Die nebenstehende Skizze gibt den Grundriß der Insel. Die doppelt punktirte Linie ist das Korallenriff, welches in beinahe viereckiger Form die Lagune einschließt; die zwischen den punktirten Linien liegenden schwarzen Körper sind die Inseln, welche über dem Meeresspiegel liegen und mit Bäumen und Strauchwerk bestanden sind; da wo die punktirte Linie unterbrochen ist, soll sehr tiefes Wasser sein, ist aber in Wirklichkeit nicht vorhanden. Die mit Pfeilspitzen versehene ausgezogene Linie ist der Weg des Schiffes in die Lagune und wieder aus derselben heraus, der eingezeichnete kleine Anker gibt den Ankerplatz des Schiffes. Der große Durchmesser der Lagune beträgt acht Seemeilen oder zwei deutsche Meilen, der kleine 4½ Seemeilen; die Länge der großen Insel beträgt fünf Seemeilen, die Breite ¼ Meile oder ungefähr 500 m. Die Tiefe des Wassers in der Lagune ist mit Ausnahme einiger in ihr liegenden Korallenbänke fast durchweg über 30 m; bequemen Ankergrund findet man nur ganz in der Nähe des Landes.
Unser Aufenthalt in Funafuti war nur auf zwei bis drei Tage veranschlagt. Denn wenn ich auch mit der Absicht hingegangen war, mit dem sogenannten König zur Sicherung des deutschen Handels und der deutschen Interessen eine Uebereinkunft abzuschließen, so wollte ich, um mein Reiseprogramm einzuhalten, bei der Unbedeutendheit des Platzes als Arbeiterquelle doch lieber meine Absicht aufgeben, wenn es uns nicht gelingen sollte, in der festgesetzten Zeit zu einem befriedigenden Resultat zu kommen. Dies geschah aber und so konnten wir Funafuti schon am 13. mittags wieder verlassen. Bei meiner Ankunft hatte zwar der Zauber, mit welchem diese Oasen des Weltmeeres den Fremdling umstricken, auch mich gefangen genommen und den Wunsch in mir rege werden lassen, den Aufenthalt auf eine längere Zeit auszudehnen, doch die Pflicht, welche mich nach andern Plätzen rief, ließ dies nicht zu und ich hatte es schließlich auch nicht zu bereuen. Ein zweitägiger Aufenthalt genügte vollkommen, mich in die Prosa des Lebens zurückzuversetzen.
Am Morgen nach unserer Ankunft fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang wieder an Land, um an dem schönen Strande ein Bad zu nehmen und danach in der Morgenfrische einen Spaziergang zu machen. Noch weit ab vom Lande, als mein Boot in etwa 8 m tiefes Wasser kam, verwandelt die Flut ihre tiefblaue Farbe in ein helles Grün, das Wasser wird zu Krystall und gestattet dem Auge bis zu dem offen daliegenden Meeresgrunde vorzudringen, wo auf dem grün angehauchten Sande die fleißigen Maurer des Meeres ihre wunderlich und schön geformten Gebilde unregelmäßig angebaut haben. Kleine zarte Korallenstauden mit unzähligen Aesten wechseln ab mit riesigen Korallenblöcken, welche ihr Haupt schon bis nahe an die Wasseroberfläche erhoben haben und das Boot zum Ausweichen zwingen, wenn es nicht an den scharfen Zacken des mächtigen unterseeischen Thurmes schweren Schaden nehmen will. Zwischen und auf den Korallen liegen Muscheln, unter welchen namentlich eine Art sich dem Auge entgegendrängt. In weit klaffender unscheinbarer Hülle von der Größe eines Tellers spreizt sich das im reinsten Indigo schimmernde Thier und läßt seine schöne blendende Farbe nach oben strahlen, wie der Pfau sein Rad der Sonne entgegenbreitet. Auf dem Sande liegen blutegelartige Thiere von 20 cm Länge und 5 cm Dicke, welche einen bedeutenden Handelsartikel nach China bilden. Diese von den Chinesen als große Leckerbissen geschätzten Mollusken werden in getrocknetem Zustande verschifft und später als gallertartige Suppe gegessen; im Handel führen sie die Bezeichnung biche-le-mare oder Trepang, der zoologische Name ist Holothuria. Viel gibt es hier auf dem Meeresboden zu sehen, so viel, daß man es in kurzer Zeit nicht zergliedern kann, wie dazu ja auch überhaupt ein vieljähriges Studium gehören dürfte. Heute bin ich froh, kein Naturforscher zu sein, weil ich dadurch der Nothwendigkeit enthoben bin, meine Sinne wissenschaftlichen Beobachtungen zu widmen und daher, in schnellem Lauf über diese eigenartige Welt hinsegelnd, mein Auge mit Entzücken über die kleinen Wunderwerke hingleiten lassen kann, wie über ein schönes Bild.
