Wir fuhren an Bord zurück, nahmen unser Frühstück ein und segelten dann in der Gig quer durch die Lagune nach einer sieben Seemeilen entfernten kleinen Insel, um dort nach Schildkröten zu suchen. Unsere Absicht erreichten wir indessen nicht. Die kleine Insel war von einem so weitauslaufenden Riffe umgeben, daß wir viel Zeit gebraucht hätten um durchzuwaten, Mittag war auch schon nahe und der Rückweg weit. Wir traten daher gleich die Rückfahrt wieder an und kehrten eben zeitig genug an Bord zurück, um noch etwas zu essen und dann den an Bord bestellten König mit seinen Räthen zu empfangen. Der König trug heute die Hose, welche gestern der eine der Lootsen, und das Hemd, welches der andere anhatte. Nachdem der Besuch das Schiff besichtigt hatte, wurden die Herrschaften in die Kajüte geführt, bekamen je eine Cigarre und ein Glas Aepfelwein, und es wurde ihnen dann erklärt, daß die zeitweise gegen Deutsche und deutsche Schiffe vorgekommenen Unordnungen sich nicht mehr ereignen dürften. Das beste Mittel, solchen Unannehmlichkeiten auf friedlichem Wege vorzubeugen, sei der Abschluß einer Uebereinkunft, welche die gegenseitigen Rechte und Pflichten scharf begrenze. Darauf las der Consul ihnen die vorher fertiggemachte Uebereinkunft in ihrer eigenen Sprache vor, die Sache wurde berathen und nach einer Stunde waren die beiden in Deutsch und Samoanisch ausgefertigten Originale von dem König von Funafuti und seinen Räthen, sowie von mir unterzeichnet und abgeschlossen. Das Wesentliche der Uebereinkunft besteht darin, daß die Deutschen vollständige Handelsfreiheit haben, Land kaufen und miethen können; daß gescheiterten deutschen Schiffen jeder Beistand geleistet und Leben wie Eigenthum gewährleistet wird; daß Deserteure von deutschen Schiffen auszuliefern sind; daß Gesetze, welche Fremde berühren, nur dann für Deutsche Geltung haben, wenn sie vorher mit dem deutschen Consulat vereinbart sind; Anordnung, wie Streitigkeiten zwischen Eingeborenen und Deutschen zu schlichten sind; sowie schließlich die Verpflichtung, daß die Deutschen auf Funafuti stets dieselben Vorrechte genießen sollen, welche später etwa andern Nationen gewährt werden sollten.
Abends nach dem Essen gingen wir noch einmal an Land, um dem König Lebewohl zu sagen. Während wir zum Boot zurückkehrten, wurde an Land die Trommel geschlagen als Zeichen, daß nunmehr (7 Uhr abends) alle Eingeborenen ihre Hütten aufzusuchen hätten. In diesen wurde es hell, um das in der Mitte angezündete Feuer saß die Familie und beschloß das Tageswerk durch Absingen einiger geistlicher Lieder. Wir kehrten an Bord zurück und schlossen auch mit Funafuti ab.
Am nächsten Tage, am 13. nachmittags 2 Uhr, lichteten wir den Anker, dampften durch die Lagune und verließen dieselbe durch die nördliche Einfahrt, unsern Curs nach Vaitupu, einer andern Insel der Ellice-Gruppe, nehmend. Bei dieser Gelegenheit hatte ich übrigens noch eine starke Nervenerschütterung zu ertragen. Als wir zur Durchfahrt, welche nach Angabe der Lootsen 15 m Wassertiefe haben sollte, und dort in die hochgehende See kamen, wurden plötzlich nur 8 m Tiefe gemeldet und bei dieser Wassertiefe lag ein Durchstoßen des Schiffes nahe. Ein Zurückgehen war nicht mehr möglich; das Herz stand mir momentan still, dann aber gab ich der langsam gehenden Maschine den Befehl, mit Volldampf vorwärts zu gehen, weil dies die einzige Möglichkeit war, das Schiff vor dem tiefen Einstampfen zu bewahren. Es mag sein, daß keine Gefahr für das Schiff vorlag, hätte es aber in diesem hohen Seegang auf das Korallengestein aufgestoßen, dann wäre es wahrscheinlich verloren gewesen, und mit dieser Gefahr mußte ich in dem Moment rechnen. Was solche Augenblicke bedeuten, kann nur derjenige ermessen, welcher die Verantwortung für ein Schiff und so viel Menschenleben zu tragen gehabt hat. Wenige Minuten, während welcher die anstürmenden Wellen über den Bug des mit voller Dampfkraft arbeitenden Schiffes hinwegbrachen, brachten uns in freies Wasser, die Feuer in der Maschine wurden gelöscht und das Schiff setzte die Reise unter Segel fort.
