Unsere Zeit ist nun auch hier abgelaufen und morgen werden wir Sydney wieder verlassen, um nach der uns gewordenen Erholung von neuem unsern Dienstpflichten nachzugehen. Vier Wochen in solcher Stadt zu leben ist genügende Zeit, um viel sehen und lernen zu können, aber nur, wenn man frei über sich verfügen darf und es einem auch gestattet ist, ungekannt die Eigenthümlichkeiten der Tag- und Nachtbilder zu studiren. Dieser Vorzug wurde mir aber nicht zutheil, denn vom ersten Tage an mußte ich mich zu der Gesellschaft des Gouverneurs, zu welcher auch unser Consul gehört, rechnen und war dadurch gleich infolge der verschiedenartigsten Einladungen derart gebannt, daß ich an interessante Entdeckungsfahrten in das Volksleben nicht denken konnte, sondern mich in dieser Beziehung mit dem begnügen mußte, was die jüngern Herren mir darüber erzählten.

Am Morgen nach meiner Ankunft, nachdem ich den Besuch unsers Consuls empfangen hatte, machte ich mit diesem Herrn zusammen dem hier residirenden Gouverneur von Neusüdwales meine Aufwartung, durfte mich auch seinen Damen vorstellen und erhielt gleich zum Abend desselben Tages eine Einladung zum Diner. Im Laufe des Nachmittags erwiderte der militärische Adjutant des Gouverneurs in dessen Namen meinen Besuch und übergab mir auch im Auftrage der liebenswürdigen Dame des Hauses einen Schlüssel zu einem quer ab von unserm Ankerplatz liegenden Thor zu dem Gouvernements-Park, damit ich bei meinen Besuchen im Government-House stets auf dem kürzesten und zweifellos angenehmsten Wege dahin gelangen könne. Der Gouverneur ist Civilbeamter und gehört zu der bevorzugten Menschenklasse, aus welcher die englische Regierung die Personen für diese wichtigen Posten auswählt, wenngleich die Herren, welche hierzu berufen werden, oft ihre eigentliche Heimat nicht mehr wiedersehen, da sie das höchste Amt eines Gouverneurs in der Regel in einer Colonie nur abgeben, um es in einer andern wieder zu übernehmen. Der Gouverneur von Neusüdwales hat einen fürstlichen Sitz, bezieht ein Jahresgehalt von 7000 Pfd. St. und erfreut sich daneben noch mancherlei anderer diesen Aemtern zukommenden Gerechtsame. So hat er das Recht der Wahl seines Adjutanten und Secretärs, was für sein Familienleben zuweilen von großer Bedeutung ist, wie z. B. in dem vorliegenden Falle der Gouverneur den Gatten seiner ältesten Tochter, einen Armeeofficier, sich als Adjutanten hat commandiren lassen, sodaß die Aeltern nun den Vorzug genießen, wenigstens diese Tochter nebst Gatten und Kind stets mit unter ihrem Dache zu haben, da Adjutant und Secretär ihrem Gouverneur von Platz zu Platz folgen und im Government-House Dienstwohnung finden. Andererseits müssen die Aeltern allerdings auch oft auf vielleicht Nimmerwiedersehen von ihren Kindern Abschied nehmen, denn wenn der hiesige Gouverneur Australien verlassen sollte, dann muß er sich wol für immer von seiner zweiten Tochter trennen, da diese während unsers Aufenthalts hierselbst einen Herrn geheirathet hat, der als Besitzer großer Viehstationen sich schwerlich wieder von Australien wird losreißen können, denn je größer der Besitz ist, um so stärker ist ja der Besitzer an die Scholle gefesselt. Ein mir als reich bezeichneter älterer Herr, welchen ich kennen lernte, sprach sich sehr wehmüthig und entsagungsvoll darüber aus, daß er nicht mehr nach Alt-England zurückkehren könne, und als ich dies in Rücksicht auf seine gute finanzielle Lage nicht verstehen wollte, gab er mir die Erklärung, daß er nie einen Käufer finden würde, welcher im Stande sei, ihm einen nur einigermaßen annehmbaren Preis für seine Liegenschaften zu zahlen, da große Kapitalisten als Käufer in diese entfernten Colonien nie kämen, sondern nur Leute mit bescheidenern Mitteln, welche erst erwerben wollen; und wer hier überhaupt verkaufe, wolle auch den ganzen Kaufpreis ausgezahlt erhalten. Dies letztere wurde mir erst in den jüngsten Tagen verständlich, als wieder einmal infolge der im Innern anhaltenden Dürre so viel Vieh auf den hiesigen Markt getrieben wurde, daß das Pfund Rind- und Hammelfleisch nur wenige Pfennige kostete. Tritt ein solcher Fall ein, dann ist derjenige Besitzer, welcher nur eine kleinere Anzahlung machen konnte, gewöhnlich wol bankrott und der frühere Besitzer hat natürlich das Nachsehen, namentlich wenn er in England wohnt.