Die Gig läuft hoch auf den weichen Sandstrand und ein Sprung bringt uns auf das Trockene. Das kleine Dorf ist schon voller Leben, da die Eingeborenen mit den Vögeln aufstehen. Unser Weg führt uns an einer dicht am Strande liegenden Hütte vorbei, welche uns dadurch auffällt, daß die Seitenwände nicht mit Matten behängt sind. Ein Blick in das Innere zeigt uns eine kleine beschriebene Tafel, an welche wir herantreten, da der Consul die Landessprache spricht und schreibt. Sie enthält die Angaben über die Bevölkerungszahl der Insel, welche 156 Seelen beträgt; doch gewiß ein stattliches unabhängiges Königreich. Die Insel war allerdings früher sehr viel stärker bevölkert und vermag auch die zehnfache Zahl gut zu ernähren, sie hat aber den größten Theil ihrer Bewohner Mitte der sechziger Jahre durch einen Schurkenstreich peruanischer Sklavenjäger verloren.
Ein peruanisches Schiff ankerte derzeit in der Lagune von Funafuti und führte sich als Missionsschiff ein. (Die Missionsgesellschaften unterhalten hier eigene Schiffe, um die Verbindung zwischen den von ihnen besetzten Inseln aufrecht zu erhalten und neue Plätze ihrem Wirken zu eröffnen.) Die Funafutier hatten schon von den Missionaren auf den andern Inseln gehört und hegten den Wunsch, auch so etwas Besonderes zu besitzen. Der im Talar mit der Bibel in der Hand an Land kommende Scheinmissionar wurde daher gut aufgenommen und fand es leicht, die Leute zu veranlassen, am nächsten Tage mit Frauen und Kindern an Bord zu kommen, um dort die neue Lehre zu vernehmen. Als das Schiff mit Menschen gefüllt war, wurden sie in das Zwischendeck geführt, wo der Mann im Talar ihrer wartete, sie aber schnell verließ, sobald alle im Raum versammelt waren. Dann wurden plötzlich alle Luken geschlossen, das Schiff ging unter Segel und die schwer getäuschten harmlosen Insulaner blieben für immer verschollen. Das Gerücht sagt, daß nur wenige von ihnen Peru erreicht haben und diese dort auch schnell hingestorben sein sollen, weil die weichlichen Polynesier, wie die Schwalben an ungebundene Freiheit gewöhnt, kein Sklavenleben ertragen können.
Dicht neben der vorhergenannten, als öffentliches Berathungshaus benutzten Hütte, steht die Kirche mit der Wohnung des Missionars, eines als Lehrer ausgebildeten Eingeborenen. Die Kirche sieht ebenso aus, wie alle Kirchen auf diesen Inseln: eine lange breite Hütte mit hohem Dach nach dem Modell der Hütten der Eingeborenen und nur mit dem Unterschied, daß sie sehr viel größer ist und feste, aus Korallenblöcken aufgebaute Seitenwände mit kleinen viereckigen, durch Holzläden verschließbare Fenster hat; außerdem ist sie noch abweichend von den Hütten mit einem weißen Kalkanstrich versehen, wodurch sie weithin sichtbar wird und den Schiffen als Wegweiser zum Ankerplatz dient. Der Missionar oder richtiger Missionslehrer ist nicht anwesend, sondern nach einer im Norden gelegenen Insel gereist, um eine Anklage gegen einen Collegen zu untersuchen, welchem vorgeworfen wird, sich neben seiner Frau noch einen kleinen Harem eingerichtet zu haben.
Einige Schritte bringen uns zu den Hütten der Eingeborenen, welche ohne Plan verstreut unter den Kokosnußbäumen liegen. Es ist auffällig, hier so schlechte und schmutzige Wohnungen zu finden, da die Eingeborenen reiner samoanischer Rasse sind und die Samoaner doch großen Werth auf ihre Wohnungen und die Körperpflege legen. Die Hütten sind eigentlich nur zusammengetragene Reiser, welche von Schmutz starren. Der Fußboden besteht nur aus Erdstaub, welcher Menschen und Sachen mit einer Schmutzkruste überzieht; saubere Steine und Matten sind nicht vorhanden. Die Menschen sind fast durchweg mit einer ekelerregenden Hautkrankheit behaftet, der Körper scheint mit kleinen Schuppen bedeckt, die Haut hat sich überall gelöst und macht die Körperoberfläche rauh, die kleinen Ritzen sind mit Schmutz angefüllt. Ob die Hautkrankheit von der allgemeinen Unsauberkeit herkommt oder andern Ursachen zuzuschreiben ist, ist wol noch nicht aufgeklärt. Die Männer sind im Durchschnitt mehr bekleidet wie die Samoaner, die Weiber tragen meistens den Blätterschurz, welcher von den Hüften bis zu den halben Oberschenkeln reicht. So führen diese Menschen in thierischer Trägheit ein klägliches Leben, ohne die großen Hülfsquellen auszunutzen, welche die Natur in den Kokosnußbäumen ihnen gegeben hat. Diese doch immerhin kleine Insel liefert jetzt jährlich 50 Tonnen Copra (getrockneter Kokosnußkern) und nimmt dafür 10000 Mark ein. 2-300 Tonnen Nußkerne lassen die Leute verfaulen, weil sie zu träge sind, die abgefallenen Nüsse aufzusammeln, und lassen somit jährlich ein Kapital von 40-60000 Mark verkommen. Bei sachgemäßer Bearbeitung könnte diese Insel nach Ansicht des sachverständigen Consuls jährlich sogar 5-600 Tonnen Copra produciren und dafür nach dem jetzigen Preise 100-120000 Mark erlösen. Diese Menschen haben aber keine Bedürfnisse und sind deshalb vielleicht gerade glücklich.
Von dem Dorf und seinen Bewohnern haben wir genug gesehen; die Aussicht auf ein schönes Bad lockt uns mehr, und bald haben wir eine passende Stelle gefunden, wo wir uns in der krystallklaren Flut erfrischen und wenigstens für kurze Zeit den lästigen Angriffen der unzähligen Fliegen entgehen. Die schnell steigende Sonne mahnt uns indeß an den beabsichtigten Spaziergang, und nach kurzer Zeit stehen wir vor dem Kokosnußwald ohne jedoch eindringen zu können. Der schöne Rasen, welchen man aus der Ferne um den Fuß der Palmenstämme zu sehen wähnt, ist ein dichtes mannshohes Gebüsch aus einer Art Eisenholz, welches zwar den Kanakers[B] ein Durchkommen gestattet, dem Europäer aber den Weg doch zu mühsam macht. Wir gehen daher an dem Waldessaum entlang dem Dorfe wieder zu und finden dann auch bald einen der vielen Pfade, welche quer durch die Insel nach dem entgegengesetzten Ufer führen. Nach wenigen Schritten ist die Lagune mit ihren sandigen Ufern unsern Blicken entschwunden und wir sind auf einem Wege, wo wir doch mehr Leben finden, als wir erwartet hatten. In einer Lichtung stoßen wir auf eine schmutzige Pfütze, welche auf der ganzen Insel das einzige süße Wasser enthält. Ein altes Weib sitzt in dem Wasser, auf einem andern Pfade kommt, nach ihrem Anzug zu urtheilen, eine vornehmere Dame mit mehrern Dienerinnen, um ebenfalls ihr Morgenbad zu nehmen. Demnach scheint bei diesem schmutzigen Stamme die Vorliebe der sonst reinlichen Polynesier für das Baden doch noch nicht erloschen zu sein, sofern es sich um ein Bad in süßem Wasser handelt. In einer zweiten Lichtung finden wir von fernen