Das Grabmal wurde durch einen kleinen Trupp Arbeiter, die Trefusis als Arbeitslose entdeckt hatte, auf dem Highgate-Friedhof errichtet. Es trug folgende Inschrift:

Hier liegt
Henrietta Jansenius
Geboren am 26. Juli 1856
Vermählt mit Sidney Trefusis am 23. August 1875
Gestorben am 21. Dezember desselben Jahres.

Mr. Jansenius sah das für eine Beschimpfung des Andenkens seiner Tochter an, und da andere Familien, die durchaus nicht so hoch standen als die Janseniussche, noch viel größere Grabmäler hatten, so führte er es als Beweis für die Filzigkeit seines Schwiegersohnes an. Andere Leute bewunderten dagegen das Denkmal, und Trefusis hoffte, es würde seinem Schöpfer zum Wohlstand verhelfen. Doch das Gegenteil trat ein. Als der Steinmetz wieder an seine gewöhnliche Arbeit gehen wollte, teilte man ihm mit, er hätte die Handwerksgebräuche übertreten, und seine früheren Arbeitgeber wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Als er sich um Rat und Hilfe an die Gewerkschaft wandte, deren Mitglied er war, erhielt er dieselbe Antwort, und man warf ihm sogar Verrat an seinen Arbeitsgenossen vor. Er ging wieder zu Trefusis und sagte ihm, der Auftrag mit dem Grabstein hätte ihn ruiniert. Trefusis wurde wütend und schrieb einen polemischen Brief an die ‚Times‘, der aber nicht gedruckt wurde, einen spöttischen an die Gewerkschaft, der nichts erreichte, und einen groben an die Unternehmer, worauf diese mit einer Beleidigungsklage drohten. Es blieb ihm nichts übrig, als den Mann an Kaminsimsen und andern Steinarbeiten in dem Trefusisschen Landgut zu beschäftigen. Nach einem oder zwei Jahren hatte sich der Steinmetz dank seiner freigebigen Bezahlungen soviel zurückgelegt, um sich als Unternehmer selbständig zu machen. Hierbei begann er sehr schnell reich zu werden, denn er wußte durch Erfahrung ganz genau, wie viel man von den Arbeitern erzwingen konnte, und wie wenig man ihnen zu geben brauchte. Dann begann er sich für die Tugenden der Sparsamkeit, der Enthaltsamkeit und des ausdauernden Fleißes zu interessieren, und er verließ die internationale Vereinigung, deren begeisterter Anhänger er als einfacher, arbeitender Steinmetzgehilfe gewesen war.

Inzwischen ging Agathas Schulleben zu Ende. Ihren Entschluß, noch ein Semester eifrig in der Anstalt zu studieren, hatte sie nicht gefaßt, weil sie gebildet werden wollte, sondern um Smilasch mehr würdig zu sein. Und als sie die Wahrheit über ihn von seinen eigenen Lippen hörte, wurde ihr die Idee, noch einmal an den Schauplatz dieser Demütigung zurückzukehren, unerträglich. Sie verließ Alton unter dem Eindruck, ihr Herz sei gebrochen, denn ihre brennende Eitelkeit wollte natürlich nicht begreifen, daß sie selbst die Ursache dieser Kränkung war. So sagte sie denn Miß Wilson adieu, und die Biene an der Fensterscheibe wurde nicht mehr in der Altonschule gehört.

Die Nachricht von Henriettas Tod erschütterte sie um so mehr, weil sie gegen ihren Willen glücklich war, daß die einzige Person, die außer Smilasch von ihrer närrischen Liebe zu ihm wußte, nun für immer schwieg. Dies schien ihr eine schreckliche Entdeckung ihrer eigenen Verdorbenheit zu sein. Sie wurde darüber fast religiös und machte ihrer Mutter wegen ihrer Gesundheit Sorge. Die Mutter konnte ihre ungewohnte Ernsthaftigkeit nicht begreifen und besonders auch nicht ihren Entschluß, über das häßliche Benehmen Trefusis’ nicht zu reden, das jetzt den vorwiegenden Gesprächsstoff in der Familie bildete. Agatha lauschte schweigend den geschwätzigen Auseinandersetzungen über seine Flucht von seiner Frau, seine herzlose Gleichgültigkeit bei ihrem Verscheiden, seine Heftigkeit und gemeine Sprache an ihrem Totenbette, seine Geizigkeit, seinen gehässigen Widerstand gegen die Wünsche der Jansenius’, seinen billigen Grabstein mit der beleidigenden Aufschrift, seine Verbindung mit gewöhnlichen Arbeitern und niedrigen Demagogen, seine vermutliche Teilnahme an einer geheimen Gesellschaft zur Ermordung der Königlichen Familie und zu Dynamitattentaten auf die Armee, seine atheistische Glaubenslosigkeit, die er in einer Schmähschrift an die Geistlichkeit gezeigt hatte, als er sich gegen eine Darlegung des Erzbischofs von Canterbury, nur durch geistige Hilfe könnte die Lage der Armen in Eastend gebessert werden, wandte, und schließlich die Hauptschande, sein Versuch, den Gerichtshof in Old Bailey in aufrührerischer Weise zu beschimpfen, was ihm eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten eintrug. Leider befreite ihn die Genialität seines Anwalts von dieser Strafe, denn dieser entdeckte einen Schreibfehler in der Klageschrift, und es gelang ihm unter großen Kosten für Trefusis, daß das Urteil für ungültig erklärt wurde. Agatha wurde zuletzt müde, immer nur von seinen Missetaten zu hören. Sie hielt ihn zwar für herzlos, selbstsüchtig und verführt, aber sie wußte, daß er kein lärmender, roher, eingebildeter und unwissender Zänker war, wie es die meisten Klatschschwestern ihrer Mutter glaubten. Sie fühlte sogar, wenn auch widerstrebend, eine Art Dankbarkeit gegen die wenigen, die es wagten, ihn zu verteidigen.

