Seit heute Nachmittag befinden wir uns im Hafen von Sydney oder wol richtiger im Port Jackson, wie die Engländer ihn ohne Rücksicht auf den Namen der dazu gehörigen Stadt nennen. Die ganze Umgebung mit dem summenden Geräusch, welches einem großen Handelsplatz immer eigenthümlich ist, kommt mir wie eine neue ungewohnte Welt vor, da wir seit sechs Monaten nichts Derartiges mehr gesehen und gehört haben, denn mit dem Verlassen von Valparaiso hatten wir von europäischer Civilisation Abschied genommen, und nun liegen wir ohne einen ähnlichen vermittelnden Uebergang, wie wir ihn auf dem Wege nach den Südsee-Inseln doch in Panama und Nicaragua gefunden, plötzlich nicht mehr vor einer vom Passatwind umwehten und von Palmen umrauschten tropischen Insel, sondern inmitten eines Häusermeeres, vor dessen Steinmassen alle Naturgebilde zurücktreten müssen. Hier werden wir nun nach langer Zeit der Entbehrungen mancherlei Zerstreuung und all die Annehmlichkeiten wiederfinden, welche eine große, reiche und nur von Europäern bewohnte Stadt zu bieten vermag; aber neu wird es uns wieder sein, ganz unter der Menge zu verschwinden, nachdem wir so lange Zeit hindurch überall den Mittelpunkt gebildet haben. Und an den Vorzug, sich wieder einmal ungezwungen und ungekannt in neuer Umgebung frei bewegen zu können, muß man sich auch erst gewöhnen. Eins erinnerte mich übrigens bei unserer Ankunft hierselbst doch daran, daß wir uns noch in der fernen Südsee befinden: der englische Postbeamte, welcher sich bei mir nach mitgekommenen Postsachen erkundigte. In diesen Gewässern übernehmen noch Kriegs- wie Kauffahrteischiffe unentgeltlich die Beförderung der Post zwischen den Plätzen, welche noch keine Postdampferverbindung haben, und so hatten auch wir von dem Herausgeber der Samoa-Zeitung in Apia, welcher dort die Briefe für die australischen und neuseeländischen Postämter in Empfang nimmt, einen Briefbeutel mitgebracht, welchen ich dem Beamten nach Prüfung des unverletzten Verschlusses aushändigen ließ.

