Zu guter Zeit machten wir uns am nächsten Tage bei trübem Wetter mit den Booten auf den Weg nach dem mehrere Seemeilen entfernten Wohnort des Königs. Nach einer zweistündigen Fahrt, während welcher auch das Fahrwasser daraufhin untersucht wurde, ob es brauchbar für größere Schiffe sei, langten wir endlich bei der sogenannten Stadt an und hatten, da es gerade Niedrigwasser war, einen weiten Weg durch nassen Sand zu machen. Der erste Eindruck, welchen wir beim Landen empfingen, war grundverschieden von dem, welchen wir von den letztbesuchten Inseln mitgebracht hatten. Obgleich diese Insel von derselben Formation und Bodenbeschaffenheit wie Apamama ist, von derselben Menschenrasse bewohnt wird und nur eine Tagereise von dieser entfernt liegt, ist hier doch alles anders und findet sich die einzige Uebereinstimmung nur in der Tracht der Frauen.

Die Wohnungen bestehen entweder in kleinen Hütten mit geschlossenen Seitenwänden, welche auf Pfählen ruhen und bei Hochwasser von der See unterspült werden, oder aus Hütten nach Art der Samoahäuser, d. h. aus hohen Laubdächern, die von vier Fuß hohen Pfählen getragen werden. Die erstere Art soll jedenfalls Schutz gegen die hier wie auf allen Südseeinseln herrschende Rattenplage gewähren. Die Frauen tragen, wie schon bemerkt, als Kleidung einen schmalen Grasschurz, die Männer ein Hüfttuch aus buntem Baumwollstoff, die Kinder beiderlei Geschlechts gehen bis zu einem ziemlich reifen Alter ganz nackt. Die Frauen tragen das Haar hinten länger, die Männer kürzer als auf den südlicher gelegenen Inseln. Tätowirung habe ich nicht wahrgenommen. Bei unserer Ankunft fanden wir so ziemlich die ganze männliche Bevölkerung betrunken und damit beschäftigt, der Branntweinflasche noch weiter zuzusprechen. Ob ein vor wenigen Tagen hier gewesener englischer Schooner die empfangenen Waaren mit diesem Gift bezahlt hatte oder ob das Getränk von hier wohnenden Chinesen gekauft war, um ein Fest zu feiern, weiß ich nicht; ich vermuthe aber das erstere. Um zum König zu gelangen, mußten wir einen Weg von etwa drei Viertelstunden zurücklegen, wobei wir ununterbrochen zur Rechten und Linken an Gruppen betrunkener Männer vorbeikamen. Hier und da versuchten zwei oder drei Weiber einen Mann wegzuschaffen; es werden wol seine Frauen gewesen sein. Trotzdem auf diesen Inseln ein Mangel an weiblicher Bevölkerung vorhanden ist, herrscht doch Vielweiberei. Nur die höhere Kaste darf sich den Luxus einer oder mehrerer Frauen gestatten, die Männer der niedern Kaste gelten als Sklaven und sind zur Ehelosigkeit verurtheilt.

Kingsmill-Insulanerinnen.