Die Vorbereitungen zu ihrer ersten Ballsaison halfen ihr, ihr Mißgeschick zu vergessen. Sie wurde zur gehörigen Zeit in die Gesellschaft eingeführt und fand alles sehr langweilig. Manchmal wurde bei ihr dieses Gefühl so stark, daß sie sich fragte, ob sie wohl je wieder glücklich sein würde. Auf der Schule hatte es Kameradschaftlichkeit gegeben, Spaß, Regeln und Vorschriften, die den Willen stärkten, wenn man sie beobachtete, und eine entzückende Aufregung brachten, wenn man sie übertrat. Da war man frei von Förmlichkeit gewesen, konnte Zuckerzeug machen, das Geländer hinabfliegen und einer ganzen Schar Mädchen den Soldat im Kamin vorführen. In der Gesellschaft gab es lächerliche Gespräche, die eine halbe Minute dauerten, oberflächliche Bekanntschaften, die sich auf solchen halben Minuten gründeten, ein allgemeines wechselseitiges Mißtrauen, dicht gedrängte Menschenmengen, ungenügende Ventilation, schlechte Musik, die dazu schlecht gespielt wurde, langes Aufbleiben, ungesundes Essen, vergiftende Liköre, ein eifersüchtiger Wettbewerb in nutzlosen Ausgaben, Jagd nach einem Mann, Flirten, Tanzen, Theater und Konzerte. Die letzten drei Dinge liebte Agatha, und sie machten ihr den Unterschied zwischen Alton und London erträglich, aber sie hatten ihre Schattenseiten, denn gute Partner beim Tanzen und gute Aufführungen der geistlosen Opern und Musikstücke waren bedauerlich selten. Flirten konnte sie nicht ertragen. Sie trieb die Männer weg, sobald sie zärtlich wurden, denn sie sah in ihnen die Falschheit Smilaschs ohne seinen Geist. Die jüngeren Herren ihres Bekanntenkreises hielten sie für ungeschliffen. Sie unterhielten sich über Agathas schlechte Manieren und beschlossen sie dadurch zu bestrafen, daß sie sie nicht mehr zum Tanze holten. So wurde sie, ohne zu wissen auf welche Weise, die Aufmerksamkeiten los, aus denen sie sich auch nicht das geringste machte, denn sie behielt die grausame Verachtung der Schulmädchen für ‚Jungens‘ bei. Sie genoß jetzt, so gut sie es konnte, die Gesellschaft älterer oder vernünftigerer Männer, die nicht so unduldsam gegen Mädchen waren.

Jedenfalls hatte sie sich noch nie so wenig glücklich gefühlt wie in diesem Jahr. Sie brachte wiederholt ihre Mutter in Aufregung, indem sie Pläne faßte, Krankenpflegerin, Sängerin oder Schauspielerin zu werden. Jeder dieser Pläne führte zu flüchtigen, planlosen Studien. Um die Befähigung zu einer Krankenpflegerin zu bekommen, las sie ein Handbuch der Physiologie, und Mrs. Wylie hielt das für einen so unpassenden Gegenstand für eine junge Dame, daß sie weinend zu Mrs. Jansenius ging und sie bat, ihr ungezogenes Kind doch zurechtzuweisen. Mrs. Jansenius, besser unterrichtet, war der Ansicht, je mehr eine Frau wüßte, desto vernünftiger würde sie jedenfalls handeln, und Agatha würde die Physiologie schon bald aus eigenem Antrieb fallen lassen. Das erwies sich als richtig. Agatha hatte ihr Buch, in dem sie viel überschlug, schnell beendigt und ging nun zum Studium der Pathologie über nach einem Band klinischer Vorlesungen. Sie fand darin genau ihre eigenen Empfindungen beschrieben, und zwar als Symptome der schrecklichsten Krankheiten. Sie legte es voller Schrecken weg und nahm einen Roman zur Hand. Dieser war frei von den Fehlern ihrer früheren Lektüre, denn keines von den Gefühlen, die in dem Roman vorkamen, glich auch nur im mindesten denen, die sie schon gehabt hatte.

