Nun liegen auch die Marshall-Inseln wieder hinter mir und mit diesen eine ereignißreiche kurze Zeit. Die deutschen Handelsinteressen sind hier so bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor der Begehrlichkeit anderer Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden können.

Am 26. November kam mit Tagesanbruch Jaluit (spr. Dschalúit), die Hauptinsel der westlichen Marshall-Gruppe, welche die Ralickkette genannt wird, in Sicht. Eine kräftige Regenbö brachte das unter schwerem Segeldruck sich schüttelnde Schiff bald vor die schmale Einfahrt zu der Lagune dieser großen Koralleninsel, wo ihm die weißen Fittiche genommen wurden und an deren Stelle der rauchende Schlot trat, um die enge Passage nach dem Ankerplatze unter Dampf zu machen. Dicht vor der Einfahrt kam ein europäisches Boot heran und in diesem der Chef eines der beiden hiesigen deutschen Häuser, Herr Hernsheim, um uns zu begrüßen und mir einen seiner Schiffsführer als Lootsen zur Verfügung zu stellen, was ich dankbar annahm. Gegen 10 Uhr vormittags fiel der Anker, und es war meine Absicht, einen ungewohnt langen Aufenthalt hier zu nehmen, um mir selbst, wie der ganzen Besatzung nach langer Zeit wieder einmal etwas Ruhe zu gönnen. Denn wenn der Aufenthalt auch nur auf vier Tage, woraus nachher fünf wurden, angesetzt war, so bedeutete dies nach den hinter uns liegenden fünf Wochen doch immerhin eine langentbehrte Erholung, welche für das ganze Schiff eine große Wohlthat wurde. Kaum zu Anker mußte ich selbst allerdings gleich an die Erledigung meiner Geschäfte und an deren Ausführung denken. Der Consul nahm mir zwar die Hauptarbeit ab, indem er die endgültige Redaction der in Aussicht genommenen Uebereinkunft, welche vorher besprochen und durchberathen war, übernahm und deren Uebersetzung in die Landessprache beaufsichtigte. Trotzdem blieb aber für mich noch genug zu thun übrig, um meine Zeit mit Besuchen, mündlichen Verhandlungen, Versorgung des Schiffes mit Proviant, Wasser und Kohlen, Anordnungen von Festlichkeiten, Einziehung von Nachrichten über die hiesigen Verhältnisse u. s. w. auszufüllen.

Einfahrt in den Hafen von Jaluit.

Jaluit ist eine große Laguneninsel, also ein schmaler Ring niedrigen Korallenlandes, welches einen großen See umschließt. Das den Deutschen (andere besitzende Europäer sind nicht auf der Insel) gehörige Land trägt eine reiche Auswahl von Früchten, Gemüsen und Blumen, was dadurch ermöglicht wurde, daß mit großen Kosten von andern Inseln guter Mutterboden hierher gebracht und das Korallenland damit bedeckt worden ist. Das Land der Eingeborenen trägt nur Kokosnußbäume und hier und da kleine Anpflanzungen von kartoffelähnlichen Erdfrüchten. Die deutsche Ansiedelung macht mit ihren bequemen Wohnhäusern und großen Vorrathsmagazinen, mit ihren herrschaftlichen Umzäunungen, gut gehaltenen Wegen und weithin sichtbaren mastenartigen Flaggenstangen einen sehr stattlichen Eindruck; die Dörfer der Eingeborenen, aus elenden schmutzigen Hütten bestehend, liegen verstreut unter den Kokosnußbäumen. Nur der König hat ein ganz nettes kleines, hölzernes Haus, welches luftig und sauber gehalten ist. Es besteht aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer, die Dielen sind mit Matten belegt, die Wände mit einer Uhr und einigen einfachen Bildern verziert; ein hölzernes Bett, ein ebensolcher Tisch und einige Stühle bilden das Mobiliar. Die Küche liegt neben dem Hause in einer ortsüblichen Hütte. Die Hütten der Eingeborenen bilden einen mit einem niedrigen Laubdach bedeckten und rundherum mit trockenen Blättern und Reisern geschlossenen Raum, welcher eben Platz genug bietet, daß die Familie auf dem unbedeckten Boden liegen kann. Die Küche befindet sich hier ebenfalls in einem Nebenraume. Die Häuser der Weißen sowol wie die Hütten der Eingeborenen liegen alle an der gegen den vorherrschend starken Passat geschützten Innenseite der Insel, an der Lagune, wo die Ankerplätze der Schiffe sich befinden, wo gegen den Wind geschützt überhaupt nur Pflanzen gedeihen, die Eingeborenen fischen und von wo aus sie mit ihren leichten Kanus ohne Gefahr Reisen nach einem andern Theile der Insel machen können. Allerdings findet man auch an der Windseite der Insel noch Wohngelasse, doch nur solche zu ganz besondern Zwecken. Die beiden deutschen Häuser haben jedes dort ein kleines Lusthäuschen mit regenfestem Dach und durchbrochenen gitterähnlichen Wänden, von wo aus man einen freien großartigen Ueberblick auf das weite unbegrenzte Weltmeer und auf die am Strande wenige Schritte vom Beschauer hochauflaufende majestätische Brandung hat. Hier ist es, wo man zu jeder Tageszeit und namentlich des Abends, wenn der abgeflaute Wind nicht mehr die Kraft besitzt bis zu den Wohnhäusern vorzudringen und sie zu durchstreichen, Ruhe und Erfrischung findet, wo man gegen die Mosquitos, welche sich dann in den Wohnhäusern sehr unangenehm bemerkbar machen, geschützt ist.