Als wir etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, trafen wir bei einer Frischwassercisterne, deren es viele auf der Insel gibt und welche wahre Brutstätten der Mosquitos sind, zwei Frauen, welche hier in Flaschen und Kokosnußschalen Wasser geholt hatten und eben den dicken Stock, in dessen Mitte der Korb mit dem Wasser hing, auf ihre nackten Schultern hoben. Auf unsere Frage, ob wir auf dem richtigen Weg zum König seien, erhielten wir eine bejahende Antwort und wurden bedeutet, ihnen nur zu folgen, da sie auch dorthin gingen. Dann gesellte sich auch noch ein nüchterner Mann zu uns, mit dem Anerbieten, uns zu führen. Ich erwähne die vorgenannten beiden Frauen hier, weil ich die eine näher beschreiben muß, da sie sowol durch ihr ungewöhnliches Gesicht, wie ihren feinen elastischen Körper jedem auffallen mußte. Da sie ferner das hintere Ende des Stockes trug, so ging sie gerade vor mir und ich hatte auf diese Weise genügende Zeit, sie zu beobachten. In dem feinen ovalen Gesicht, welches sich nach dem Kinn hin in schönen Linien verjüngt, fesseln unwillkürlich die großen mandelförmigen Augen, deren tiefschwarze Augensterne ein mildes Feuer ausstrahlen. Die von der schönen feinen Stirn auslaufende feine, etwas scharf gebogene Nase macht durch ihre Größe das Gesicht interessant. Der kleine Mund mit seinen frischen schwellenden Lippen, welche dem scharfgeschnittenen Gesicht wieder etwas außerordentlich Kindliches gaben, sowie zwei Reihen schöner Perlenzähne passen zu dem feinen schmalen Kinn. Einige dunkle Leberflecke von der Größe einer Linse heben sich von den braunen Wangen scharf ab und passen so vollkommen in dieses Gesicht à la Marie-Antoinette, daß man sich dasselbe ohne sie gar nicht denken kann. Auch das starke Haar gibt dem Kopf noch etwas Apartes, denn dasselbe ist nicht, wie sonst hier, schlicht, sondern fällt in scharf gekräuselten Wellen wie eine Mähne bis auf den halben Rücken herab. Der Hals ist schlank und sitzt tadellos auf den vollen nicht zu breiten Schultern; die übrigen Körperlinien sind von zweifelloser Schönheit, wie auch Arme, Hände und Füße. Der ganze Körper zeigt die reizende Fülle und Rundung der eben vollaufgeblühten Jungfrau; das reizende Geschöpf ist mit einer aufbrechenden Knospe zu vergleichen, welche mit unwiderstehlicher Jugendfrische dem Leben entgegenquillt. Die kleine zierliche, dicht vor mir gehende Person trägt ihre schwere Last mit beneidenswerther Leichtigkeit. Der elastische Oberkörper paralysirt das auf die Schultern drückende schwere Gewicht durch schlangenartige Bewegungen, in den runden Hüften findet man den Abschluß der über ihnen liegenden Anstrengung, darunter schreiten die zierlichen Beine so leicht aus, als ob sie gar nichts zu tragen hätten. Hiermit harmonirt auch das Gesicht, welches die kleine Insulanerin jedesmal nach Zurücklegung einiger Schritte uns zuwendet, um sich sorglos lachend nach uns umzusehen.

Der Weg ist mir trotz der drückenden Hitze außerordentlich kurz geworden, ein vor uns liegendes Haus wird uns als die Wohnung des Königs bezeichnet, der Eintritt aber noch verwehrt mit dem Ersuchen, etwa 20 Schritte davon entfernt noch etwas zu warten. Das offene Haus gestattet uns zu sehen, daß mehrere Weiber damit beschäftigt sind, dem König ein Hemd anzuziehen, und darin finden wir die Erklärung der Verzögerung. Nach Beendigung der Toilette werden wir ersucht näher zu treten und nehmen auf ausgebreiteten Matten neben dem jungen, auf dem Todtenbette liegenden Manne Platz. Der König liegt auf Matten, ist durch Kissen unterstützt und durch leichte Vorhänge gegen die Sonne geschützt. Sechs seiner Frauen sind fortwährend um ihn beschäftigt, ihm kleine Handreichungen zu leisten, Kühlung zuzufächeln und die lästigen Fliegen und Mosquitos von ihm fern zu halten. Er muß früher ein schöner Mann gewesen sein, liegt jetzt an einer von den Europäern hierher verpflanzten, hier nicht näher zu nennenden Krankheit hoffnungslos darnieder und sieht in einem Alter von 35 Jahren täglich seiner Auflösung entgegen. An ihm fiel mir als merkwürdig auf, daß seine Fingernägel etwa 5 cm lang waren. Ich war bisher in dem Glauben befangen, daß diese Sitte nur in China zu Hause sei, mußte aber hier hören, daß auf Taritari und Makin schon seit alters her und jedenfalls seit länger als man hier Kenntniß von China hat, von den Vornehmen dieses Abzeichen der Herren, welche nicht zu arbeiten brauchen, getragen wird.

Bei dem körperlichen Zustand des Königs war weder daran zu denken, irgendwelche Abmachungen zu treffen, noch konnten die wüste Wirthschaft hier und auch nicht die örtlichen Verhältnisse diesen Platz als geeignet für eine Centralhandelsstation erscheinen lassen. Ich beschränkte mich daher darauf, dem König eine anständige Behandlung der etwa hier verkehrenden Deutschen zur Pflicht zu machen. Eine halbe Stunde nach unserm Eintreffen waren wir wieder auf dem Rückwege zu unsern Booten, trafen kurz nach 12 Uhr nachmittags auf der seeklarliegenden „Ariadne“ ein und suchten gegen 1 Uhr wieder die offene See auf, unsern Curs nach den Marshall-Inseln nehmend.


12.
Die Marshall-Inseln.

4. December 1878.