„Dann hätten Sie es ihr wohl gesagt, wenn Sir Francis keinen Einspruch erhoben hätte?“
„Ja, sehen Sie, es gibt da Erwägungen, über die wir in unserm Beruf nicht hinweggehen dürfen. Das Sterben ist eine ernsthafte Sache, woran ich Sie wohl nicht besonders zu erinnern brauche, Mr. Trefusis. Wir haben oftmals höhere Pflichten, als die natürlichen Gefühle unserer Patienten zu schonen.“
„Ganz gewiß. Die Möglichkeit ewiger Freuden und die Wahrscheinlichkeit ewiger Höllenqualen sind Tröstungen, die man natürlich einem sterbenden Mädchen nicht so leicht vorenthalten soll. Aber was vorbei ist, kann nicht wieder gutgemacht werden. Alles in allem muß ich sehr dankbar sein. Ich bin ein junger Mann und werde als Witwer keine schlechte Figur machen. Und jetzt sagen Sie mir, Doktor, man ist doch oben nicht sehr ungehalten über mich?“
„Mr. Trefusis! Mein Herr! Ich kann mich nicht in Familienangelegenheiten einmischen. Ich kenne meine Pflichten und überschreite sie nie.“ Der Doktor war schließlich doch verletzt und sprach so stolz wie er konnte.
„Dann will ich hingehen und mit Mr. Jansenius sprechen,“ sagte Trefusis und stand vom Tische auf.
„Warten Sie, mein Herr. Einen Augenblick. Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen. Mrs. Jansenius bat mich, Sie zu fragen — ich wollte Ihnen grade sagen, daß ich jetzt nicht als ärztlicher Berater der Familie spreche, sondern als ein alter Freund — und — ach ja! Mrs. Jansenius bat mich, Sie zu fragen — ob Sie nicht Mr. Jansenius entschuldigen würden. Er ist ganz niedergeschlagen durch den Kummer und, wie ich Ihnen — als Arzt — versichern kann, nicht imstande, irgend jemand zu sehen. Sie wird mit Ihnen sprechen, sobald sie sich dazu fähig fühlt — vielleicht später, im Laufe des Abends. Inzwischen, wenn Sie natürlich irgendwelche Wünsche haben — Sie müssen durch Ihre Reise ermüdet sein, und ich empfehle immer den Leuten, nicht so lange zu fasten, es führt eine Art akuter Verdauungsschwäche herbei — also, wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, sie werden natürlich sofort ausgeführt werden.“
„Ich danke,“ sagte Trefusis nach kurzem Überlegen, „ich werde mir einen Hansom kommen lassen.“
„Es liegt natürlich kein Übelwollen vor,“ sagte der Doktor, der als langsamer Mann durch schnelle Entscheidungen stets beunruhigt wurde, wenn sie ihm auch, wie dieses Mal, ganz vernünftig erschienen. „Hoffentlich schließen Sie nicht aus dem, was ich gesagt habe —“
„Durchaus nicht. Sie sind sehr taktvoll gewesen. Aber ich halte es für das Beste, wenn ich gehe. Jansenius kann Tod und Elend mit vollkommener Seelenstärke ertragen, wenn sie in großem Maßstabe auftreten und sich in schmutzigen Hintergassen verbergen. Aber wenn sie in sein eigenes Haus einbrechen und sein Eigentum angreifen — seine Tochter war bis vor kurzem sein Eigentum — dann ist er grade der Mann dafür, seinen Kopf zu verlieren und mit mir zu streiten, weil ich meinen bewahre.“
Der Doktor war nicht imstande, auf diese Rede, die ihm versteckte schreckliche Ansichten zu enthalten schien, etwas zu erwidern. Da er aber sah, daß Trefusis gehen wollte, fragte er mit gedämpfter Stimme: „Wollen Sie nicht hinaufgehen?“