Am nächsten Tage, am 14. nachmittags 3 Uhr, drehte ich dicht unter der Insel Vaitupu bei dem Hauptdorfe bei und fuhr an Land, um dem König meinen Besuch zu machen und dort ebenfalls den Abschluß einer Uebereinkunft vorzubereiten, da bei der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit der wirkliche Abschluß nicht erfolgen konnte, denn ich wollte vor Anbruch der Dunkelheit schon wieder auf dem Wege nach einer andern Insel sein. Das Landen war beschwerlich, weil das Riff der Insel hier nicht steil abfällt, sondern sich nur wenige Fuß unter Wasser weit hinaus erstreckt und so eine große Bank bildet, auf welcher die Wellen überbrechen und als Brandung nach dem Ufer zulaufen. Da keine andere Landungsstelle vorhanden ist, so mußten wir hier durch, ob wir nun naß wurden oder nicht. Es ging besser als ich dachte; die Brandung schäumte an beiden Seiten des langen Bootes vorbei und bedachte uns nur ab und zu mit einem kleinen Spritzer, sodaß wir trocken so weit an das Ufer herankamen, um auf dem Rücken eines Matrosen an Land reiten zu können. Der erste Gruß an Land wurde mir von einem kleinen reizenden, 4-5 Jahre alten Kanakermädchen zutheil. Als ich von dem Rücken des Matrosen herabsprang, stand das Kind in einem saubern Waschkleidchen neben mir, streckte mir seine kleine Hand entgegen und ließ aus seinen schönen großen Augen ein so herzliches Willkommen entgegenleuchten, daß mir ordentlich warm ums Herz wurde. Ein Schatten fiel allerdings gleich auf das Kind, denn die Umstehenden erzählten sofort, daß es das Kind des verklagten Missionslehrers sei, von dem ich vorher erzählt habe, und sich nur zufällig hier aufhalte. Natürlich verstand das kleine barfüßige Mädchen davon nichts, kümmerte sich auch nicht weiter um die andern, sondern sah, meine Hand festhaltend, nur mich an. Ich behielt das kleine süße Ding während meines Aufenthalts am Lande bei mir und schenkte ihr nachher einen blanken halben Dollar, um ihn als Andenken um den Hals zu tragen, da Geldstücke in dieser Weise als Schmuck verwendet werden.