Abends beim Gouverneur traf ich eine ziemlich große Gesellschaft an, die Damen in kostbaren Toiletten, zu welchen die drei Töchter des Hauses reizend geschmackvollen und reichen Blumenschmuck angelegt hatten. Im großen und ganzen läßt sich von den anwesenden Damen und Herren nur sagen, daß mir die Familie des Gastgebers in diesen Gesellschaftsrahmen nicht recht hineinzupassen schien. Zwischen Ministern, die aus der Bevölkerung der Colonie gewählt sind, Besitzern großer Viehstationen, Sportsmen und Kaufleuten, welche durch ihren Reichthum und wol auch ihre politische Stellung eine Rolle spielen, erschienen mir der Gouverneur und seine Familienmitglieder, bei welchen jede Bewegung und jedes gesprochene Wort an die vornehme Herkunft und die hohe Stellung, welche sie einnehmen, erinnerte, als ganz fremdartige Erscheinungen, welche wol am richtigsten mit fürstlichen Personen zu vergleichen sind, denen von einer mit republikanischen Gewohnheiten prahlenden Umgebung doch willig die höhere gesellschaftliche Stellung eingeräumt wird. So war bei einem Ball, welchen die Junggesellen der guten Gesellschaft den verheiratheten Familien gaben und wozu wir auch Einladungen erhalten hatten, für den Gouverneur und seine Familie eine Art Thron mit mehrern Stufen errichtet, wohin nur diejenigen Personen Zutritt erhielten, welche dahin befohlen wurden. Im Gegensatz hierzu steht wieder die schwierige Stellung, welche der Gouverneur bei seinen Ministern und dem Parlament, wo es häufig amerikanisch derb hergehen soll, findet; doch wird dem jetzigen Gouverneur nachgerühmt, daß er in sehr sicherer und taktvoller Weise die Klippen zu umschiffen weiß, mit welchen sein schwieriges Amt übersät ist, denn die einzelnen australischen Colonien, welche bekanntlich voneinander ganz unabhängig sind, sind dies praktisch auch von dem Mutterlande, von welchem sie nur den von der Königin ernannten Gouverneur annehmen müssen, und dadurch wol unwillkürlich zu dem Versuch gedrängt werden, diesen unabhängigen Mann in ein Abhängigkeitsverhältniß zur Colonie zu bringen. Diese hat auch ihre eigenen Miliztruppen und Befestigungsanlagen, die englischen Kriegsschiffe sind hier ebenfalls nur Gäste, und das von der Colonie von Neusüdwales dem jeweiligen Befehlshaber des in der Südsee stationirten englischen Geschwaders und seiner Familie hier in Sydney zu freier Benutzung überwiesene vollständig ausgestattete große Wohnhaus ist ein freiwilliges Geschenk der Colonie an die Flotte des Mutterlandes. Wie rücksichtslos in anderer Beziehung die Colonie auf ihre Selbständigkeit pocht, dürfte daraus hervorgehen, daß es den englischen Kriegsschiffen ebensowenig wie fremden Schiffen möglich ist, ihre Deserteure wiederzuerhalten, da die Polizei jede Mitwirkung hierzu ablehnt unter dem Vorwand, daß ihre Macht sich nur auf die innere Stadt beschränke und die Häuser, wo die weggelaufenen Matrosen Unterschlupf finden, in den Vorstädten liegen. So waren einem englischen Kanonenboot mit einer Besatzung von 120 Mann, 85 Mann weggelaufen; der Commandant des Schiffes und die Polizei wußten, wo die Leute frei umhergingen, aber nicht einmal die Einwirkung des Gouverneurs konnte erreichen, dem wehrlos gewordenen Schiffe seine Besatzung wieder zuzuführen. Böse Zungen behaupten, daß die Colonie, welche für jeden arbeitskräftigen Einwanderer eine Prämie von 45 Pfd. St. zahlt, hieraus ein Geldgeschäft macht, weil sie für diese Einwanderer keine Prämie zu zahlen brauche. Die Hauptaufgabe des Vertreters der heimischen Regierung wird hier vorzugsweise darin bestehen, die Einflüsse unschädlich zu machen, welche die schon sichtlich amerikanisch-republikanisch angehauchten Neigungen der Colonisten zu stärken geeignet sind, um so den Zeitpunkt der doch über kurz oder lang eintretenden Losreißung des großen australischen Staates von dem kleinen Mutterlande möglichst lange hinauszuschieben.

