Die Tischgesellschaft des Hauses besteht aus 10-16 Personen, je nachdem Herren von den Plantagen oder entferntern Stationen in der Stadt anwesend sind oder nicht. Die Mahlzeiten werden stets gemeinsam eingenommen und zwar das erste Frühstück um 8 Uhr, das zweite Frühstück um 12½ und die Hauptmahlzeit abends 6 Uhr. Die Zeit von morgens 8½ bis abends 5½ Uhr gehört, mit Ausschluß einer einstündigen Mittagspause, den Geschäften. Abends nach der Hauptmahlzeit wird ein Spaziergang gemacht und der Rest des Tages mit Rauchen und Plaudern bei einem Glase Bier verbracht. Lesen ist nach Eintritt der Dunkelheit wegen der dann unaufhörlichen Angriffe der Mosquitos ausgeschlossen, wenngleich die geschäftlichen Angelegenheiten oft die Herren zwingen, auch abends noch einige Stunden am Schreibtisch zuzubringen. An den Sonn- und Festtagen werden in der Regel Ausflüge zu Pferde nach den Plantagen, oder Picknick-Partien nach bekannten schönen Punkten unternommen.

Nach dieser Abschweifung will ich wieder zum 24. Juni zurückkehren. Herr Weber schrieb zunächst an die Regierung, um derselben meinen Besuch für den Nachmittag desselben Tages anzusagen, und orientirte mich dann noch einmal über die hiesigen Verhältnisse und die vorliegenden Streitpunkte. Ehe ich auf diese eingehe, muß ich aber dem genannten Herrn einige Worte widmen, da sich die ganze Samoafrage, wie sie zur Zeit liegt, um diesen thatkräftigen Mann gruppirt und dieser die Säule bildet, welche alles überragend das ganze kleinliche Getriebe beherrscht.

Herr Weber kam im Jahre 1862, 18 Jahre alt, nach Samoa. Anderthalb Jahre darauf, 1864, ging der damalige Leiter des Südseegeschäfts des Hauses Godeffroy auf einer Reise nach den Tonga- und Fidji-Inseln, welche er in einem kleinen Schooner unternahm, während eines Orkans mit dem Schiff zu Grunde und Herr W. mußte zunächst als der Erste der Angestellten sowol die Geschäftsleitung wie auch das Hamburgische Consulat übernehmen und zeigte sich hierbei so befähigt, daß ihm das hamburger Haus nicht nur die Oberleitung beließ, sondern er auch nach einem weitern Jahre von der Freien Hansestadt Hamburg als ihr Consul bestallt wurde. Er wurde dann 1868 zum Consul des Norddeutschen Bundes und 1872 zu dem des Deutschen Reiches für die Samoa- und Tonga-Inseln ernannt. Durch sein selbständiges und geschicktes Auftreten bei den verschiedenen Conflicten zwischen Samoanern und Europäern, welche fast stets durch die Eifersucht auf die fortgesetzt steigende Bedeutung der deutschen Interessen hervorgerufen worden waren, hatte er es bald dahin gebracht, daß ihm die führende Rolle zufiel und in den meisten Fällen die Entscheidung seinen Absichten entsprach. Zur Durchführung dieser Rolle kam es ihm sehr zu statten, daß er die saure Arbeit nicht gescheut hatte, sich die Samoasprache soweit anzueignen, daß er sie nicht nur sprach, sondern auch schrieb und dadurch unabhängig von zweifelhaften Dolmetschern geworden war.