Das war eine lange Reise von Apia bis hierher. 25 Tage für nur 2400 Seemeilen macht im Durchschnitt nicht einmal eine deutsche Meile für die Stunde, und an der Unbeständigkeit der Witterung konnten wir wol merken, daß wir uns hier jetzt im südlichen Winter befinden. Seit der Zeit, wo wir die Passatzone verlassen haben — am 30. Juli — haben wir viel stürmisches Wetter angetroffen und ungünstigerweise immer nur Weststürme, welche uns keinen Nutzen brachten. Manches Segel ist uns bei den Böen weggeflogen, kleine Havarien in der Takelage fehlten auch nicht, und am ärgerlichsten war dabei immer noch, daß das Wetter sich diese schlechten Scherze vorzugsweise für die Nacht aufhob und so die Wache an Deck fast stets volle Arbeit für die Nächte bekam. Als ein großes Glück muß ich es indeß betrachten, daß wenigstens eine Bö, welche vorgestern das Schiff überfiel, uns am Tage und zu einer Zeit traf, wo wir gerade keine Segel führten, denn ich weiß nicht, in welchem Zustand oder wo die „Ariadne“ sich sonst jetzt befände. Wir standen am Vormittag des erwähnten Tages nur noch 200 Seemeilen von Sydney ab und der Wind war so unbeständig, daß ich Dampf machen ließ, um aus dieser Gegend herauszukommen, was uns allerdings nicht viel half, da schon im Laufe des Nachmittags ein Weststurm einsetzte, welcher uns zwang, bis gestern Mittag mit Sturmsegeln beizudrehen. Die Feuer unter den Kesseln waren also angesteckt und es konnte sich nur noch um eine Viertelstunde handeln, bis wir genügenden Dampfdruck hatten, um die Maschine in Gang setzen zu können, als von Süden her eine weiße Wolke mit stärkerm Wind heraufzog, welche zwar nicht besonders drohend aussah, mich aber doch veranlaßte, schon vor ihrem Eintreffen die Segel festmachen zu lassen, weil diese Arbeit während der Bö ja sehr viel schwerer sein mußte. Die Mannschaft war an Deck gerufen, die Segel wurden gegeit, die Marsraaen liefen herunter, die Matrosen enterten auf, die Segel verschwanden unter ihren Händen und in dem Augenblicke, wo die Leute die Takelage wieder verließen, setzte die Bö hell pfeifend von der Seite ein und gleich derart urplötzlich mit ihrer ganzen Kraft, daß das Schiff, obgleich keine Segel standen, mit einem Ruck 23° übergeneigt wurde und unter dem riesigen Winddruck so liegen blieb, bis die Wolke über uns weggezogen war, was etwa eine Minute währte. Da das Schiff zur Zeit ziemlich leicht war, weil Proviant, Kohlen und Wasser nahezu aufgezehrt waren, so lag die Gefahr nahe, daß es bei der Plötzlichkeit und Heftigkeit des ganzen Vorganges gekentert worden wäre, wenn es sich noch unter Segel befunden hätte. Denn wenn die Mars- und Untersegel nicht mehr rechtzeitig von ihren Fesseln hätten befreit und wirkungslos gemacht werden können, so würden diese starken Segel und die schwere Takelage bei dem verhältnißmäßig geringen Gegengewicht des Schiffsrumpfes wahrscheinlich den ersten Anprall ausgehalten haben ohne zu reißen und zu brechen und dann hätte die Korvette ein Ende gefunden, wie es in dieser Gegend schon manchem Schiff bereitet worden ist. Bei Tage schon wurde die Gefahr nicht in ihrer ganzen Größe vorher erkannt, aber es lag doch die Möglichkeit vor, im letzten Augenblicke noch durch Loswerfen aller Taue die Segel und einen Theil der Takelage preiszugeben und so das Schiff zu retten, bei Nacht aber wäre dies wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen, wenn die Wolke nicht etwa in der Dunkelheit sehr viel drohender ausgesehen und so zu größern Vorsichtsmaßregeln Veranlassung gegeben hätte.

Eines Tages begegneten wir einer Heerde kleiner Walfische, welche mit hohen Bogensprüngen aus dem Wasser heraus auf uns zueilten, etwa eine Stunde bei dem Schiff blieben, gleichen Curs mit ihm haltend, und dann wieder im weiten Meere verschwanden. Als die plumpen Thiere sich scheinbar so übermüthig in und über dem Wasser tummelten, kam mir der wunderliche Gedanke, daß das von ihnen empfundene Wohlbehagen und Vergnügen sich eigentlich auch in ihrem Gesichtsausdruck widerspiegeln müsse, und ich nahm unwillkürlich das Fernrohr zur Hand, um mir die schwarzen Gesellen genauer zu betrachten. Was ich an den Thieren aber fand, war nicht schön, denn an mehrern entdeckte ich frische Wunden, Stellen, wo 20-30 cm große Stücke Fleisch aus dem Körper herausgerissen waren und woraus ich glaube folgern zu müssen, daß die Fische nicht nur zum Vergnügen aus dem Wasser heraussprangen und an unser Schiff sich herandrängten, sondern dies thaten, um großen Raubfischen zu entgehen, da die Wunden wol auf den Biß eines Haifisches zurückgeführt werden mußten. Das Wasser war leider zur Zeit so bewegt, daß man mit dem Auge nicht unter die Oberfläche dringen konnte, denn sonst wäre es vielleicht möglich gewesen, den Räuber zu entdecken.

