(Morell.) Nichts Böses, Candida. Ich hoffe und vertraue, nichts Böses.
(Candida zweifelnd:) Das wird davon abhängen…
(Morell erschreckt:) Abhängen!
(Candida ihn ansehend:) Ja, es wird davon abhängen, was er bis dahin erleben wird. Er sieht sie verständnislos an. Begreifst du das nicht? Es hängt ganz davon ab, wie und durch wen ihm bewußt wird, was die Liebe eigentlich ist. Ich meine, es kommt auf die Frau an, die ihn die Liebe lehren wird.
(Morell ganz verwirrt:) Nein,—ja,—ich weiß nicht, was du meinst.
(Candida erklärend:) Wenn eine gute Frau sie ihn lehrt, dann wird alles gut und schön sein, dann wird er mir verzeihen.
(Morell.) Verzeihen?!
(Candida fortfahrend:) Aber gesetzt den Fall, daß eine schlechte Frau sie ihn lehrt, wie dies vielen Männern, ganz besonders dichterisch veranlagten, geschieht, die alle Frauen für Engel halten,—gesetzt den Fall, sage ich, daß er den Wert der Liebe erst dann entdeckt, wenn er sie fortgeworfen und sich in seiner Unwissenheit selbst erniedrigt hat, —glaubst du, daß er mir dann auch verzeihen wird?
(Morell.) Dir verzeihen? Weswegen?
(Candida bemerkt, wie beschränkt er ist, fährt etwas enttäuscht, aber sanft fort:) Verstehst du das nicht? (Er schüttelt den Kopf; sie wendet sich wieder zu ihm, um es ihm mit zartester Vertraulichkeit zu erklären.) Ich meine: wird er mir verzeihen, daß ich selbst ihn die Liebe nicht gelehrt, sondern ihn schlechten Frauen überlassen habe? meiner Frömmigkeit—meiner Reinheit wegen, wie du es nennst! Oh, Jakob, wie wenig du mich doch verstehst, daß du nur immer von deinem Vertrauen in meine Frömmigkeit und Reinheit sprichst. Ich würde sie beide dem armen Eugen so gerne geben, wie einem frierenden Bettler meinen Schal, wenn nichts anderes mich davon abhielte. Vertraue auf meine Liebe zu dir; denn wenn die nicht wäre, aus deinen Predigten würde ich mir sehr wenig machen—das sind bloß leere Phrasen, mit denen du andere und dich selbst jeden Tag belügst. (Sie ist im Begriff aufzustehen.)