(Morell mit halb erstickter Stimme—ein Hilferuf entringt sich den
Tiefen seiner Verzweiflung:) Candida!

(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:) Feigling!

(Candida bedeutsam:) Ich gebe mich dem Schwächeren von beiden. (Eugen errät ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird weiß wie scbmelzender Stahl.)

(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:) Ich nehme deine Entscheidung an, Candida.

(Candida.) Verstehen Sie, Eugen?

(Marchbanks.) Oh, ich fühle, ich bin verloren. Er könnte die Last nicht ertragen!

(Morell ungläubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:)
Meinst du mich, Candida?

(Candida lächelt ein wenig:) Setzen wir uns und plaudern wir gemütlich darüber wie drei Freunde. (Zu Morell:) Setze dich, mein Lieber. (Morell nimmt den Stuhl vom Kamin—den Kindersessel.) Bringen Sie mir diesen Stuhl, Eugen. (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn schweigend, sogar mit etwas wie kühler Beherrschung und setzt ihn neben Morell, etwas hinter ihn. Sie setzt sich, er geht an das Sofa und läßt sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergründlich. Als sie alle sitzen, beginnt Candida,—einen Hauch von Ruhe um sich breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zärtlichen Stimme:) Sie erinnern sich doch, was Sie mir über sich selbst erzählten, Eugen: wie sich niemand um Sie gekümmert hat, seit Ihre alte Amme starb. Wie Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brüder die Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford zurückzukehren, wie Sie leben mußten ohne Behaglichkeit oder Willkommen, ohne Zufluchtsstätte, immer einsam und fast immer ungern gesehen und mißverstanden! Sie armer Junge!

(Marchbanks der Größe seines Schicksals würdig:) Ich hatte meine
Bücher. Ich hatte die Natur. Und endlich bin ich Ihnen begegnet.

(Candida.) Lassen wir das im Augenblick beiseite. Nun möchte ich, daß Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,—meinen verwöhnten Jungen,—verwöhnt von seiner Wiege an. Einmal alle vierzehn Tage besuchen wir seine Eltern. Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und die Bilder des Helden dieser Familie sehen. Jakob als Baby, das wundervollste aller Babys! Jakob, als er seinen ersten Schulpreis erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren! Jakob als der Führer seiner Mitschüler beim Cricketspiel! Jakob in seinem ersten schwarzen Anzug! Jakob in allen möglichen ruhmvollen Posen. Sie wissen, wie stark er ist—ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan—wie gescheit er ist—wie glücklich! (Mit wachsendem Ernst:) Fragen Sie Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat, Jakob die Mühe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit und glücklich zu sein. Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner Kinder—alles in einer Person—zu sein! Fragen Sie Prossi und Marie, wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben, die uns helfen Zwiebeln schneiden. Fragen Sie die Geschäftsleute, die Jakob stören und seine prachtvollen Predigten gefährden wollen, wer es ist, der sie abschüttelt! Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es. Ich habe ihm ein Schloß von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer Schildwache davor, um all den täglichen kleinen Lebenssorgen den Eintritt zu verwehren. Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es nicht weiß und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er dazu gekommen ist, es zu sein. (Mit süßer Ironie:) Und als er dachte, ich könnte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus mir werden würde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir— (sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze über das Haar) seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit für meinen Unterhalt, seine Stellung für meine Würde, seine (zögernd:) ah, ich verwechsle deine wunderschönen Sätze und verderbe sie, nicht wahr, Liebling?