Das Beste und Schönste der Reise hierher war die Einfahrt in den hiesigen Hafen, wenngleich sich uns heute Vormittag, als wir bei schönem Wetter Land ansteuerten, Australien nicht von der vortheilhaftesten Seite zeigte, da die durch die Blue Mountains gebildeten hohen Bergketten, deren obere Spitzen bei klarem Wetter von See aus zu sehen sein müssen, sich wie gewöhnlich in ihren bläulichen Dunst gehüllt hatten, daher für uns unsichtbar blieben und das erste australische Land, welches in unsern Gesichtskreis trat, die durchschnittlich nur 100 m hohe, kahle und öde Küste bei Sydney war, auf deren Kamm sich Leuchtthürme, Signal- und Flaggenmasten, sowie einige kleine Gebäude für die Küstenwache in klaren Umrissen von dem bläulichen Dunstkleid der weiter im Lande liegenden Berge abhoben. Mit unserm Vorschreiten entwickelt sich die Küste als eine steile graue Wand, welche nach den Angaben der Karte so jäh abfällt, daß an ihrem Fuß die Meerestiefe immer noch 14-20 m beträgt. Nördlich von den Leuchtthürmen, da, wo der Bug unsers Schiffes hingerichtet ist, wird ein Einschnitt, die 1800 m breite Einfahrt zum Port Jackson sichtbar, in welcher jetzt auch das Hinterland kenntlich wird und immer deutlichere Zeichnung annimmt. Wir dampfen in die Einfahrt, schlagen einen rechten Winkel nach links, steuern zwischen schwimmenden Seezeichen hindurch und an einem Feuerschiff vorbei über eine schmale Bank oder Barre von nur 7 m Wassertiefe, drehen nach einigen Minuten wieder nach rechts, und vor uns liegt eins der schönsten Hafenbilder einer geschäftigen großen Handelsstadt.

Eine Wasserstraße, welche durch Verschiebung des Landes von unserm Standpunkt aus allerdings nur auf eine Länge von drei Seemeilen zu sehen ist, zieht sich in gerader Linie zwischen coulissenartig vorspringenden Landzungen hin, welche beide Seiten der Wasserfläche einfassen und deren mittlere freie Bahn in der äußern uns zunächst gelegenen Hälfte auf 1800 m und später auf nur 600 m verringern. Hinter den Landzungen zeigen sich aber zurücktretende Wasserbuchten von 600-2000 m Tiefe und durchschnittlich 500 m Breite, welche zu unserer Linken von Häusern und ganzen Stadttheilen, zu unserer Rechten von Villencolonien und grünbelaubten Abhängen umschlossen werden. Hinter den Buchten links die amphitheatralisch aufsteigende Stadt mit großen Steinbauten, breiten Straßen und großen parkähnlichen freien Plätzen, rechts die bewaldeten Höhen mit den vor ihnen liegenden und von großen Gärten umgebenen schönen Wohnhäusern, Villen und Flaggenmasten. Links fast nur Menschenwerk, rechts vorherrschend Naturgebilde. Die Wasserfläche ist belebt mit Ruder- und Segelbooten, zu Anker liegenden und in Bewegung befindlichen großen Segel- und Dampfschiffen, auf den hohen Ufern am Lande zeigen sich Erholung suchende Menschen, welche das einlaufende fremde Kriegsschiff durch Tücherschwenken begrüßen; mehrere kleine belaubte Inseln mit stattlichen Gebäuden liegen inmitten der großen Straße; von der Stadt her dringen lange nicht mehr gehörte Laute, wie sie die Vielgeschäftigkeit einer großen, nach Gelderwerb strebenden Menschenmasse erzeugt, an unser Ohr: Dampfpfeifen, Hämmern und Schlagen, und das Gesumme und Gewoge, welches sich aus tausenderlei vielen kleinen Tönen zu einem unbestimmbaren Geräusch zusammenfindet. Gelderwerb ist wol das Schlagwort, welches hier alles beherrscht und sich auch dem einlaufenden fremden Schiff gleich aufdrängt, denn als wir die Stadt noch nicht sehen konnten und ihr mit 11 Knoten Geschwindigkeit entgegeneilten, warf sich ein zierliches leichtes Boot, wie sie nur in Sydney gebaut werden, mit großem Geschick an unsere Seite, hakte sich am Schiffe fest und ließ sich mitschleppen. Ich glaubte zwar, daß das Boot bei unserer großen Fahrgeschwindigkeit gleich unter Wasser schneiden würde, aber nichts von dem, der Junge, welcher den Haken geworfen hatte, paßte auf die Leine auf, ein behäbiger Herr saß am Steuer und nickte uns vertraulich seinen Gruß zu, war aber kein Hafenbeamter oder Lootse, wie ich angenommen hatte, sondern ein ehrsamer wasserkundiger Schlächtermeister, welcher, rechtzeitig von unserm Einlaufen unterrichtet, dem Schiff gleich entgegengefahren war und durch sein meisterhaftes Manövriren mit dem Boot zunächst erreichte, daß man ihn überhaupt herankommen ließ, weil man ihn für etwas anderes hielt, als er war, und er nachher dann als Erster das Schiff bestieg, um seine Waare anzupreisen. In einer der kleinen Buchten, Farm-Cove, welche als Liegeplatz für die Kriegsschiffe reservirt ist, ankerten wir zu Füßen des zum Gouverneur-Palast gehörigen Parks, über dessen Baumwipfel das vornehme Gebäude hinwegsieht und einen Rundblick über den ganzen Hafen hat.