Als Herr W. nach Samoa kam, war das Südseegeschäft des Hauses G. erst im Werden begriffen und beschränkte sich auf den Austausch von europäischen Waaren gegen Landesproducte. Doch erkannte man bald, daß Plantagenbau das zu erstrebende Ziel sein müsse, wozu indeß die Erwerbung von Land erforderlich war. Herr W. begab sich kurz entschlossen an das Kaufgeschäft und hatte dabei solchen Erfolg, daß das von ihm vertretene Handelshaus heute im Besitz von etwa 120000 englischen Acker gleich 50000 Hectaren Land ist, wovon inzwischen ungefähr 4000 Acker zu Plantagen umgewandelt sind, welche letztere einen Werth von 1,800000 M. darstellen und im Jahre 1877 schon einen Ertrag von rund 300000 M. ergeben haben, welcher sich auf das Doppelte steigern wird, wenn die jungen angepflanzten Kokospalmen erst ertragfähig sind.

Es würde mich zu weit führen, wenn ich auseinandersetzen wollte, wie die Thatkraft dieses Mannes es fertig gebracht hat, schließlich die Tonga-, Ellice-, Kingsmill-Inseln und theilweise auch die Fidjigruppe, deren Regierungscontract für Kopra das Haus hat, den deutschen Handelsinteressen zu unterwerfen; erwähnt sei aber noch, daß Herr W. die Koprabereitung in der Südsee eingeführt hat. Früher wurde das Kokosnußöl schon an Ort und Stelle von den Eingeborenen auf rohe Weise gewonnen, wobei etwa die Hälfte verloren ging. Dann wurde das schmutzige Oel in Fässern nach Europa verschifft, wobei wieder viel durch Leckage verloren ging, und dort mußte das Oel sofort umgefüllt und gereinigt werden. Diese außerordentlichen Verluste drängten zu dem Versuch, den Kern der Nuß am Gewinnungsort gleich zu trocknen und so nach Europa zu verschiffen. Der Versuch gelang, und heute kennt man es bereits nicht mehr anders, ohne vielleicht zu wissen, wem das Verdienst dafür zukommt. Die Gewinnung ist jetzt an Ort und Stelle einfacher, dieselbe Nußzahl gibt in den sachgemäß hergerichteten Oelpressen mehr wie den doppelten Ertrag an Oel und zwar reines Oel, die Schiffe laden die Kerne ohne Umhüllung und sparen somit die Fässer, die Rückstände der ausgepreßten Nuß geben ein in Europa theuerbezahltes Viehfutter, die Production auf den Inseln ist durch die einfachere und mit weniger Mühe verknüpfte Bereitungsart verfünffacht, und schließlich kann das Haus in Europa, die Handelsconjuncturen benutzend, die ganze Schiffsladung nach Belieben dirigiren, da die Kopra weder Verlusten noch dem Verderben ausgesetzt ist, oder doch nur in verschwindendem Grade.

Die Regierung in Samoa wird zur Zeit aus zwei Körperschaften gebildet, der Taimua, welche ungefähr dem Senat, und der Faipule, welche der Bürgerschaft der Hansestädte entspricht. Sie ist seit 1874 am Ruder und erwählte zu ihrem Berather unter dem Titel eines Ersten Ministers den amerikanischen Oberst Steinberger, einen Mann, welcher vielfach ein Abenteurer genannt worden ist und dem es unter dem Einflusse der damaligen amerikanischen Regierung gelang, die Wahl auf sich zu lenken. Er wurde von Fremden wie Eingeborenen in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, endlich einmal geordnete Zustände auf den Samoa-Inseln zu schaffen, gut empfangen, verscherzte aber bald seine anfänglich günstige Stellung, da er sich nicht nur als unfähig erwies, sondern durch seine Handlungen auch noch den Verdacht erweckte, ein falsches Spiel zu treiben und alle übrigen Interessen seinen eigenen unterzuordnen. Eine seiner ersten Handlungen war, Malietoa den jüngern, einen wankelmüthigen, energielosen Mann, zum König erwählen zu lassen, um dadurch den Einfluß der Taimua und Faipule lahm zu legen und sich zum eigentlichen Herrn zu machen. Ungefähr zwei Jahre lang ging die Sache noch gut, doch dann veranlaßten der englische und amerikanische Consul, mit welchen Steinberger sich überworfen hatte, im Verein mit dem König Malietoa, der sich die Anmaßungen dieses Mannes auch nicht mehr gefallen lassen wollte, den Commandanten des englischen Kriegsschiffs „Barracouta“, diesen gewaltsam zu entfernen. Dieser Maßregel setzten die Eingeborenen zwar bewaffneten Widerstand entgegen, erschossen dabei auch mehrere englische Matrosen, doch konnten sie ihre Ausführung nicht verhindern. Das Vorgehen der beiden Consuln, bei welchem der deutsche sich nicht betheiligte, wenngleich von deutscher Seite die Entfernung Steinberger's nicht bedauert werden konnte, ist vielfach getadelt worden, weil man es auf persönliche Motive zurückführte. Richtiger dürfte wol sein, daß beide Consuln eine Entwickelung wünschten, welche ihren betreffenden Regierungen die Annectirung der Samoa-Inseln ermöglichte oder doch denselben den maßgebenden Einfluß sicherte und beide sich in Steinberger getäuscht sahen. Zur Zeit der gewaltsamen Entfernung Steinberger's war der deutsche Consul übrigens zufällig nicht in Apia anwesend, sondern befand sich auf den Tonga-Inseln.

