(Morell sieht auf, die Feder einen Moment absetzend:) Nun, wo ist
Eugen?

(Candida.) Er wäscht sich die Hände in der Waschküche—unter der Wasserleitung. Er wird ein ausgezeichneter Koch werden, wenn er nur erst seine Furcht vor Marie überwunden hat.

(Morell kurz:) Gewiß, zweifellos. (Er fängt wieder zu schreiben an.)

(Candida geht näher und legt ihre Hände sanft auf die seinen, um ihn aufzuhalten, und sagt:) Komm zu mir, mein Lieber. Laß dich anschauen. (Er legt seine Feder weg und stellt sich ihr zur Verfügung; sie laßt ihn aufstehen, zieht ihn ein wenig vom Tisch fort und betrachtet ihn mit kritischen Blicken.) Wende dein Gesicht einmal gegen das Licht. (Sie stellt ihn mit dem Gesicht gegen das Fenster.) Mein alter Junge sieht nicht gut aus,—hat er sich überanstrengt?

(Morell.) Nicht mehr als gewöhnlich.

(Candida.) Er sieht sehr bleich und grau, runzelig und alt aus. (Seine Melancholie nimmt zu und Candida faßt sie geflissentlich lustig an.) Komm her. (Sie zieht ihn zum Lehnstuhl:) Du hast für heute genug geschrieben. Überlaß Prossi alles Weitere, und wir wollen ein bißchen plaudern.

(Morell.) Aber—

(Candida nachdrücklich:) Ja, du mußt mit mir plaudern. (Sie zwingt ihn, Platz zu nehmen, und setzt sich auf den Teppich zu seinen Füßen.) Nun (seine Hände streichelnd:) fängst du schon an, besser auszusehen. Warum gibst du alle diese ermüdenden Extraarbeiten nicht auf? Jeden Abend gehst du aus, um zu predigen und zu reden. Freilich, was du sagst, ist alles schön und gut; aber es nützt ja nichts: sie geben nicht das geringste darauf. Sie sind natürlich deiner Ansicht—aber was hat man davon, wenn Leute mit einem einverstanden sind und dann hingehen und das Gegenteil von allem tun, sobald man den Rücken kehrt? Denke nur an unsere Gemeinde in St. Dominik? Warum wollen sie dich jeden Sonntag über Christentum reden hören? Nur weil sie mit ihren Geschäften und Geldangelegenheiten sechs Tage lang so sehr beschäftigt waren, daß sie am siebenten Tage nichts davon hören mögen. Da wollen sie ruhen und sich erbauen, damit sie frisch zurückkehren und besser als je dem Gelde nachjagen können. Du hilfst ihnen nur noch dabei, anstatt sie daran zu hindern.

(Morell mit energischem Ernst:) Du weißt sehr gut, Candida, daß ich sie deswegen oft tüchtig ausschelte. Aber wenn ihr Kirchgang ihnen nichts anderes bedeutet als Ruhe und Zerstreuung, warum wählen sie dann nichts Lustigeres, Angenehmeres? Es muß doch etwas Gutes in der Tatsache liegen, daß sie die Kirche am Sonntag schlimmeren Orten vorziehen.

(Candida.) Oh, die schlimmen Orte sind eben nicht offen, und selbst wenn sie es wären, sie würden sich nicht trauen hinzugehen, aus Angst gesehn zu werden. Überdies, lieber Jakob, predigst du so wundervoll, daß es für sie so gut wie ein Schauspiel ist. Warum, glaubst du, sind die Frauen alle so begeistert?