Nach einer kurzen Frist ließ sie sich von einem beliebten Gesanglehrer untersuchen, ob ihre Stimme stark genug sei für die Bühne. Er empfahl ihr, bei ihm sechs Jahre lang zu lernen, und versicherte ihr, daß sie am Ende dieser Zeit — wenn sie seinen Anweisungen folgte — die größte Sängerin der Welt sein würde. Hiergegen hatte sie in Gedanken die entscheidende Einwendung, daß sie in sechs Jahren eine alte Frau sei. So beschloß sie, es selbst zu versuchen, vielleicht würde sie allein schnellere Fortschritte machen. Für den Fall, daß aus ihrer Sängerinnenlaufbahn nichts würde, beschloß sie, zum Schauspiel zu gehen, und nahm Unterricht in der Aussprache und in Leibesübungen. Diese Übungen hatten einen so günstigen Einfluß auf ihre körperliche und geistige Gesundheit, daß ihr bisheriges Streben ihr noch gar nicht weit genug ging. Sie versuchte nacheinander alle Künste, wurde aber jedesmal durch ihre Willensschwäche entmutigt, wenn sie versuchte, ausdauernd zu sein. Sie wußte als allgemeine Regel, daß schwächliche und lächerliche Versuche der Anfang von allem Tüchtigen sind, aber sie fand nie eine Regel für ihren eigenen Fall und glaubte noch immer, sie sei eine Ausnahme, grade wie sie es in ihrer Liebe zu Smilasch geglaubt hatte. Sie lag noch ganz in den Selbsttäuschungen der Jugend.

Inzwischen beängstigten ihre Fortschritte gar sehr ihre Mutter. Diese kannte solche Anfälle von heiterer Stimmung, auf die dann das quälende Gefühl des Mißerfolgs und der Nutzlosigkeit folgten, nur als ‚Wildheit‘ und ‚schlechte Laune‘ und bekämpfte sie mit Handarbeit als beruhigendem Mittel und Fleischtee als anregendem Mittel. Mrs. Wylie hatte es auswendig gelernt, daß die ganzen Pflichten einer Dame darin beständen, anmutig, gütig, hilfreich, bescheiden und selbstlos zu sein und ruhig abzuwarten, was ihr diese Tugenden bescherten. Aber dann hatte sie durch Erfahrung gelernt, daß das Geschäft einer Dame in der Gesellschaft nur das sei, sich zu verheiraten, und daß alle diese Tugenden und Vollkommenheiten nur den Wert hätten, passende junge Männer anzuziehen. Da diese Wahrheit unanständig ist, überläßt man es gewöhnlich den jungen Damen ein oder zwei Jahre lang, es selbst herauszufinden. Es wird ihnen selten bei ihrem Eintritt in die Gesellschaft ausdrücklich mitgeteilt. Daher weisen sie oft in ihrer ersten Saison großartige Partien zurück und müssen sich nachher zu sehr reduzierten Preisen anbieten, je nachdem wie ihre Reize anfangen schal zu werden. Dieses Schicksal fürchtete auch Mrs. Wylie, die durch Mrs. Jansenius gewarnt war, für Agatha. Von Zeit zu Zeit wurde ihr ein junger, wohlhabender Gentleman vorgestellt, aber sie vertrieb ihn jedesmal in barscher Weise, sobald er eine Anspielung auf ihre Gefühle machte. Die angstvolle Mutter tröstete sich damit, wenn ihre Tochter auch die wünschenswerten und die nichtwünschenswerten Partien in gleich grausamer Weise zurückstieß, so knüpfte sie doch wenigstens keine unschicklichen Verbindungen an und war außerdem noch sehr jung. Auch würde sie wohl weniger spröde sein, wenn sie etwas älter und, wie Mrs. Jansenius es nannte, vernünftiger wurde.

Aber eine Saison folgte auf die andere, und es blieb fraglich, wen man mehr beglückwünschen sollte, Agatha, weil sie nach der Schulzeit das Leben begonnen, oder Henrietta, weil sie es beendet hatte.