Eine große Menschenmenge stand am Ufer, um uns ankommen zu sehen, darunter ein samoanischer Missionslehrer und ein Deutscher, Agent der Handels- und Plantagengesellschaft in Apia. Diese beiden waren unsere Leute, mit welchen wir zunächst zu verhandeln hatten, und von ihnen hörten wir auch gleich, daß große Aufregung auf der Insel herrsche, weil eine starke Partei den jetzigen König in den nächsten Tagen stürzen wolle. Auch klagte der Deutsche, welcher mit einer Vaitupu-Eingeborenen verheirathet ist, daß ihm verwehrt würde auf einem Grundstück seiner Frau ein Haus zu bauen, weil diese durch ihre Heirath mit einem Fremden alle Ansprüche auf das Land verloren habe. Ferner wurde mir ein Brief eines deutschen Schiffskapitäns übergeben, worin derselbe darüber Beschwerde führt, daß die Eingeborenen die Desertionen von Schiffsmannschaften begünstigen und er dadurch bei seinem letzten Aufenthalte hierselbst wieder einen Mann seiner Besatzung verloren habe. Die am Ufer befindliche Menschenmenge war in sichtlicher Aufregung und schien sehr besorgt zu werden, als sie aus dem in Samoanisch geführten Gespräch hörte, wovon die Rede war. Wir waren nun orientirt und ich sah von neuem ein, wie nöthig es ist, zwischen diesen außer der Welt liegenden Inseln Ordnung zu schaffen, und wie die in Funafuti abgeschlossene Uebereinkunft den Interessen der auf diesen Inseln lebenden Deutschen entspricht. Ich kann dieses Lob ohne Anmaßung aussprechen, weil jene Uebereinkunft nicht von mir entworfen ist, sondern von einem Herrn, welchen ich hier ja nicht weiter zu nennen brauche, und ich nur meinen Namen darunter zu setzen hatte. Wir gingen demnächst zu dem Hause des in der Nähe wohnenden Königs, um ihm unsern Besuch zu machen, wodurch allein nach Ansicht des Missionslehrers sein Ansehen schon so weit gekräftigt wurde, daß die Umsturzpartei alle Chancen verlor. Der König empfing uns, umgeben von seinen Räthen, in seinem Hause, das Volk gruppirte sich um die offene Hütte, die Frauen besetzten die zunächst gelegenen Hütten und mein kleines Mädchen kauerte sich neben mich. Es wurde nun von uns zunächst erwähnt, daß wir zwar von den beabsichtigten Unruhen gehört hätten, dieselben aber jetzt gegenstandslos geworden seien, weil ich hierdurch den König als solchen anerkenne. Das Resultat einer kurzen Berathung der Eingeborenen war, daß die anwesenden Führer der Umsturzpartei erklärten, von jeder Gewaltthätigkeit absehen zu wollen, weil nach meiner Anerkennung des Königs ihr Plan aussichtslos geworden sei. Demnächst wurde dem Deutschen das Besitzrecht des seiner Frau gehörigen Landes zugesichert und ferner feierlich versprochen, alles aufzubieten, um in der Folge Desertionen von den Schiffen zu steuern. Hiernach erklärte der König, daß er am nächsten Tage alle Häuptlinge zu einer Berathung zusammenrufen wolle und daß dann von ihnen eine Uebereinkunft unterschrieben werden würde, sobald ihnen dieselbe von mir zugegangen sei.
Da es Zeit wurde an Bord zurückzukehren, zumal ich auch dem König erlaubt hatte, noch das Schiff für kurze Zeit zu besuchen, so machten wir uns auf den Weg und besichtigten dabei noch das Dorf. Die Insel Vaitupu ist, wenngleich von Korallen aufgebaut, keine Laguneninsel, sondern wie Tongatabu eine über Wasser gehobene, fest zusammenhängende Korallenbank und bietet so eine größere Grundfläche, mithin den Bewohnern mehr Raum. Diesem Umstande ist es wol zuzuschreiben, daß das Dorf einen städtischeren Eindruck macht und man hier, abweichend von der sonst üblichen Anlage derartiger Dörfer, breite Straßen findet, an welchen die geräumigen und saubern Hütten in regelmäßigen Abständen aufgebaut sind. Die Frauen sind fast alle mit langen Gewändern bekleidet, die Männer tragen europäische Kleidung oder doch Hüfttücher aus europäischen Stoffen und das Ganze macht den Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit. Tätowirte Leute sieht man nur ganz vereinzelt, hier ist aber wie auf all den nördlicher gelegenen Inseln und auch schon in Funafuti die Sitte vorhanden, die Ohrläppchen zu durchbohren und dann das untere Fleisch so lange nach unten zu ziehen, bis der Lappen als großer Ring bis fast auf die Schulter herabhängt, wenn er nicht vorher schon gerissen ist und dann nur aus zwei Zipfeln besteht. Diese Verunzierung des Ohres hat sich jedenfalls aus der noch nicht fernliegenden Zeit erhalten, wo die Leute noch nackt gingen und kein Mittel hatten, kleine Gegenstände auf bequeme Art bei sich zu führen. Sie richteten daher das Ohr als Tasche ein, indem der lange Ohrlappenring zu einer 8 geschlungen die Pfeife oder sonst einen kleinen Gegenstand aufnahm und der Eigenthümer seine Hände frei behielt. Daß diese Sitte, welche wol bald verschwinden wird, jetzt noch so allgemein besteht, kann nicht verwundern, wenn man bedenkt, daß diese Eingeborenen vor zwölf Jahren den Gebrauch von Kleidern irgendwelcher Art noch nicht kannten.
