„Verzeihen Sie. Der Tod einer Dame von solcher Jugend und solcher günstigen Lebenslage ist weder nach meiner Erfahrung noch nach meiner Ansicht etwas Gleichgültiges.“ Der Arzt erhob während dieser Worte seinen Kopf, um sich gegen jede Annahme zu verwahren, als ob sein Mitgefühl durch seinen Beruf abgestumpft worden sei.

„Hat sie gelitten?“

„Ja, einige Stunden. Wir konnten etwas ihre Schmerzen lindern — das arme Ding!“ Er vergaß ganz Trefusis Anwesenheit, als er das Nachwort hinzufügte.

„Stunden voll Schmerz! Können Sie mir irgend etwas nennen, wozu diese Stunden gut waren?“

Der Arzt schüttelte seinen Kopf, ohne daß man erkennen konnte, ob er diese Frage verneinen wollte oder nur solche Erwägungen bedauerte. Er machte dann eine Bewegung, als ob er aufbrechen wollte. Es war ihm bei der Unterhaltung mit Trefusis nicht wohl zumute, denn er fühlte, daß dieser sicherlich jetzt Fragen stellen oder Bemerkungen machen würde, bei deren Besprechung er sich irgendwie bloßstellen mußte. Sein Gewissen war nicht ganz ruhig. Er wußte, daß Henriettas Schmerzen zu nichts gut gewesen waren, aber er wollte das nicht zugestehen, damit er nicht in den Ruf der Religionslosigkeit kam und seine Praxis verlor. Er war überzeugt, daß der Hausarzt, der ihn herbeigerufen hatte, als der Fall sich verschlimmerte, Henrietta verkehrt behandelt hatte, aber seine Standesehre band ihn so streng, daß er lieber seinem Kollegen erlaubt hätte, ganz London zu dezimieren, ehe er seine Unfähigkeit aufdeckte.

„Noch ein Wort,“ sagte Trefusis. „Wußte sie, daß sie sterben mußte?“

„Nein. Ich hielt es für das beste, daß man ihr das nicht mitteilte. So entschlief sie ohne Angst.“

„Dann kann man beruhigt daran denken. Das arme Kind fürchtete den Tod. Ich wundere mich, daß die Torheit hier im Hause sich nicht über Ihre Vernünftigkeit hinweggesetzt hat.“

Der Arzt verneigte sich und ging hinaus. Er schätzte sich fast glücklich, daß man ihm keine Vorwürfe gemacht hatte, weil er in seiner Menschlichkeit Henrietta hatte sterben lassen, ohne daß sie es wußte.

Einen Augenblick später trat der Hausarzt herein. Trefusis überraschte ihn, als er den andern zur Türe begleitete, wie er draußen sein Gesicht grade in lange Falten zog. Er unterdrückte ein Verlangen, ihn bei der Gurgel zu fassen, setzte sich auf den Rand des Tisches und sagte freundlich: