2. Ein seit sechs Jahren in unbestrittenem deutschen Besitze befindliches und an eine größere deutsche Pflanzung grenzendes Stück Land an der Westspitze der Insel Upolu sollte neuerdings in Bearbeitung genommen werden. Als die Arbeiten am 14. Juni begannen, kam ein französischer Priester mit 50 bewaffneten Samoanern von der kleinen Insel Manono herüber und suchte die Arbeiten mit Gewalt zu hindern, da er behauptete, durch einen erst kürzlich abgeschlossenen Kauf der Besitzer des Landes geworden zu sein, obgleich er wußte, daß das Land sich bereits lange in deutschem Besitze befand. Um Blutvergießen zu vermeiden, hatten die Deutschen die Arbeit zunächst eingestellt und die Regierung um Schutz ersucht.
3. Ein Häuptling hatte dem hamburger Hause Godeffroy vor acht Jahren ein größeres Stück Land verkauft, auf welchem sich später auch einige Eingeborene niederließen, denen vom Käufer das Verbleiben in ihren Hütten und die Nutznießung der in der Nähe befindlichen Fruchtbäume bis zu dem Zeitpunkte stillschweigend gestattet wurde, wo das deutsche Haus die Bearbeitung des Landes in Angriff nehmen würde. Dieser Zeitpunkt war jetzt gekommen, und nun behauptete der Verkäufer, daß das kleine Stück Land mit der Niederlassung der Eingeborenen damals von dem Kauf ausgeschlossen worden sei, obgleich der Kaufbrief das Kaufobject genau angibt und das fragliche Stück Land innerhalb dieser Grenzen liegt.
Nachdem ich mich in allen drei Punkten von dem unzweifelhaften Rechte der Deutschen überzeugt hatte, sagte ich meine Unterstützung zur Regelung zu und ersuchte den Consul nur, zunächst noch einmal ohne meine Mitwirkung eine Verständigung zu versuchen. Daß dieser Versuch nur theilweisen Erfolg hatte, wird der weitere Verlauf meiner Darstellung ergeben.
Am Nachmittag machte ich den Regierungsmitgliedern meinen Besuch, wobei der Consul mich begleitete und auch einen Dolmetscher mitnahm, weil er den Grundsatz festhält, bei allen förmlichen und geschäftlichen Angelegenheiten einen solchen mit heranzuziehen, da die Samoaner in derartigen Angelegenheiten ein etwas weites Gewissen haben und dazu neigen, die getroffenen Vereinbarungen abzuleugnen oder zu verdrehen. Die Mitglieder der Taimua und Faipule waren in der Regierungshütte bereits anwesend und in dem täglichen Anzug der Häuptlinge, d. h. sie hatten ein weißes Hemd an und über dieses das Hüfttuch, hier Lava-lava genannt, gebunden; in der Hand trugen sie das Abzeichen der Häuptlinge, einen aus den Rindenfasern der Kokospalme gefertigten Fliegenwedel. Wir setzten uns mit untergeschlagenen Beinen auf die ausgebreiteten Matten so hin, daß unsere Rücken der offenen Seite der Hütte und unsere Gesichter der Mitte derselben zugekehrt waren. Uns gegenüber nahm eine Gruppe Platz, welche mich vorzugsweise interessirte, nämlich die Kawa-Bereiterinnen. Es waren fünf junge nur mit dem Lava-lava bekleidete Leute, drei Mädchen und zwei Männer, welche ein so fremdartiges Bild abgaben, daß ich ihnen mehr Aufmerksamkeit zuwandte, wie den nichtssagenden Phrasen, die mit den Machthabern ausgetauscht wurden.
