(Morell reicht ihm jetzt die Hand mit fester Entschlossenheit:) Hier meine Hand, Burgess, jetzt reden Sie ehrlich. Ich glaube nicht, daß man mich zum Bischof ernennen wird; aber wenn es geschieht, dann will ich Sie mit den größten Spekulanten bekannt machen, die ich zu meinen Diners bekommen kann.
(Burgess der sich mit einem verschmitzten Grinsen erhoben und die
Freundschaftshand ergriffen hat:) Sie bleiben nun mal bei Ihrem Witz,
Jakob. Unser Streit ist jetzt beigelegt, nicht wahr?
(Die Stimme einer Frau.) Sag "Ja", Jakob!
(Erstaunt wenden sie sich um und bemerken, daß Candida eben eingetreten ist und sie mit jener belustigten, mütterlichen Nachsicht betrachtet, die ihr charakteristischer Gesichtsausdruck ist. Sie ist eine Frau von dreiunddreißig Jahren, schön gewachsen, gut genährt. Man errät, daß sie später eine Matrone sein wird, aber jetzt steht sie noch in ihrer Blüte, mit dem Doppelreiz der Jugend und der Mutterschaft. Ihr Benehmen ist das einer Frau, die erfahren hat, daß sie die Menschen immer lenken kann, wenn sie ihre Neigung gewinnt, und die dies unbekümmert offen und instinktiv tut. In diesem Punkte ist sie wie jede andere hübsche Frau, die gerade klug genug ist, aus ihrer weiblichen Anziehungskraft zu alltäglich selbsttüchtigen Zwecken so viel Kapital wie möglich zu schlagen. Aber Candidas heitere Stirn und ihre mutigen Augen, der schön geformte Mund und ihr Kinn kennzeichnen umfassenden Geist und Würde des Charakters, der ihre Schlauheit im Gewinnen von Neigungen adelt. Ein kluger Beobachter würde, sie betrachtend, sofort erraten, daß wer das Bild der Assunta auch über ihren Kamin gehängt haben mochte, ein seelisches Band zwischen den beiden Frauengestalten geahnt hatte, obwohl er weder ihrem Manne, noch ihr selbst den Gedanken zutraute, sie mit der Kunst Tizians irgendwie in Zusammenhang zu bringen.—Sie ist in Hut und Mantel und hat eine zusammengeschnürte Reisedecke, durch die ihr Schirm gesteckt ist, eine Handtasche und eine Menge illustrierter Zeitungen in den Händen.)
(Morell über seine Nachlässigkeit erschrocken:) Candida! Ei nun!—(Er sieht auf seine Uhr und ist entsetzt, daß es schon so spät ist.) Mein Schatz! (Er eilt ihr entgegen und nimmt ihr die Reisedecke ab, indem er fortfährt, sein reumütiges Bedauern hervorzusprudeln:) Ich hatte die Absicht, dich von der Bahn abzuholen, aber ich bemerkte nicht, daß die Zeit schon um war, (die Reisedecke aufs Sofa werfend:) ich war so sehr in Anspruch genommen—(Wieder zu ihr kommend:) daß ich das vergaß—oh! (Er umarmt sie mit reumütiger Ergriffenheit.)
(Burgess etwas beschämt und ungewiß, wie er von seiner Tochter empfangen werden wird:) Wie geht es dir, Candy? (Candida, noch in Morells Armen, bietet ihm ihre Wange, die er küßt:) Jakob und ich sind zu einer Verständigung gekommen—zu einer ehrenvollen Verständigung. Nicht wahr, Jakob?
(Morell heftig:) Reden Sie nicht von unserer Verständigung!
Ihretwegen habe ich versäumt, Candida abzuholen.
(Teilnahmsvoll:) Du arme Liebe, wie bist du nur mit deinem Gepäck fertig geworden? Wie—
(Candida unterbricht ihn und macht sich los:) Na, na, na! ich war nicht allein. Eugen ist mit uns gekommen—wir sind zusammen hergefahren.
(Morell erfreut:) Eugen?!