Bei dem Kapitel Menschenfleisch werde ich mich nun, fürchte ich, theilweise in unlösbaren Widerspruch mit den Angaben früherer Berichte setzen, ich halte aber meine Gewährsleute für zuverlässig. Wie ich früher schon gesagt habe, werden nicht nur erschlagene Feinde verzehrt, sondern das menschliche Wild wird auch regelrecht gejagt. Die Zubereitung ist eine höchst einfache; der stets vorher getödtete Mann wird in zwei große trockene Bananenblätter ganz eingewickelt, dann mit dem Kopf nach oben an einen Baum gehängt, die Blätter werden angesteckt und das Mahl ist fertig, sobald die Blätter abgebrannt sind. Der Körper wird nun heruntergenommen und mit den Händen das rohe Fleisch heruntergerissen und von den Männern gegessen, während die im Hintergrunde sitzenden Frauen die Eingeweide erhalten. Aehnlich wird das Schwein zubereitet, doch wird das gebundene lebende und in trockene Blätter eingewickelte Thier, welchem auch noch die Schnauze zugebunden ist, damit es nicht schreien kann, mit den Beinen nach oben aufgehängt und erhält, ehe die Blätter angesteckt werden, mit der Keule einen Schlag auf den Kopf. Nach Abbrennung der Blätter wird es dann ebenso, wie vorher angegeben, verzehrt. Kapitän Levison war Augenzeuge eines solchen Mahles, als er mit vier seiner Leute unter dem Beistand eines befreundeten Stammes den bereits erwähnten erfolgreichen Kriegszug gegen die Mörder eines deutschen Agenten unternahm. In ihrem Siegesrausch warfen die Wilden ihre sonstige Zurückhaltung ab und gaben sich in seinem Beisein dem Genusse hin, welchen sie sonst vor den Weißen ängstlich verbergen. Hiernach kann ich die Berichte, welche von sorgsam zerlegten Gliedern und nach unsern Begriffen hergerichtetem saftigen Menschenbraten erzählen, nur als Phantasiegebilde betrachten, zumal die Eingeborenen bisher überhaupt noch keine Werkzeuge besitzen, um einen Körper in dieser Weise zu zerlegen, denn die wenigen erst seit kurzem in ihrem Besitz befindlichen Messer und Beile können bei der weiten Verbreitung der Menschenfresserei noch gar nicht in Betracht kommen. Doch schöner liest es sich entschieden, wenn der Leser bei der Schilderung der einzelnen Manipulationen ein gewisses Gruseln empfindet. Das Menschenfleisch wird aber roh gegessen und dazu bedarf es keiner Zerlegung, denn das Abbrennen der Blätter auf dem Körper der Menschen wie dem der Schweine hat nur den Zweck, die Haare und Borsten abzusengen und die Haut mürbe zu machen. Dem Einwand, daß es eine noch größere Ungeheuerlichkeit sei, rohes Menschenfleisch zu essen, begegne ich damit, daß es wenigstens nach meinem Gefühl weniger scheußlich ist, dem thierischen Trieb folgend das Opfer einfach zu zerreißen, als mit bewußter Wollust mit den einzelnen Gliedern zu liebäugeln und stundenlang vor dem allmählich gar werdenden und brodelnden leckern Mahl zu hocken. Im übrigen sind die Leute an diese Art der Nahrung von Kindesbeinen an ebenso gewöhnt, wie wir an den Genuß von rohen und lebenden Austern, Land- und Wasserschnecken, an rohes Rindfleisch à la tartare, wie die Samoaner an den Genuß lebender Raupen und die samoanischen Katzen an den von Kokosnußkern, was doch wahrlich gegen die Natur der Katze geht.
Daß hier allmählich Wandel geschaffen wird, ist hauptsächlich dem Einflusse der Mission zuzuschreiben, da die Kaufleute bisher keine Zeit hatten, sich der Verbesserung der Sitten zuzuwenden, sondern zunächst nur daran denken konnten, festen Fuß zu fassen und ihr eigenes Leben zu sichern; andererseits aber konnte die Mission, welche noch keine weitern Erfolge zu verzeichnen hat, ihr Werk überhaupt nur unter dem Schutze der Kaufleute, und zwar hier nur unter dem Schutze deutscher Kaufleute beginnen.