In der Mitte zwischen den beiden Männern sitzen mit untergeschlagenen Beinen die Mädchen, vor sich die aus einem einzigen Stück Holz geschnittene Kawa-Bowle, eine mit vier kräftigen Füßen versehene runde Schüssel von etwa 50 cm Durchmesser. Ehe die Männer Platz nehmen, reichen sie noch den Mädchen in Kokosnußschalen frisches Wasser, mit welchem diese sich, dabei ihre schönen weißen Zähne zeigend, den Mund ausspülen und die Hände waschen. Dann schneiden die Männer mit einem Messer kleine Stücke von einer weißlichen Wurzel (Piper methysticum) ab, welche von den bequem und etwas in sich gesunken dasitzenden Mädchen in den Mund gesteckt und gekaut werden. Anfänglich ist die Arbeit des Kauens kaum zu bemerken, die kleinen Stücke mehren sich aber und die Unterkiefer müssen einen immer größern Bogen beschreiben, bis der Mund die Masse nicht mehr bewältigen kann, die während des Kauens geschlossen gehaltenen Lippen sich öffnen, ein breiiger Kloß von über Wallnußgröße in die untergehaltene Hand und von dieser in die Schüssel fällt. Sobald eine genügende Zahl solcher Klöße beisammen ist, waschen die Mädchen sich wieder Mund und Hände, den Mund jedenfalls, um den beißend bittern Geschmack der Wurzel einigermaßen zu beseitigen, und nun beginnt die in der Mitte Sitzende aus dem Brei das Getränk zu bereiten. Nachdem einige Kokosnußschalen Wasser dazugegossen, wird das Ganze mit den Händen solange durchgearbeitet, bis eine vollkommene Vermischung erreicht ist und das Getränk eine hellgraue Farbe angenommen hat. Dann wird ein Bündel zusammengereihter Baststreifen zur Hand genommen und mit diesem, ähnlich wie mit einem Schwamm, die Flüssigkeit in der Weise durchgeseiht, daß die Baststreifen an beiden Enden gefaßt, vorsichtig durch dieselbe gezogen, dann zusammengelegt und ausgerungen werden, und zwar dies letztere mit einer ganz eigenthümlich unnachahmlichen Hand- und Armbewegung. Nach dem Ausringen wird das Bastbündel mit einigen kräftigen Schlägen ausgeschüttelt, um die darin zurückgebliebenen kleinen festen Bestandtheile zu beseitigen, und diese Manipulation wird so oft wiederholt, bis sich keine Rückstände mehr zeigen. Ist dies erreicht, dann ist der Trank, welcher in Samoa für die größte Delicatesse gehalten wird, fertig.
Als der Consul den Samoanern andeutete, daß unsere Zeit abgelaufen sei, wurde den Mädchen ein Zeichen gegeben, worauf die beiden seitlich Sitzenden sich erhoben und der mittlern eine Kokosnußschale hinhielten, um dieselbe füllen zu lassen. Dies wurde auch mit dem Bast bewerkstelligt, indem er eingetaucht und mit einer schnellen Bewegung über die Schale gehalten wurde, sodaß die Flüssigkeit in diese hineinlief. Die ersten Schalen wurden den Gästen, dem Consul und mir, gebracht, dann erst kamen die Samoaner an die Reihe, und ich mußte den Anstand bewundern, welcher bei dieser Bewirthung beobachtet wurde. Die Mädchen kamen nicht direct auf uns zu, sondern durchschritten den leeren Raum der Hütte, verließen dieselbe neben dem letzten unsern Halbkreis bildenden Samoaner, gingen hinter unsern Rücken herum und traten erst bei denjenigen, für welche der Trunk bestimmt war, wieder in die Hütte, beugten vor diesen ein Knie, reichten die Schale und traten dann zur Seite. Als dem Consul und mir die Kawa gereicht wurde, sagte mir der Herr, daß ich nicht zu trinken brauche, wenn ich nicht wolle, ich müsse nur die Schale in Empfang nehmen und sie dann wieder zurückgeben. Als ich aber sah, wie er selbst, an den Genuß schon gewöhnt, die Schale austrank und sie dann als Zeichen, daß sie geleert sei, mit einem besondern Handgriff nach der Mitte der Hütte zu von sich schleuderte, sodaß sie sich mit der Oeffnung nach oben wie ein Kreisel drehte, nahm ich wenigstens einen herzhaften Schluck, ehe ich die Schale der braunen Hebe wieder einhändigte. Da für alle Anwesenden nur zwei Schalen in Gebrauch genommen wurden, so mußten sie immer wieder gefüllt werden und wurden in dem Falle, wo sie nicht ausgetrunken waren, nur nachgefüllt. Die Portionen wurden immer kleiner, da die Personenzahl zu groß war, und für die letzten wurde der Bast schon ausgerungen, um alles herauszupressen. Vor diesem Besuch war mir die Art der Kawabereitung erklärt und die Nothwendigkeit des Trinkens auseinandergesetzt worden, und ich schauderte bei dem Gedanken an diesen ungewohnten Genuß, doch wurde es mir nachher ziemlich leicht, da das ganze Drum und Dran, die würdevolle Haltung der Samoaner, das gedämpfte Sprechen, die graziösen Bewegungen der zierlichen Hände und die prächtigen Zähne der jugendlich frischen, anmuthigen und hübschen Mädchen, die Sauberkeit und Ordnung in der Hütte, die beobachtete Etikette, einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, daß ich an die eigentliche Bereitung gar nicht mehr dachte, als die hübsche, freundliche Spenderin mir mit ermunterndem, einladendem Blick den Trank reichte, sondern mich nur durch den beißenden Geschmack des Getränks abhalten ließ, die ganze Schale zu leeren.
