[Elftes Kapitel.]
Brandon Beeches im Themsetal war der Wohnsitz von Sir Charles Brandon, dem siebten Baronet dieses Namens. Er hatte seinen Vater verloren, bevor er mündig geworden war, und heiratete kurz nachher, so daß er mit fünfundzwanzig Jahren Vater von drei Kindern war. Er sah trotz seiner Jugend etwas verlebt aus, aber er war schlank und ansprechend und hatte eine gewinnende Art, die Unglücksfälle der andern von einer freundlichen und beruhigenden Seite zu nehmen. Er war ein guter Erzähler, liebte Musik und konnte etwas spielen und singen. Er liebte das Zeichnen und skizzierte in Wasserfarben, er las jede Zeitschrift von London bis Paris, die Kunstkritiken brachte, er hatte ein paar Reisen gemacht, er fischte etwas, schoß etwas und botanisierte etwas, er lief rastlos hinter den Frauen her und verschwendete seine Energie auf all den tausend Wegen, die ihm sein Reichtum und seine Fähigkeiten offen machten. Auf keinem Gebiete besaß er genauere Kenntnisse, aber er hatte sich doch vieles so weit angesehen, daß er an die Stelle vollständiger Unkenntnis gemäßigte Unwissenheit setzen konnte. Er hatte nie den Genuß gekannt, etwas Großes zu vollbringen, und quälte sich mit einer unbefriedigten Sehnsucht, die ihn melancholisch machte und ihn überzeugte, er sei ein geborener Künstler. Seine Frau fand ihn selbstsüchtig verdrießlich und wankelmütig und sagte, er hielte sich jedesmal für gefährlich krank, wenn er sich nur etwas erkältet habe.
Lady Brandon, die übrigens glaubte, er verstände alle die Dinge, über die er redete, weil sie sie selbst auch nicht verstand, war eine seiner Enttäuschungen. Ihrem Äußern nach glich sie keinem der Schönheitsideale, die die Maler ihrer Zeit darstellten, aber sie hatte Reize, für die wenige Männer unempfindlich sind. Sie war groß, weich und stark, mit vollen, wohlgeformten Armen, Schultern und Hüften. Mit ihrem kleinen Kopf, den zarten Ohren, den hübschen Lippen, den schelmischen Augen stellte sie, da sie eine sehr große Person war, eine Fülle von halb weiblicher, halb kindlicher Lieblichkeit dar, die selbst ernsten Männern das Verlangen einflößte, sie in ihre Arme zu nehmen und zu küssen. Dieses Verlangen hatte den oberflächlichen geistigen Geschmack Sir Charles’ auf den ersten Anblick besiegt. Seine Einbildung versah sie mit jenem Verständnis für die höheren Künste, das er von einer Frau verlangte, und er heiratete sie in ihrer ersten Ballsaison, um dann zu entdecken, daß das Liebesbedürfnis in ihrem Wesen so gering und so matt war, daß sie alle seine Versuche, zärtlich gegen sie zu sein, ins Lächerliche zog und ihn um alle Liebesgenüsse brachte, nach denen er sich mit dem ganzen vorher empfundenen Entzücken gesehnt hatte. Auf geistigem Gebiete enttäuschte sie seine Hoffnungen aber noch viel mehr. Nach ihrer Meinung war seine Lieblingskunst, das Malen, für Amateure nur ein Zeitvertreib und für Berufskünstler ein Nebenzweig beim Einrichten eines Hauses. Wenn er diesen Gegenstand mit seinen Freunden erörterte, dann pflegte sie ihre Ansicht mit einem Eigendünkel zu äußern, der um so unangenehmer war, weil sie oft die gröbsten Schnitzer machte, während er selbst seine Schlüsse mit der höchsten Feinheit und Ernsthaftigkeit durchführte. Bei solchen Gelegenheiten machte sie sich aus seinem Widerwillen durchaus nichts, sie frohlockte sogar darüber. Sie war zu der Überzeugung gekommen, die Ehe sei noch eine größere Torheit und die Männer seien noch größere Narren, als sie geglaubt hatte. Aber diese Überzeugung verstärkte eher ihr Pflichtgefühl, als daß es sie enttäuscht hätte, und da sie genügend Geld, genügend Dienerschaft, genügend Gäste und genügend Reitübungen hatte, die sie übermäßig liebte, so verfloß ihre Zeit aufs angenehmste. Behaglichkeit erschien ihr als der natürliche Zustand des Lebens, jede Störung setzte sie in Erstaunen. Die Freunde ihres Mannes, die mit Mißtrauen in die Zukunft sahen und mit Bitterkeit an manche vergangene Stunde zurückdachten, waren ihr nur Beispiele dafür, daß vieles Lesen und ein Leben ohne Bewegung die Menschen mißmutig und stumpf mache.