Inseln hergebrachte gute Erde in regelmäßige Beete eingetheilt, um in derselben Bananen zu ziehen. Weiterhin treten wir aus dem Walde und kommen an einen mit dem Meere in Verbindung stehenden kleinen Salzwassersee, an dessen Ufern Strandschnepfen in ungestörter Ruhe Würmer suchen. Noch einmal treten wir in den Wald und sind nach wenigen Schritten an dem jenseitigen Ufer angelangt. Hohe Brandung überspült hier den felsigen Fuß der Insel und hält einen breiten Gürtel frei von allem vegetabilischen Leben. An dem Saum der auflaufenden Wogen ist das Ufer eine feste Steinmasse, weiter oben hin ein wüstes Durcheinander von Korallensteingeröll, welches das Gehen sehr erschwert. Das unruhige und gewaltthätige Treiben der Brandung, das graue, zackige, rauhe Steinufer, große Steinblöcke mit dem Geröll zerbröckelter Steine, das Brausen des kräftigen Windes und die düstere Färbung der weiter abliegenden, eine feste Wand bildenden grauen Palmenstämme, deren Kronen sich in eintönigem Rauschen nach der ruhigern Seite neigen, geben zusammen der Insel auf dieser Seite einen wesentlich andern Charakter, als man ihn beim Einlaufen in die Lagune gefunden hat.
Die auffallende Höhe des obersten Kammes der Insel über Wasser (etwa 3 m) und der Umstand, daß der ganze über Wasser liegende Theil aus einem fest zusammengefügten Korallengebilde besteht, verleitet uns zu oberflächlichen Untersuchungen über die wahrscheinliche Entstehungsart dieser Insel. Es ist ausgeschlossen, daß die Korallen selbst so hoch gebaut haben, weil sie bekanntlich an der Wasseroberfläche absterben; ebenso ist es ausgeschlossen, daß angeschwemmte fremde Körper diesen hohen Rücken gebildet haben, denn das Land ist eine geschlossene Korallensteinmasse, auf welcher nur lose Steine liegen und wo jede Erdschicht fehlt; diese Korallenbank kann also nur durch wachsendes Land über Wasser gehoben worden sein, die Insel muß daher ihr Dasein vulkanischen Einflüssen verdanken. Beim Suchen von Muscheln und kleinem Gethier finden wir an der Wassergrenze eine dicke Schicht von angeschwemmtem Bimsstein. Schon mehrere Tage vorher hatte das Schiff auf hoher See große Bimssteinfelder durchschnitten, welche jedenfalls von den zu Anfang dieses Jahres in Neu-Britannien stattgehabten starken Kraterausbrüchen herrühren und durch die Meeresströmungen bis hierher geführt worden sind. Dieser Bimsstein wird in wenig Jahren verwittert guten Boden abgeben, und so zeigte uns ein Zufall, wie wahrscheinlich die Koralleninseln die Erdschicht erhalten haben, welche den Menschen die Anpflanzung der für ihr Leben nothwendigen Früchte möglich gemacht hat.
Derselbe Weg, welchen wir gekommen, führt uns in kurzer Zeit von der eben beschriebenen herbstlichen Scenerie nach dem innern Ufer zurück, wo die heiße Sonne über der schönen ruhigen Lagune steht, von deren blendender Wasserfläche die schwarze kriegstüchtige „Ariadne“ sich scharf abhebt. Die Kokospalmen entfalten ungehindert ihr duftiges, von dem Winde unberührtes Laub in dem Sonnenschein, die Eingeborenen sitzen träge vor und in ihren Hütten, zwischen welchen Schweine und Hühner ebenso munter umherlaufen, wie die kleinen nackten braunen Kanakerkinder ihre rohen selbstverfertigten Drachen auf dem weißen Sande des Strandes in der leichten Brise steigen lassen und durch schnellen Lauf dem Winde nachhelfen. Einige Schmetterlinge schweben über den dürftigen Blumen, welche zwischen den Gräsern stehen, und ungezählte Massen von Fliegen peinigen Menschen und Thiere.