„Unsinn! Ich glaubte, Sidney hätte mehr Vernunft. Henrietta, sei nicht so töricht. Ihr habt euch natürlich gezankt.“
„Nein! Nein!! Nein!!!“ schrie Henrietta und stampfte auf den Teppich. „Nicht ein Wort haben wir uns gesagt. Seit meiner Verheiratung habe ich nicht ein einziges Mal meine gute Laune verloren — ich schwör es dir feierlich. Ich werde Selbstmord begehen, es gibt keinen andern Weg. Auf mir liegt ein Fluch. Ich bin bestimmt, unglücklich zu sein. Er —“
„Schweig still! Was ist denn geschehen, Henrietta? Du bist doch jetzt schon sechs Wochen verheiratet und darfst dich nicht wundern, wenn einmal ein kleiner Zwist ausbricht. Du bist so leicht erregbar! Du kannst aber nicht erwarten, daß der Himmel immer wolkenlos ist. Wahrscheinlich trägst du die Schuld, denn Sidney ist viel vernünftiger als du. Hör mit Weinen auf und benimm dich wie eine verständige Frau. Ich werde selbst zu Sidney hingehen und alles wieder in Ordnung bringen.“
„Aber er ist fortgegangen, und ich weiß gar nicht, wohin. Oh, was soll ich tun?“
„Was ist denn geschehen?“
Henrietta machte eine ungeduldige Bewegung. Dann zwang sie sich dazu, ihre Geschichte zu erzählen, und sagte: „Wir verabredeten am Montag, ich sollte auf zwei Tage zu Tante Judith auf Besuch gehen, anstatt ihn nach Birmingham auf diesen schrecklichen Gewerkschaftskongreß zu begleiten. Wir schieden im besten Einvernehmen voneinander. Er konnte nicht herzlicher sein. Aber ich gehe in den Tod, mir ist jetzt alles gleich. Und als ich Mittwoch zurückkam, da war er fort, und dieser Brief —“ Sie zog einen Brief aus der Tasche und weinte noch bitterlicher als vorher.
„Laß mich ihn lesen.“
Henrietta zauderte, aber ihre Mutter nahm ihr den Brief ab, setzte sich nahe ans Fenster und begann ihn zu lesen, ohne den heftigen Schmerz ihrer Tochter im geringsten zu beachten. Der Brief lautete folgendermaßen:
Montag abend.
Meine einzig Geliebte,
ich bin fortgegangen, übersättigt von Liebe, und will mein eigenes Leben leben und meine eigene Arbeit tun. Ich hätte Dich auf diese Absicht nur durch Kälte oder Vernachlässigung vorbereiten können. Aber das war mir unmöglich, solange der Zauber Deiner Anwesenheit auf mich wirkte. Darum mußte ich fliehen, um mich selbst zu retten.