(Marchbanks.) Oh, glauben Sie, ich wüßte das alles nicht? Glauben Sie, daß die Dinge, über die Leute zu Narren werden, weniger wirklich und wahr sind, als die, bei denen sie vernünftig bleiben? (Morells Blick wird zum ersten Male unsicher, er wendet instinktiv sein Gesicht ab und steht horchend, bestürzt und nachdenklich da.) Diese Dinge sind noch viel wahrer, sie sind überhaupt die einzigen Dinge, die wahr sind. Sie sind sehr ruhig und maßvoll und rücksichtsvoll gegen mich, weil Sie sehen können, daß ich, was Ihre Frau betrifft, ein Narr bin. So wie der alte Mann, der eben hier war, zweifellos sehr weise über Ihren Sozialismus denkt, weil er sieht, daß Sie sich dabei zum Narren machen. (Morell wird sichtlich immer bestürzter, und Eugen nützt seinen Vorteil aus, ihn heftig mit Fragen bedrängend:) Beweist dies, daß Sie unrecht haben? Beweist Ihre sichere Überlegenheit mir gegenüber, daß ich unrecht habe?
(Morell sich zu Eugen wendend, der seinen Platz behauptet:) Marchbanks, irgendein Teufel hat Ihnen diese Worte in den Mund gelegt. Es ist leicht, fürchterlich leicht, in einem Menschen den Glauben an sich selbst zu erschüttern. Dies auszunützen, um eines Menschen Seele zu verwirren, ist Teufelswerk. Hüten Sie sich davor!
(Marchbanks unbarmherzig:) Das weiß ich! Es geschieht absichtlich. Ich sagte Ihnen ja, ich würde Sie aufrütteln. (Sie sehen einander einen Augenblick drohend in die Augen, dann findet Morell seine Würde wieder.)
(Morell mit edler Güte:) Eugen, hören Sie mich an. Ich hoffe und baue darauf, daß Sie eines Tages ein glücklicher Mensch sein werden, wie ich. (Eugen gibt durch eine zornige, ungeduldige Gebärde zu verstehen, daß er an den Wert dieses Glückes nicht glaubt. Morell, tief beleidigt, beherrscht sich mit aller Nachsicht und fährt mit großer künstlerischer Beredsamkeit fort:) Sie werden verheiratet sein und mit aller Macht und Ihrem besten Können daran arbeiten, jeden Erdenfleck, den Sie betreten, so glücklich zu machen, wie Ihr eigenes Heim es sein wird. Sie werden einer von denen sein, die das Himmelreich auf Erden bereiten wollen, und—wer weiß?—Sie mögen ein Pionier oder ein Baumeister werden, wo ich nur ein demütiger Arbeiter bin. Sie dürfen nicht glauben, Eugen, daß ich in Ihnen, so jung Sie auch sind, nicht jene Keime sehe, die Größeres versprechen, als ich jemals von mir erwarten darf. Ich weiß ganz gut, daß der Geist, der in einem Dichter wohnt, heilig—daß er geradezu göttlich ist. Sie sollten bei dem Gedanken daran zittern, bei dem Gedanken, daß die schwere Verpflichtung und die großen Gaben eines Dichters vielleicht einst auf Ihren Schultern ruhen werden.
(Marchbanks unberührt und reuelos; die knabenhafte Knappheit seiner Worte sticht scharf gegen Morells Beredsamkeit ab:) Nicht davor zittere ich! Der Mangel dieser Gaben bei anderen, der macht mich zittern.
(Morell verdoppelt die Kraft seiner Rede unter dem Einfluß seines echten Gefühls und der Verstocktheit Eugens:) Dann tragen Sie dazu bei, jene Gaben in andere und in mich zu pflanzen—und nicht, sie auszurotten. Später einmal, wenn Sie so glücklich sein werden, wie ich es bin, dann will ich Ihr treuer Glaubensbruder werden. Ich will Sie zu dem Glauben führen, daß Gott uns eine Welt geschenkt hat, die nur unserer eigenen Unvernunft wegen kein Paradies ist, und daß jeder Federstrich Ihrer Arbeit Glück aussät für die große Ernte, die alle—selbst die Geringsten—eines Tages einführen werden. Und endlich will ich Ihnen nicht zum wenigsten zu dem Glauben verhelfen, daß Ihre Frau Sie liebt und in ihrem Heim glücklich ist. Wir brauchen solche Hilfe, Marchbanks, wir haben sie immer sehr nötig. Es gibt so viele Dinge, die in uns Zweifel wecken, wenn wir uns erst einmal haben unsern Glauben trüben lassen. Selbst zu Hause sitzen wir wie in einem Kriegslager, umgeben von einer feindlichen Armee von Zweifeln. Wollen Sie den Verräter spielen und sie zu mir einlassen?
(Marchbanks sich umblickend:) Ist es für sie hier immer so gewesen? Daß eine Frau mit einer großen Seele, die nach Wahrheit, Wirklichkeit und Freiheit dürstet, bloß mit Metaphern, Predigten und abgedroschenen Redensarten abgespeist wird? Glauben Sie, daß die Seele einer Frau von Ihrem Predigertalent leben kann?
(Morell tief verwundet:) Marchbanks, Sie machen es mir schwer, mich zu beherrschen. Mein Talent gleicht dem Ihren, sofern es überhaupt einen echten Wert besitzt: es ist die Gabe, göttliche Wahrheit in Worte zu kleiden.
(Marchbanks ungestüm:) Es ist die Gabe des Mundwerks, nicht mehr und nicht weniger. Was hat Ihre Fertigkeit, schöne Reden zu halten, mit der Wahrheit zu schaffen?—so wenig, wie das Orgelspiel mit ihr zu schaffen hat. Ich war niemals in Ihrer Kirche, aber ich war in Ihren politischen Versammlungen und habe Sie dort das tun sehen, was man die Menge zum Enthusiasmus hinreißen nennt. Das heißt: die Leute regten sich auf und benahmen sich, als ob sie betrunken wären. Ihre Frauen sahen zu und merkten, was für Narren sie zu Männern hatten. Oh, das ist eine alte Geschichte, Sie können sie schon in der Bibel finden. —Mir scheint, König David in seinem Enthusiasmus war Ihnen sehr ähnlich. (Ihm die Worte in die Seele hohrend:) "Aber sein Weib verachtete ihn in ihrem Herzen!"
(Morell wütend:) Verlassen Sie mein Haus! Hören Sie? (Er gebt drohend auf ihn los.)