Die Entfernung Steinberger's hatte insofern noch ein Nachspiel, als nunmehr die Taimua und Faipule den König Malietoa absetzten, weil er die Hand zur Beseitigung des von diesen Körperschaften erwählten Berathers geboten hatte, und seit dieser Zeit herrscht auf den Samoa-Inseln in gewissem Sinne wieder Anarchie, weil die verschiedenen Stämme ihre betreffenden Königscandidaten zur Herrschaft bringen wollen und nur den Kampf noch nicht wagen, weil kein Stamm zur Zeit sich zum Losschlagen stark genug fühlt und die Taimua und Faipule als die vorläufig einzig mögliche Regierungsform die Unterstützung der Consuln für sich haben.

Die deutschen Interessen beherrschen ganz Samoa, der Handel ist ausschließlich in deutschen Händen und unsere Kriegsschiffe haben in den letzten Jahren nicht nur wesentlich dazu beigetragen, den deutschen Häusern den Besitzstand ihrer durch regelrechte Kaufbriefe erworbenen großen Ländergebiete zu sichern, sondern auch die Samoaner zu belehren, daß das Deutsche Reich auch über seinen Angehörigen in der Südsee wacht und sie in ihren Rechten schützt. Trotzdem aber geben die Eingeborenen gelegentlich doch immer wieder den Einflüsterungen einiger auf die stetig wachsende Bedeutung der deutschen Interessen neidischer Rathgeber Gehör und versuchen, sich an unsern Landsleuten zu reiben, bis das Eintreffen eines deutschen Kriegsschiffes diesem Treiben wieder ein Ende macht. So hatten sich denn auch jetzt in der Zeit, wo keins unserer Schiffe hier gewesen war, einige Klagepunkte zusammengefunden, welche mir zu regeln blieben, soweit es dem Consul nicht gelang, dies mit dem nunmehrigen Rückhalt an unser Schiff allein zu thun.

Die für mich nur in Betracht kommenden Streitpunkte waren die drei folgenden:

1. Die samoanische Regierung war noch immer im Rückstande mit der vollständigen Begleichung einer alten Schuld, welche von dem letzten Bürgerkriege her datirte und den Deutschen Ersatz für den ihnen durch die Samoaner zugefügten Schaden geben sollte. Die Regierung hatte die Berechtigung und die Höhe der gestellten Forderung anerkannt, hatte in verschiedenen Theilzahlungen auch 2700 Mark abgetragen, den kleinen Rest von 444 Mark wollte sie nun aber nicht mehr zahlen unter dem Vorwande, daß sie kein Geld hätte.