Die Universität in Sydney.

Die Stadt genießt die Vorzüge ihrer Jugend: gerade, breite, systematisch angelegte Straßen, große öffentliche Parks inmitten der Stadt und zueinander passender Baustil der öffentlichen Gebäude, an denen Sydney außerordentlich reich ist. Unter den öffentlichen Bauten führe ich an: Das Government-House, das Parlament, der Gerichtshof, das Schatzamt, die Münze, das Rathhaus, die Universität, 2 große Kathedralen, ein großes Hospital, das Museum, die Volksbibliothek, die Börse, das Post- und Telegraphenamt, die Ausstellungsgebäude, 13 Banken, 3 Theater und 6 größere Clubhäuser. Rechnet man dazu die vielen großartigen Verkaufsläden, so begreift man, daß Sydney eine wirkliche Großstadt zu nennen ist. Von den öffentlichen Parks sind in erster Reihe die Domäne und Hydepark zu nennen, beide mit hohen Bäumen bestanden und von schattigen Fußwegen, sowie breiten Fahr- und Reitwegen, durchschnitten. Eine wahre Perle ist die Domäne, welche Farm-Cove umfassend und die beiden die Bucht bildenden Landzungen in sich schließend eine Fläche von etwa 1400 m Länge und 700 m Breite einnimmt. Innerhalb der Domäne liegen auf der einen Landzunge das Government-House und der weitläufige, im großartigsten Stil angelegte Botanische Garten; die andere Landzunge, an deren Fuß sich Seebäder befinden, ist öffentlicher Park. Der Botanische Garten, für welchen die Colonie eine besondere Zärtlichkeit zu besitzen scheint, enthält an Bäumen, Sträuchern und Blumen wol so ziemlich alles, was man in der heißen und gemäßigten Zone unserer Erde an bedeutendern Pflanzen finden kann. Mich interessirten besonders die Nadelhölzer und hier wieder vorzugsweise die durch ihre feinen Nadeln, schönen Formen und Farben berühmten Tannen der kleinen Insel Norfolk. Natürlich hat Sydney auch seinen Rennplatz und große Criquet- und Lawn tennis-grounds. Hier, wie an entfernter liegenden Fischplätzen und auf dem Hafen kann man sich an der Lebendigkeit der Bewohner sowie daran erfreuen, daß die Menschen, trotz ihres Hastens nach Gelderwerb, die Freude an unschuldigen Vergnügungen und am Sport nicht verloren haben; ja, ich möchte behaupten, daß ich bisjetzt noch keinen Platz kennen gelernt habe, wo die Bevölkerung sich nach Schluß der Geschäftsstunden so allgemein der körperlichen Erholung widmet. Dampfer und Eisenbahn bringen die nach Abwechselung und Zerstreuung lüsternen Städter nach beliebten Ausflugspunkten; mit erstern fahren sie den Fluß hinauf oder über See, vermittelst der letztern kommen sie in die Berge; Fuhrwerke aller Art, eigene und Miethswagen, eilen zu den Spielplätzen, und Lustjachten wie kleinere Segel- und Ruderboote beleben den Hafen. Namentlich an den