An einem Vormittag überbrachte mir Herr Hernsheim eine Einladung Topulu's, auf seinem Fischereiplatze einen Tanz entgegenzunehmen, welchen er auf mein Ersuchen arrangirt hätte, ich möchte aber sonst niemand mitbringen. Wir fuhren daher zu seinem Wohnplatze, um zunächst hier unsern Zahlmeister-Aspiranten, welcher mir mit Genehmigung des Eheherrn die Narbenmuster auf der Haut der einen Frau abzeichnen wollte, abzusetzen und auch mein Boot hier zurückzulassen. Am Ziel angelangt, fanden wir in der großen offenen Hütte unsern Freund Topulu mit zwei seiner Frauen, allerdings nicht gerade den ältesten, aber auch nicht den hübschesten. Die eine ist ein murksiges ältliches Geschöpf von ziemlich heller Farbe, die andere ebenfalls sehr klein, noch jung, wohlgenährt, aber tief schwarz; sie hat eine Nase, welche so ziemlich die ganze Breite des Gesichts einnimmt, dazu ist sie noch auf einem Auge blind, was in dem schwarzen Gesicht noch mehr zur Geltung kommt. Beide sind schön geputzt, aber nicht gewaschen. Die Haare sind frisch roth gefärbt, auf dem Kopfe sitzt eine große bunte Feder, die Halskette ist fest und ordentlich umgebunden, und beide haben in jedem Nasenflügel zwei, also jede vier 5 cm lange, nach oben und trotzig aus dem Gesicht herausstehende dunkelbraune Stacheln. Als wir zur Hütte kommen und uns verwundert umsehen, wo denn die andern sind, raunt King Dick Herrn Hernsheim in seinem Kauderwelsch etwas zu und ist verschwunden. Auf meine Frage: „Was nun?“ bekomme ich die Antwort: „Topulu stellt Ihnen diese beiden seiner Frauen zur Verfügung.“ Auf die Frage: „Was soll ich denn mit ihnen?“ die Antwort: „Sie können mit ihnen machen was Sie wollen; nur dürfen Sie sie nicht essen.“ Lachend gaben wir den ängstlich aneinandergeschmiegten Gestalten, welche uns wie scheue Rehe anblicken, die von Herrn Hernsheim vorsorglich mitgebrachten weißen Perlenschnüre und machen uns, befriedigt über die beabsichtigte Freigebigkeit Dick's, welche in diesem Lande wirklich etwas bedeuten will, auf den Rückweg.
An einem Nachmittag holte mich Herr Hernsheim ab, um einen Besuch bei Torragud zu machen. Ein schon längere Zeit auf einem Hernsheim'schen Schiffe in Diensten stehender hiesiger Eingeborener dient uns als Führer. Wir legen den 2½ Seemeilen langen Wasserweg bis Urakukua auf Amakada in meiner Gig zurück und betreten dann den Wald. Bewaffnet sind wir nur mit einem Stock, weil Herr Hernsheim Waffen für überflüssig hält und ich nach meinen bisherigen Erfahrungen dem auch beistimme. Der sanft ansteigende Weg in dem herrlichen, schönen Wald ist so breit, daß wir bequem nebeneinander gehen können, in der Unterhaltung also nicht gestört sind. Ungefähr auf dem halben Wege stoßen wir auf eine Lichtung, wo unter hohen mächtigen Bäumen eine große Hütte liegt, auf deren geräumigem Vorplatz zwei große, schwere Schweine sich ergehen; Menschen sind nicht zu sehen. An diesen Platz schließt sich ein großes umzäuntes und sorgfältig gepflegtes Stück Land, welches mit Erdfrüchten bestanden ist. Etwas weiter bei einer Krümmung des Weges stehen plötzlich wenige Schritte vor uns zwei prächtige, rehfarbene Mädchen, jugendlich üppige, schöne hohe schlanke Gestalten, welche frei von allem Tand nur eine lange bunte Feder im Haar haben. Einen Augenblick stutzen sie wie wir, dann mit einem hellen Jauchzer brechen sie wie leichtfüßiges Wild mit leichten Sprüngen in das Dickicht und machen erst in größerer Entfernung halt, wo wir nur über dem Laub ihre Köpfe sehen und von wo sie mit ihren klaren Augen uns beobachten und passiren lassen. Unwillkürlich entschlüpft mir, wie sie so dahin eilen, der Ausruf: „Schade, daß wir kein Gewehr haben, um ihnen eins aufzubrennen!