Die nächsten Tage brachten viel Unruhe für den Consul und mich, die wir für die deutschen Interessen verantwortlich waren, mancherlei Sorge und sogar Aufregung, da auch noch ein amerikanisches Kriegsschiff anfing, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, oder die Anwesenheit desselben doch den auf amerikanischen Schutz rechnenden Samoanern Veranlassung gab, uns Schwierigkeiten zu bereiten. Jedenfalls haben, zunächst absehend von den officiellen Persönlichkeiten, die ortsanwesenden Amerikaner die Samoaner zum Widerstand gegen uns aufgereizt, und diese waren zweifellos der Ansicht, daß ihre Rathgeber nicht ohne Wissen und Zustimmung des amerikanischen Consulatsbeamten und Schiffscommandanten handelten. So kam es, daß nur der zweite Klagepunkt eine glatte Erledigung fand, indem der Plantagenverwaltung der Befehl zuging, die Arbeiten auf dem bestrittenen Stück Land wieder aufzunehmen, und der Regierung mitgetheilt wurde, daß ein fernerer Angriff nicht geduldet werden würde. Der französische Priester stellte sich danach zwar persönlich im Consulat ein, um einen Vergleich zu versuchen, mußte aber abgewiesen werden, da er füglich vor seinem thätlichen Angriffe eine Verständigung hätte versuchen müssen, andererseits ja aber das durch die samoanische Regierung anerkannte deutsche Recht klar zu Tage lag.
In dem Punkte 1, Zahlung der noch ausstehenden 444 Mark, war schließlich, da die Samoaner ohne stichhaltige Gründe dieselbe verweigerten, von dem Consul eine letzte Frist gestellt worden, welche auch nicht eingehalten wurde, worauf die Sache in meine Hände überging. In dem Punkt 3 hatte die samoanische Regierung am 26. Juni dem deutschen Hause das Eigenthumsrecht an dem in Frage stehenden Stück Land erneut zuerkannt, bestritt dasselbe jedoch wieder und forderte für diesen Fall den Rechtsspruch eines amerikanischen Consulatsbeamten, welcher mit dem für die nächsten Tage erwarteten amerikanischen Kriegsschiffe kommen sollte. Diese Zumuthung wurde von uns selbstverständlich zurückgewiesen, worauf die Hütten am 1. Juli zwar geräumt, am 2. aber wieder bezogen wurden.
Am 27. Juni hatte der zwischen San-Francisco und Australien laufende Postdampfer außerhalb des Hafens von Apia und ohne zu ankern mehrere Personen, Amerikaner, abgesetzt, welche aus früherer Zeit in Apia wohlgekannt waren und deren plötzliches Erscheinen von deutscher Seite mit berechtigtem Mistrauen und von einem großen Theil der Samoaner mit Sorge betrachtet werden mußte. Es gab denn auch gleich Unruhe genug, da bald die verschiedensten Gerüchte die Stadt durchschwirrten, welche alle darin gipfelten, daß es nunmehr mit der deutschen Herrlichkeit auf den Samoa-Inseln ein Ende habe, da in den nächsten Tagen ein amerikanisches Kriegsschiff einen zwischen den Vereinigten Staaten von Nordamerika und den Samoa-Inseln abgeschlossenen Vertrag brächte, nach welchem Amerika das Protectorat über die Inseln übernehmen und die Eingeborenen dann all das an die Deutschen verkaufte Land unentgeltlich wieder zurückerhalten würden. Welchen Eindruck diese Gerüchte auf die in Rechtsfragen kindlich denkenden Samoaner machten, sahen wir an dem Auftreten der Regierungsmitglieder, welche sich plötzlich auf das hohe Roß setzten und anfingen, eine gewisse Anmaßung zur Schau zu tragen.
Am 29. traf denn auch schon das amerikanische Kriegsschiff ein und brachte neben einem höhern amerikanischen Consulatsbeamten noch einen Samoaner, Namens Mamea, und einen frühern amerikanischen General mit Namen Bartlett mit. Mamea war ein Abgesandter der samoanischen Regierung, welcher den Auftrag gehabt hatte, mit der amerikanischen Regierung einen Freundschaftsvertrag abzuschließen, und Bartlett war der von Mamea für 24000 Mark jährlichen Gehalt gewonnene neue Berather und erste Minister der Samoa-Regierung. Die Personen, welche für die Zeit der nächsten drei Wochen in Apia nahezu alles auf den Kopf stellen sollten, waren beisammen, und der Tanz, welcher für die Deutschen den Abschluß eines Lustspiels fand, konnte beginnen.