(Mill.) Ach, wenn Ihr Frauen nur ebenso leicht den Schlüssel zur
Stärke des Mannes fändet wie zu seiner Schwäche, es gäbe keine
Frauenfrage.
(Proserpina über ihre Schulter, während sie die Hände vor die Flammen hält:) Wo haben Sie das von Herrn Morell gehört? Sie selbst haben es nicht erfunden,—Sie sind dazu nicht gescheit genug.
(Mill.) Das ist ganz richtig. Ich schäme mich durchaus nicht, ihm diesen Ausspruch zu verdanken, wo ich ihm schon so viele andere geistige Wahrheiten verdanke! Er tat ihn bei der Jahresversammlung der freien Frauenvereinigung. Erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß ich, obwohl bloß ein Mann, im Gegensatz zu jenen Frauen diesen Ausspruch zu schätzen wußte! (Er wendet sich wieder an den Bücherschrank in der Hoffnung, daß diese Worte sie vernichtet haben.)
(Proserpina ordnet ihr Haar vor den kleinen Spiegeln des Kamins:) Wenn Sie mit mir sprechen, sagen Sie mir gefälligst Ihre eigenen Gedanken, soviel sie eben wert sind, und nicht die Pastor Morells. Sie geben niemals eine traurigere Figur ab, als wenn Sie versuchen, ihn nachzumachen.
(Mill gekränkt:) Ich versuche seinem Beispiel zu folgen, aber nicht, ihn nachzumachen.
(Proserpina kommt wieder an ihn heran auf dem Rückwege zu ihrer Arbeit:) Jawohl, Sie machen ihn nach. Warum stecken Sie Ihren Schirm unter den linken Arm, statt ihn in der Hand zu tragen wie jeder andere? Warum gehen Sie mit vorgeschobenem Kinn und warum eilen Sie vorwärts mit diesem eifrigen Ausdruck in den Augen,—Sie, der Sie nie vor halb zehn Uhr morgens aufstehen? Warum sagen Sie in der Kirche "Aandacht", obwohl Sie im Leben "Andacht" sagen? Bah—glauben Sie, ich weiß das nicht? (Geht zurück zur Schreibmaschine.) Da kommen Sie her und machen Sie sich endlich an Ihre Arbeit; wir haben heute Morgen genug Zeit verloren. Hier ist eine Abschrift der Tageseinteilung für heute. (Sie reicht ihm ein Memorandum. Mill schwer beleidigt:) Ich danke Ihnen. (Er nimmt das Papier und steht mit dem Rücken gegen sie an den Tisch gelehnt und liest.) Sie fängt an, auf der Schreibmaschine ihre stenographischen Aufzeichnungen zu übertragen, ohne auf Mills Gefühle zu achten.
(Burgess tritt unangemeldet ein.) Er ist ein Mann von sechzig Jahren, derb und filzig geworden durch die notwendige Selbstsucht des kleinen Krämers, die sich später durch Überfütterung und geschäftlichen Erfolg zu träger Aufgeblasenheit milderte. Ein gemeiner, unwissender, unmäßiger Mensch, beleidigend und hochnasig Leuten gegenüber, deren Arbeit wohlfeil ist, ehrfürchtig gegen Menschen von Reichtum und Rang, aber beiden gegenüber ganz aufrichtig und ohne Groll oder Neid. Da sie ihn ohne besondere Fähigkeiten sah, hat ihm die Welt keine andere gut bezahlte Arbeit zu bieten gewußt, als unnoble Arbeit, und er wurde infolgedessen etwas erbärmlich, hat aber keine Ahnung, daß er so beschaffen ist, und betrachtet seinen kommerziellen Wohlstand ganz ehrlich als den unvermeidlichen und sozial berechtigten Triumph der Geschicklichkeit, Tüchtigkeit, Fähigkeit und Erfahrung eines Mannes, der im Privatleben übertrieben, leichtsinnig, liebenswürdig und leutselig ist. Körperlich ist er kurz und dick, mit einer schnauzenähnlichen Nase in der Mitte eines flachen, breiten Gesichtes; unter dem Kinn ein staubfarbener Bart mit einem grauen Fleck in der Mitte; er hat wässerige blaue Augen mit klagend sentimentalem Ausdruck, der sich durch die Gewohnheit, seine Sätze wichtigtuend zu singen, auch leicht auf seine Stimme überträgt.
(Burgess bleibt an der Schwelle stehen und blickt umher:) Man sagte mir, Herr Morell sei hier.
(Proserpina sich erhebend:) Er ist oben, ich will ihn holen.
(Burgess sie frech anstarrend:) Sie sind nicht dieselbe junge Dame, die sonst für ihn schrieb.