Einfahrt zum Hafen von Sydney.

Port Jackson könnte vielleicht der beste Handelshafen der Welt genannt werden, wenn nicht der Hauptarm der Bucht, an welchem auch die Stadt liegt, durch die vorher schon genannte Barre, welche Schiffen von über 7 m Tiefgang das Einlaufen verwehrt, von dem Meere getrennt würde. Sonst hat der Hafen überall genügende Wassertiefe für die größten Schiffe und, was als geradezu unschätzbar angesehen werden muß, eine Uferlinie, welche in Schlangenwindungen sich um die ganze Bucht hinziehend, eine fortlaufende Kette der schon genannten kleinen Einbuchtungen mit großen Wassertiefen darstellt.

So scheint es fast, als ob die Natur selbst diesen Hafen als großen Handelsplatz geplant habe, da er in seiner Gestaltung als Muster für moderne künstliche Hafenanlagen dienen könnte, denn der Theil des Landes, welcher zur Zeit von der eigentlichen Stadt in Anspruch genommen wird, hat durch diese natürlichen Seitenhäfen eine dreifach größere Uferstrecke erhalten, als er haben würde, wenn das Ufer geradlinig verliefe, und was dies bedeutet, zeigt die Zahlenangabe, daß die jetzige Stadt Sydney infolge dieser Ufergestaltung allein an der Südseite der Bucht, wo die Geschäftsstadt liegt, eine Uferlinie von zehn Seemeilen Ausdehnung hat, während dieselbe sonst nur drei Seemeilen betragen würde. Aber nicht nur für die bequeme Befrachtung der Schiffe mit ungefährlichen Frachtgütern hat die Natur gesorgt, sondern sie hat auch noch die kleinen Inseln als Pulver-, Petroleum- u. dgl. Niederlagen in den Hafen gebaut. Durch diese natürlichen Vorzüge mußten auch die Verkehrsverhältnisse aus der innern Stadt nach dem Hafen außerordentlich bequeme werden und man konnte bei ihrer Anlage von einer ungebührlichen Ausdehnung in die Länge absehen. Ob Sydney auch mit einem weniger vorzüglichen Hafen das geworden wäre, was es jetzt schon ist, muß bezweifelt werden. Wahrhaft betäubend wirkt es, wenn man hört, daß während die Stadt im Jahre 1840 24000 Einwohner hatte, die Bevölkerung jetzt schon über 200000 Seelen beträgt und vorläufig noch in demselben Verhältniß weiter wächst.

15. September 1878.