Die Bevölkerung von Vaitupu beträgt zur Zeit 490 Seelen, eine große Zahl für eine der Ellice-Inseln, weshalb sie auch die wichtigste für den Handel in der Gruppe ist. Die Bewohner stammen von den Samoanern ab, sprechen deren Sprache und gleichen ihnen in Körperbildung und Hautfarbe, haben aber vielfach andere Sitten angenommen, welche sich äußerlich auch darin zeigen, daß die Männer das Haar kurz, die Frauen es lang tragen und beide Geschlechter das Färben des Haares vermeiden. Die bei Funafuti erwähnte Hautkrankheit kommt, wenn auch nur vereinzelt, hier ebenfalls vor.
Zwischen dem Dorfe und der Landungsstelle liegt ein großer freier Platz, in dessen Mitte sich eine große mit Korallensteinen ausgemauerte Grube befindet, welche zum Auffangen des Regenwassers dient und die Stelle eines öffentlichen Marktbrunnens versieht, wenn überhaupt dieser Himmelsstrich durch Regen beglückt wird. Dies kommt nicht allzu häufig vor und die Cisterne war auch jetzt leer und trocken. Auf demselben Platze befinden sich auch die Kirche und die Wohnung des Missionslehrers, in welch letztere wir nach erhaltener Aufforderung eintreten mußten, wollten wir nicht unhöflich sein. Ein Besuch von solchen Persönlichkeiten, wie sie der Commandant eines Schiffes und der Consul vorstellen, gilt hier sehr viel und es ist daher begreiflich, daß die Leute sich nach solcher Auszeichnung drängen. Für den nur wenige Minuten währenden Besuch wurde ich übrigens dadurch belohnt, daß die Frau des Lehrers mir der Landessitte entsprechend zwei schöne Matten und einige Fächer schenkte, welche ich natürlich annehmen mußte. Beim Besteigen meines Bootes fand ich auch noch weitere Geschenke von dem König vor, nämlich ein lebendes Schwein und ein halbes Hundert frischer Kokosnüsse. Beim Passiren der Brandung hatten wir wieder ebenso viel Glück wie auf dem Hinwege und waren nach weitern 15 Minuten, ohne naß geworden zu sein, wieder auf unserm Schiff, wo ich den kurz nach uns eintreffenden König bewirthete. Mit Dunkelwerden schickte ich ihn nebst Gefolge wieder an Land und trat dann die Weiterreise durch dieses unbehagliche Inselgebiet an.
Jetzt (16. November) haben wir zwar die Ellice-Inseln hinter uns, und vor uns bis zu der Gruppe der Kingsmill-Inseln 150 Seemeilen freies Fahrwasser, es ist aber sehr die Frage, ob dieses freie Wasser nicht noch schlimmer ist wie die Inselpassagen, da zwischen den Inseln doch schon viel gefahren wurde und daher die Untiefen bekannt sind, während die Karten in diesen noch wenig durchforschten Meeren hier außerhalb der Inselgruppen nur große blanke Stellen aufweisen. Unser nächstes Ziel ist Tapituwea (in der Karte Taputeouea oder Drummond-Insel genannt), wo ich wegen der dort herrschenden anarchischen Zustände mich zwar auf keinerlei Verhandlungen werde einlassen können, aber doch dadurch Gutes stiften kann, daß dieser wilden und zu Gewaltthätigkeiten stets aufgelegten Bevölkerung das Vorhandensein deutscher Kriegsschiffe vor Augen geführt wird und dadurch die hier anlaufenden deutschen Schiffe Schutz für Leben und Eigenthum erhalten.
20. November 1878.