(Morell.) Warum benehmen Sie sich dann nicht wie damals?
(Burgess nimmt seine Hand behutsam weg:) Wie meinen Sie das?
(Morell.) Das will ich Ihnen sagen. Damals hielten Sie mich für einen jungen Dummkopf!
(Burgess schmeichelnd:) Nein, dafür habe ich Sie nicht gehalten, ich—
(Morell ihn unterbrechend:) Ja, dafür hielten Sie mich! Und ich hielt
Sie für einen alten Schurken.
(Burgess will diese schwere Selbstanklage Morells heftig abwehren:) Nein, das haben Sie nicht getan, Jakob. Jetzt tun Sie sich selbst unrecht.
(Morell.) Doch, das tat ich. Na, das hat aber nicht gehindert, daß wir ganz gut miteinander ausgekommen sind. Gott hat aus Ihnen das gemacht, was ich einen Schurken nenne, und aus mir das, was Sie eben einen Dummkopf nennen. (Diese Bemerkung erschüttert die Grundfesten von Burgess' Moral. Ihm wird schwach, und während er Morell hilflos anblickt, streckt er die Hand ängstlich aus, um sein Gleichgewicht zu bewahren, als ob der Boden unter ihm wankte. Morell fährt im selben Tone ruhiger Überzeugung fort:) Es ist in beiden Fällen nicht meine Sache, mit Gott darüber zu rechten. Solange Sie offen als ein sich selbst achtender, echter, überzeugter Schurke hierherkommen und, stolz darauf, Ihre Schurkereien zu rechtfertigen versuchen, sind Sie willkommen. Aber (und nun wird Morells Ton furchtbar; er erhebt sich und stützt sich zur Bekräftigung mit der Faust auf die Rückenlehne des Stuhles:) ich mag Sie hier nicht herumschnüffeln haben, wenn Sie so tun, als ob Sie das Muster eines Arbeitgebers wären und ein bekehrter Mann dazu, während Sie nur ein Abtrünniger sind, der seinen Rock nach dem Winde trägt, um einen Vertrag mit der Behörde zustande zu bringen. (Er nickt ihm zu, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, dann geht er zum Kamin, wo er in bequemer Kommandostellung, mit dem Rücken gegen das Feuer gekehrt, lehnt und fortfährt:) Nein, ich liebe es, wenn ein Mensch wenigstens sich selber treu bleibt, selbst im Bösen! Also, nehmen Sie jetzt entweder Ihren Hut und gehen Sie, oder setzen Sie sich und geben Sie mir einen guten, schurkischen Grund dafür an, warum Sie mein Freund sein wollen. (Burgess, dessen Erregung sich genügend gelegt hat, um in einem Grinsen ausgedrückt werden zu können, fühlt sich durch diesen konkreten Vorschlag sichtlich erleichtert. Er überlegt einen Augenblick, und dann setzt er sich langsam und sehr bescheiden in den Stuhl, den Morell eben verlassen hat.) So ist's recht,—nun heraus damit.
(Burgess kichernd gegen seinen Willen:) Nein, Sie sind wirklich ein sonderbarer Kauz, Jakob! (Beinahe enthusiastisch:) Aber man muß Sie gern haben, ob man will oder nicht. Außerdem nimmt man, wie ich schon sagte, nicht jedes Wort eines Geistlichen für bare Münze, sonst müßte die Welt untergehn. Habe ich nicht recht? (Er faßt sich, um einen ernsteren Ton anzuschlagen, und die Augen auf Morell gerichtet, fährt er mit eintönigem Ernste fort:) Nun, meinetwegen, da Sie es wünschen, daß wir gegeneinander ehrlich sind, will ich Ihnen zugeben, daß ich Sie—ein wenig—für einen Narren hielt; aber ich fange an zu glauben, daß ich damals etwas hinter meiner Zeit zurückgeblieben war.
(Morell frohlockend:) Aha, haben Sie das endlich herausgefunden?
(Burgess bedeutungsvoll:) Ja, die Zeiten haben sich mehr verändert, als man glauben sollte! Vor fünf Jahren noch hätte sich kein vernünftiger Mensch mit Ihren Ideen abgegeben. Ich wunderte mich sogar, daß man Sie auf Ihrem Posten als Pastor beließ. Ich kenne einen Geistlichen, der durch den Bischof von London auf Jahre hinaus seiner Funktionen enthoben wurde, obwohl der arme Teufel nicht einen Funken mehr religiös war als Sie. Aber wenn heute jemand mit mir um tausend Pfund wetten wollte, daß Sie selbst noch einmal als Bischof enden werden, ich würde die Wette nicht anzunehmen wagen. (Sehr eindrucksvoll:) Sie und Ihre Sippschaft werden täglich einflußreicher, wie ich überall merke. Man wird Sie einmal irgendwie befördern müssen, und wäre es bloß, um Ihnen den Mund zu stopfen. Sie haben doch den richtigen Instinkt gehabt, Jakob! Der Weg, den Sie eingeschlagen haben, ist der einträglichste für einen Mann Ihres Schlages.