“ und wieder zur Besinnung gekommen füge ich hinzu: „Es ist gut, daß ich nicht länger hier bleibe, ich könnte sonst bei diesem edlen Wild vielleicht noch selbst Geschmack an der Menschenjagd finden.“ Nach drei Viertelstunden Gehens sind wir auf der Höhe und bei dem groß angelegten Besitz Torragud's angelangt. Er empfängt uns, umgeben von seiner Familie und einigen Ferkeln. Er selbst in seinem Naturkleid schön wie immer, doch leider wieder mit der blauen Unterjacke, welche er auf meinen Wunsch allerdings nachher für kurze Zeit ablegt. Einige Frauen, darunter eine alte, häßliche, schwarze und spindeldürre Gestalt, die sich uns grinsend nähert und auf der Brust einen Schmuck trägt, welcher sofort meine Begierde erweckt. Noch ein Mann und mehrere Kinder, von denen ein 11-12 Jahre altes ziemlich dunkles mageres Mädchen von allen Personen allein ein Hüfttuch trägt. Sie ist eine muntere, durchtriebene kleine Person, welche mit ihrem neckischen Wesen das ganze Haus zu beherrschen scheint und entschieden der allgemeine Vorzug ist. Torragud nimmt sie an der Hand und sich in die Brust werfend stellt er sie vor: „Tintamon, Missi Brown he make him.“ Sehr belustigt war ich, als wir herausbekamen, daß Tintamon „King Salomon“ bedeuten solle. Welcher Witzbold aber dem Mädchen diesen Namen gegeben hat, konnten wir nicht erfahren. Die Worte, daß Mr. Brown ihn gemacht hätte, konnte nur dieser Herr mir erklären, was er später auf einfache Weise mit der Erklärung that, daß er das Kind vor kurzem getauft habe. Tintamon wird, wie ich noch herausgebracht habe, so gehätschelt und gepflegt, weil sie schon an einen andern großen Häuptling verkauft ist, aber nicht eher an den Käufer übergeht, bis sie die volle Reife zur Frau erlangt hat, denn die Erhaltung bis zu diesem Zeitpunkt ist Sache des Verkäufers. Aus dieser Sitte werden in Reisebeschreibungen nun wol häufig Verlobungs- und Heirathsceremonien gemacht, welche aber meines Wissens nicht existiren. Verlobung und Heirath kennt man hier nicht, sondern nur den einfachen Kauf, bei welchem allerdings Zweckmäßigkeitsgründe in der Weise unterlaufen, daß ein Häuptling die Tochter eines andern, um sich mit diesem näher zu verbinden, schon im frühesten Alter kauft und je nach dem Werth der Verbindung einen höhern oder niedrigern Preis zahlt. Das Kaufobject ist hierbei nur der Strohmann, um dem gezahlten Preise den Sinn des Tributs zu nehmen.
Nachdem wir Torragud's Wohnhaus besichtigt haben, treten wir auch noch in die Schatzkammer, welche, wenn sie auch nicht so große Reichthümer wie die des King Dick aufweist, doch nach hiesigen Begriffen ein stattliches Vermögen in sich birgt. Zur Familie zurückgekehrt äußere ich den Wunsch, den Schmuck der Alten zu besitzen, doch diese rückt mir drohend auf den Leib, schreit und keift und schützt das Kleinod mit ihren magern Armen. Torragud bringt sie zur Ruhe, sieht sie mit ernstem prüfenden Blick an, nickt einmal bedeutungsvoll mit dem Kopfe, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen sei, und wendet sich wieder uns zu. Nachdem wir noch aus einer uns dargebotenen frischen Kokosnuß die Milch getrunken und verschiedene kleine Geschenke vertheilt haben, verließen wir diese Waldidylle wieder.