Die an der Windseite gelegenen Hütten der Eingeborenen bieten nur Platz für je eine Person und werden nur von Frauenzimmern bezogen. Jede Familie hat dort, je nach ihrem Bedürfniß, ein oder mehrere solch kleiner Hütten, wo die erwachsenen weiblichen Familienmitglieder allmonatlich einige Tage absitzen, woraus wol gefolgert werden darf, daß die Frau während dieser Zeit für unrein gehalten wird und deshalb fern von der eigentlichen Wohnung, dem Winde ausgesetzt, den Abschluß dieses Zustandes abwarten muß. Es mag hier eingefügt werden, daß auf den Marshall-Inseln Vielweiberei besteht und das Christenthum nach dieser Richtung noch keinen Wandel geschaffen hat.

Der hiesige Menschenschlag ist sehr verschieden von demjenigen der südlich vom Aequator liegenden Inseln. Mit wenigen Ausnahmen sind die Männer durchweg klein, die Frauen sehr klein. Besonders auffallend sind die winzigen Köpfe dieser Insulaner, deren lange schmale Gesichter sich von den runden der Bewohner der Kingsmill- und andern Inseln vornehmlich durch eine sehr schmale Stirn und geschlitzte Augen unterscheiden, mithin dem Malaientypus näher kommen. Die Männer tragen das Kopfhaar kurzgeschnitten oder à la Chinois, flechten den Schopf aber nicht in einen Zopf, sondern binden das Haar nur kurz ab, sodaß es über dem Band wie ein Roßschweif lose nach hinten oder als ein kurzer Stummel nach oben wegsteht. Das Haar der Frauen ist in der Mitte gescheitelt und hängt schlicht bis auf die Schultern herab. Hier tritt auch die in der Ellice-Gruppe gefundene Sitte, die Ohrlappen zu durchbohren und zu einem großen Ring zu erweitern, welche wir in der Kingsmill-Gruppe nicht beobachtet haben, wieder auf. Die Männer sind in der Regel im Gesicht und auf dem Oberkörper in der Weise tätowirt, daß gezackte Linien in gleichen Abständen horizontal quer über Gesicht und Brust laufen und der Haut ein Ansehen geben, als ob sie damascirt sei; die Frauen sollen sich auch tätowiren, doch habe ich es nicht gesehen. Die Körperbildung ist bei beiden Geschlechtern schmächtig, wohlgenährte runde Glieder ohne auffallende Formenschönheit. Ganz eigenartig ist die Kleidung, denn wenn die Frauen hier in der Hauptstadt, infolge des Einflusses der hier lebenden Europäer, vielfach auch lange Gewänder tragen, so ist dies doch nur eine Zugabe zu ihrer eigentlichen nationalen Tracht, welche sich stets noch unter diesem Gewand auf dem Körper befindet. Als das Hauptstück der Kleidung, welches das kunstreichste ist und von beiden Geschlechtern gleich getragen wird, möchte ich den Gürtel bezeichnen, an welchem die eigentliche Kleidung befestigt wird. Dieser Gürtel, welcher nur zum Baden, sonst nie von dem Körper gelöst wird, ist eine Schnur, ¾ cm dick, und so lang, daß sie 10-12 mal um den Leib geschlungen dort eine Wulst von der Stärke eines dünnen Armes bildet. Um die Seele von Bast ist aus feinen schwarz und weißen Fäden desselben Materials ein kunstvolles Gewebe gelegt. Das Kleid der Männer ist ein aus ½ cm breiten, gewöhnlich weißen, zuweilen aber auch schwarzen Baststreifen zusammengesetzter Rock, welcher durch die Masse der verwendeten dünnen Streifen eine erhebliche Dicke und Fülle erhält. Der Rock ist so lang, daß er von der Taille bis zum Fußboden reicht, bedeckt aber in der ortsüblichen Weise auf den Körper gelegt unterrockartig nur den Theil vom Magen bis zu den Knien und gibt diesen Leuten nach meinem Geschmack ein ebenso unschönes weibisches Aussehen, wie die so vielgefeierten Nationalunterröcke der modernen Griechen es diesen Männern geben.

Marshall-Insulaner.

Die Befestigung dieses Bastrockes auf dem Körper geschieht in der Weise, daß zwei von dem Leibband des Rockes auslaufende Tragebänder von oben durch den vorher beschriebenen Gürtel nach unten durchgesteckt und zwischen die Beine genommen werden, dann der Rock bis auf die richtige Höhe nach oben gezogen und nun unter denselben ein zweiter dicker Gürtel gelegt wird, welcher den Rock in seiner richtigen Lage hält und ihm ein tischartiges Aussehen gibt. Dieser Rock bildet die ganze Bekleidung, da Kopf wie die übrigen Körpertheile unbedeckt bleiben.