Sonntagnachmittagen sind bei gutem Wetter die sämmtlichen kleinen Segelboote in Bewegung nach der Hafenmündung zu, und ich habe noch bei jeder solchen Gelegenheit eins oder zwei der Boote kentern sehen, weil sich bei diesen Ausflügen stets Wettfahrten entwickeln, da der Engländer davon nun einmal nicht lassen kann, und die Leute, von denen viele nichts von dem Segeln verstehen, dann übermäßig Segel führen. Ein weiteres Unglück, als daß die Gekenterten naß wurden, passirte dabei indeß nicht. Der Sport spielt hier überhaupt in gewissen Grenzen vielleicht noch eine größere Rolle als im Mutterlande, löst doch ein Wettrennen das andere ab, und bereisen doch die Criquetspieler nicht nur die australischen und neuseeländischen Städte, sondern sogar England, um andere derartige Gesellschaften zum Preiskampf herauszufordern. Während unsers hiesigen Aufenthalts wurden in Sydney zwei Rennen abgehalten und von mehrern in andern Städten war noch die Rede. Der Gouverneur ist selbst großer Sportliebhaber, hat acht Rennpferde im Stalle stehen und fuhr als richtiger Sportsman zu einem Rennen, das in unmittelbarer Nähe der Stadt abgehalten wurde, selbst four in hands seine große Coach, in welcher seine ganze Familie sowie die von ihm Geladenen, zu denen auch ich gehörte, Platz fanden. Die Damen saßen in dem Wagen, wir Herren oben auf dem Verdeck.

Das Klima, welches annähernd dem von Süditalien mit dem Vorzug eines kühlern Winters entspricht, scheint dem menschlichen Organismus ebenso zuträglich zu sein wie den Kindern der Pflanzenwelt, unter welchen auch die Früchte eine hervorragende Rolle spielen, denn es sollen z. B. in den Anpflanzungen bei Sydney und Paramatta mehr Orangenarten zu finden sein als auf dem ganzen übrigen Erdball. Man hat durch Kreuzung und Veredelung neue Arten und von bekannten Arten andere Größen gewonnen, und von den letztern werden kleine, nur wallnußgroße Mandarinen wegen ihres feinen Geschmacks und Saftreichthums besonders geschätzt.

Im Botanischen Garten von Sydney.

Die wohlhabendern Klassen halten vielfach daran fest, außerhalb der Stadt zu wohnen. Die meisten dieser Wohnungen findet man nach der Seeseite zu und auf dem nördlichen Ufer des Hafens, wo schöne Häuser in herrlichen Gärten liegen, doch fängt man seit der Fertigstellung der Eisenbahn nach den Blue Mountains auch an, sich dort an höher gelegenen Punkten anzusiedeln. Die große Entfernung der Privatwohnungen von den Geschäftsräumen und der Umstand, daß sich in einer aufstrebenden Colonie in der bessern Gesellschaft immer eine unverhältnißmäßig große Zahl unverheiratheter jüngerer Männer vorfinden, erklärt wol die vielen Clubhäuser und deren starke Benutzung zur Frühstückszeit.