An einem schönen Maimorgen, als sie auf einem mächtigen, braunen Pferd die Einfahrt nach Brandon Breeches hinuntergaloppierte, öffnete sich an dem Ende das Tor, und ein junger Mann kam auf einem Zweirad herausgefahren. Er war von schmächtiger Gestalt mit schönen, dunkeln Augen und feinen Nasenflügeln. Als er Lady Brandon erkannte, schwenkte er seine Mütze, und als er sie erreicht hatte, sprang er von seinem leblosen Stahlroß ab, so daß das braune Pferd scheute.
„Ruhig, du dummes Tier!“ rief sie und schlug es mit dem Ende ihrer Peitsche. „Zwar, es ist kein Wunder, wenn es erschrickt. Wie geht es Ihnen? Wie hübsch ist es, daß man jetzt auf einem Pferd reiten kann, das auf Rädern läuft.“
„Aber ich bin nicht reich genug, um ein wirkliches Pferd zu halten,“ sagte er und trat näher, um den Braunen zu streicheln, nachdem er sein Rad gegen einen Baum gelehnt hatte. „Übrigens fürchte ich mich vor Pferden, ich bin nicht an sie gewöhnt. Ich verstehe auch nicht, sie zu füttern. Mein Rad braucht kein Futter. Es beißt und tritt nicht. Es geht nie lahm, es wird nicht krank, stirbt nicht, braucht keinen Diener und —“
„Das ist alles Unsinn,“ sagte Lady Brandon heftig. „Es stolpert und gibt Ihnen die schrecklichsten Stöße, es geht lahm, weil seine Pedale oder sonst etwas sich lösen, und trägt sich ab, und es macht zweimal so viele Mühe, wenn man es sauber halten und den Schmutz entfernen will, als ein Pferd. Und so ist es bei allem. Ich glaube, der lächerlichste Anblick auf der Welt ist ein Mann auf einem Zweirad. Er strampelt nach Leibeskräften mit den Füßen und glaubt, sein Roß trüge ihn, während er doch, wie es jeder sehen kann, sein Roß trägt. Sie brauchen mir nicht vorzureden, es sei ebenso leicht, eine große, leblose eiserne Maschine mitzuschleppen, wie auf gewöhnliche Art zu gehen. Das ist heller Unsinn.“
„Trotzdem kann ich es in einem Tag hundert Meilen weiter bringen, als mich selbst allein. Das sind die Wunder der Mechanik. Doch ich weiß, neben Ihnen und diesem prächtigen Tier schneiden wir zwei nur eine armselige Figur — kein Mensch wirft einen Blick auf mich, während Sie mit vollem Recht allgemeine Aufmerksamkeit erregen.“
Sie warf ihm einen Blick zu, daß ihn ein Schwindelgefühl überkam und sein Herz schneller pochte. Das war so eine alte Gewohnheit von ihr. Sie bewahrte sie aus Liebe zum Spaß und hatte keine Ahnung, welchen Eindruck sie auf entzündlichere Herzen als ihr eigenes machte. Er setzte hastig hinzu: