungen gegeben. Unsere Antwort lautete, daß wir die Einladung nur dann annehmen könnten, wenn dem Deutschen Reiche vorher ein Vertrag mit denselben Rechten, wie sie der amerikanischen Regierung zuerkannt seien, zugesichert und bis zum nächsten Vormittag der Zeitpunkt für die Vertragsverhandlungen genau und schriftlich bezeichnet würde. Als nun im Laufe des Nachmittags des 14. dem Consul das vorstehend erwähnte Gerücht über die von den Samoanern beabsichtigte Abtretung der Samoa-Inseln an Amerika zuging, hielt dieser Herr es für nothwendig, unsererseits sichernde und vorbeugende Maßregeln zu ergreifen, und machte den kühnen Vorschlag, zwei samoanische Häfen mit Beschlag zu belegen und als Faustpfand zu behalten, bis die Samoaner ihre Verpflichtungen gegen Deutschland erfüllt hätten. Nach kurzer Bedenkzeit, welche ich mir erbeten hatte, stimmte ich dem Vorschlage zu, weil ich ihn für gut und wahrscheinlich ausführbar hielt, und in der erfolgten Ausführung die deutschen Interessen vorläufig geborgen sah.