Bei dem Besuche Torragud's konnte ich beobachten, wie heutzutage noch Gemein- und Staatswesen entstehen und sich entwickeln. Der Mann erwirbt Geld oder ähnliches Gut und wirft sich, wenn er überhaupt das Zeug dazu hat, durch das damit verbundene Ansehen zum Häuptling auf, vergrößert seinen Hausstand durch Ankauf von Frauen, welche gleichzeitig auch für ihn arbeiten müssen, siedelt dann seine erwachsenen Söhne, nachdem er ihnen eine Frau geschenkt hat, in seiner Nähe an, ergänzt den Abgang in seinem Hause wieder durch Ankauf von Knaben, sowie auch Mädchen, welch letztere wiederum später als Frauen an die gekauften männlichen Mitglieder abgegeben oder anderweit veräußert und namentlich gegen andere Kinder ausgetauscht werden. So bildet sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit ein Stamm, welcher durch Verkauf der Mädchen aus eigenem Blut und vielleicht auch durch einmalige Zahlung einer gewissen Summe eine andere Familie oder einen kleinern Stamm in sich aufnimmt und mit sich verschmelzt. Ist der Stamm nun stark genug, dann breitet er sich leicht weiter aus, indem er die Nachbarfamilien und Stämme nicht mehr kauft, sondern mit Gewalt unterwirft und so allmählich immer mehr wächst, wenn er neben der Gewalt auch noch Staatskunst zur Anwendung bringt, wie wol der Vater des Topulu dies dadurch gethan hat, daß er den läppischen Dug-Dug in seinem Interesse umgebildet und zu einer Ceremonie gemacht hat, mit welcher er seine Unterthanen an Gehorsam und an seine Macht gewöhnte. Denn in ältern Reisebeschreibungen findet man den Dug-Dug nur als hüpfenden Popanz und nicht in der Form, wie er hier jetzt und zwar alljährlich nur einmal abgehalten wird.
An dem auf den Besuch bei Torragud folgenden Vormittag brachte Herr Hernsheim mir den seltenen Schmuck der Alten und bat mich, denselben als ein Andenken an die gemeinsam unter den Menschenfressern verbrachte Zeit anzunehmen. Obwol es gerade nicht höflich war, mir die Erwerbungsgeschichte des Schmuckes erzählen zu lassen, konnte ich dem Reiz nicht widerstehen, zu erfahren, wie er es möglich gemacht hatte, das Stück zu erhalten, und ich stellte daher die Bitte, welche mir auch gewährt wurde. Das von mir „bedeutungsvoll“ genannte Kopfnicken Torragud's hatte also wirklich einen tiefern Sinn und besagte, daß er, Torragud, nun wisse, wie er in Besitz eines Hinterladers gelangen könne. Was diesem schlauen Heiden dabei durch den Sinn ging, kann ich natürlich nicht wissen, doch läßt es sich meines Erachtens leicht combiniren. Es war schon seit lange sein Wunsch, ein Gewehr zu besitzen, er wurde aber stets, wenn er am Schluß seines jedesmaligen Besuches mit dem betreffenden Wunsche zum Vorschein kam, abgewiesen. Hier kam ihm nun endlich der Zufall zu Hülfe. Der mächtige Häuptling (nämlich ich), welcher ein so großes Schiff mit so vielen Männern, so großen Kanonen und so vielen Gewehren besitzt (in den Augen dieser Leute gehört mir das Kriegsschiff, wie die Kauffahrteischiffe das Eigenthum der Kaufleute sind), welcher über die eingeborenen Häuptlinge zu Gericht sitzt, welcher unter den Weißen eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie alles thun, was er haben will, und der überhaupt die ganze Umgebung in Unruhe versetzt, wünscht etwas zu besitzen, was nur er, Torragud, geben kann. Dem Missi Hernsheim muß es daher eine wahre Freude sein, dem Schiffscommandanten diesen Wunsch erfüllen zu können, und er wird nun das von Torragud ersehnte Gewehr gewiß gern geben, wenn er von diesem dafür den Schmuck erhalten kann. So macht Freund Torragud sich am nächsten Morgen mit dem Schmuck auf den Weg nach der deutschen Niederlassung. Er hat sich nicht getäuscht, er erhält schließlich das Gewehr, welches ihm nach Lage der augenblicklichen Verhältnisse doch nicht mehr lange vorenthalten werden konnte, aber allerdings ohne Munition. Auf die Frage, ob die Alte denn den Schmuck gutwillig hergegeben habe, antwortet er lachend: „Nein, sie hat erst ordentlich Prügel bekommen müssen.“ So hat die arme Alte ihr Kleinod verloren, noch obendrein eine Tracht Prügel erhalten und kann nicht einmal von dem Erlös etwas abbekommen. Und ich habe ein sehr seltenes, vielleicht einziges, an sich werthloses Schmuckstück, welches nach dem hiesigen Preis des Hinterladers mit 200 Mark bezahlt worden ist. Es hat die Form einer der Länge nach getheilten halben Melone, ist 20 cm lang, 9 cm breit und hat am untern Rand der langen Seite zwei bäffchenartige Lappen von 12 cm Länge und 6 cm Breite. Das Hauptstück wird aus einem Holzreifen gebildet, auf welchen ein festes Gewebe aus Opossumzähnen so übergespannt ist, daß es ohne weitere Unterlage in kräftiger Wölbung die Form der Melone annimmt. Auf den Bindfaden, welcher die Zähne im Innern der Wölbung zusammenhält, sind noch kleine perlenartige Muschelstückchen in regelmäßigen Abständen aufgereiht, sodaß die Arbeit auch auf ihrer Kehrseite Sinn für Ordnung zeigt. Die sich an das Hauptstück anschließenden Bäffchen sind an ihren Rändern mit einem Kranz von Opossumzähnen und einem schmalen Band aus rother Baumrinde eingefaßt; innen laufen wie die Saiten einer Harfe von oben nach unten Schnüre aus Glasperlen und kleinen selbstverfertigten Perlen, welche aus einem wie Schildkrot aussehenden Gemenge von balsamischem Harz und Thonerde hergestellt sind. Oben auf diesen Schnüren sind noch je zwei nebeneinanderliegende kleine Ringe aus weißen Glasperlen aufgenäht und schließlich an der obern Langseite des Hauptstücks zwei Schnüre aus dickern Glasperlen befestigt, welche über den Hals gestreift so lang sind, daß der Schmuck gerade auf den Brüsten ruht. Der Werth dieses eigenartigen Kunstwerks für die Eingeborenen ergibt sich daraus, daß an demselben nach oberflächlicher Schätzung (zählen kann man die Zähne nicht ohne sie auseinanderzureihen) an 1500 Opossumzähne und an 1000 mühsam mit der Hand gearbeitete kleine Harzperlen sind.
Ehe Torragud mit seinem Gewehr die deutsche Niederlassung verlassen hatte, hatte er noch gesagt, daß nachmittags 4 Uhr bei Urakukua ein Tanz für uns bereit sei.
Dort angekommen finden wir einige Frauen und, wenn ich nicht irre, 17 Männer uns erwartend vor. Von den Frauen hat eine ein unsauberes Tuch um die Hüften gebunden, die andern haben nur einen Bindfaden um den Leib, an welchem vorn und hinten in der Mitte des Körpers ein kurzer Faden mit einem ganz kleinen Laubbüschel am untern Ende herunterhängt und welcher, wie ich früher schon gesagt habe, wol die Stelle einer Schürze vertreten soll. Im übrigen sind sie nur mit Halsbändern und Nasenstacheln geschmückt, im Gesicht und auf dem Oberkörper weiß angestrichen, jedoch so dünn, daß die natürliche Hautfarbe durchschimmert. Die Männer sind mit mehr Sorgfalt herausgeputzt und haben zunächst Gesicht, Oberkörper und die Innenseite der Oberschenkel weiß, roth und schwarz bemalt, das Kopfhaar ist weiß gefärbt. In den Nasenflügeln sind Stacheln und Opossumzähne, in der Nasenscheidewand kleine Ringe aus Schildkrot, Perlmutter oder aufgereihten Glasperlen, um den Hals die pichelartigen Teller oder andere Halsbänder, um den linken Oberarm das Armband und um den Leib haben sie ebenso wie die Weiber den Bindfaden, welcher hinten ein untergeschobenes mit dem Stil nach oben gekehrtes großes Blatt, das von dem Rücken bis unter das Gesäß reicht, hält, vorn hängt ein Faden mit einem etwas größern Laubbüschel als bei den Frauen; ein Laubband um die Knöchel vervollständigt den Anzug. Männer wie Frauen haben in jeder Hand einen frischen Baumzweig mit Blättern, der Vortänzer der Männer hält in jeder Hand einen Tanzstock. Die Kerle sehen bunt und unternehmend aus und würden einen harmlosen Europäer, welcher unvorbereitet ihnen hier im Walde begegnet, sicherlich erschrecken.
Die Frauen beginnen zuerst mit dem Tanze, stellen sich hintereinander in einer Reihe auf und machen dieselben Bewegungen wie nachher die Männer, aber mit einwärts gedrehten Füßen, geschlossenen Knien und eingeknickten Beinen, so täppisch und unschön, daß wir schon nach wenigen Minuten genug davon hatten. Die Männer stellen sich darauf in zwei Reihen nebeneinander auf, und zwar die Reihen so weit voneinander ab, daß der Vortänzer, welcher in der Mitte zwischen den beiden Reihen steht, bequemen Platz zwischen ihnen findet. Alle nehmen eine ziemlich stramme Haltung an, der Vortänzer hebt seine Stöcke, die andern folgen sofort mit derselben Bewegung, stimmen einen einförmigen Gesang an und setzen ihre Beine in Bewegung. Der Gesang besteht aus mehrern mit tiefer Stimme in demselben Tone laut gesprochenen Worten, welchen dann einige in höherm Ton folgen. Die Beinbewegungen sind leicht und tänzelnd und erinnern an das Traben auf der Stelle, die Füße sind dabei auswärts gekehrt, die Knie geöffnet und biegsam. Alle Bewegungen des Vortänzers werden von den andern sofort aufgenommen und mitgemacht, die Stöcke und Zweige werden nach oben gekehrt vor die Brust gehalten und die Köpfe liegen zurückgebogen zwischen den Schultern, als ob die Leute krähen möchten; die Stöcke werden nach oben gestreckt, die Köpfe gereckt und dabei im Gesang der höhere Ton angenommen; die Stöcke gehen zur Brust zurück, wobei der Gesang den alten Ton wieder aufnimmt, neigen sich nach vorn, der Kopf folgt, auch der Oberkörper etwas, und es sieht aus, als ob die Tänzer ihre eigenen Füße und deren Bewegungen betrachteten. Und so geht es auf- und abwärts, wobei die Tänzer sich auch zuweilen durch einen Blick nach ihrem Nebenmann vergewissern, daß sie noch gut ausgerichtet sind. Der Vortänzer tänzelt vor, bis er zwischen den ersten Tänzern steht, schiebt sich in der schmalen Gasse rückwärts bis zum Ende, die Führer der Reihen schwenken nach beiden Seiten ab und alle schlagen im Gänsemarsch einen Bogen, bis die Spitzen wieder bei dem Vortänzer angelangt sind, worauf das Ganze in der alten Ordnung in gleichmäßigem Takt und gut ausgerichtet mit den borstigen Nasen und den vor dem Leib hin und her wedelnden Laubbüscheln auf uns zutrabt, bis es den alten Platz wieder erreicht hat. Die großen Mäuler klappen auch gleichmäßig auf und zu, öffnen sich bei den höhern Tönen mehr und werden dann so entschieden zugeklappt, als ob sie eine gebratene Taube gefangen hätten.