Ich fürchte, ich kann Dir für meinen Schritt keine genügenden und verständlichen Gründe angeben. Du bist ein schönes und kostbares Geschöpf, das Leben gibt Dir nur dann volle Befriedigung, wenn es ein Karneval der Liebe ist. Mein Fall liegt grade umgekehrt. Bevor mir drei zärtliche Worte entschlüpft sind, mache ich mir schon Vorwürfe wegen meiner Torheit und Unaufrichtigkeit. Bevor eine Liebkosung erkalten kann, regt sich schon in mir in stärkster Weise das entgegengesetzte Gefühl. Ich muß wieder zu meinem alten, einsam strengen Einsiedlerleben zurückkehren, zu meinen trocknen Büchern, meiner Agitation für den Sozialismus, meinen Entdeckungsreisen durch die Wildnis des Gedankens. Ich heiratete Dich in dem unsinnigen Glauben, ich hätte auch jene natürliche Zuneigung, die andere Männer eine lebenslange Ehe ertragen läßt. Aber ich habe meinen Irrtum eingesehen. Du bist für mich die lieblichste Frau von der Welt. Nun habe ich fünf Wochen lang mit der lieblichsten Frau von der Welt zusammengelebt, ich habe mit ihr geplaudert und gescherzt, und das Ende ist, daß ich von ihr fliehe und in eine Einsiedelei gehe, bis ich sterbe. Die Liebe kann mich nicht beherrschen. Alles, was stark ist in mir, lehnt sich gegen sie auf und schüttelt sie ab. Vergib mir, daß ich Dir Unsinn schreibe, den Du nicht verstehst, und urteile nicht zu hart über mich. Ich war gegen Dich so gut, wie ich es mit meinem selbstsüchtigen Wesen sein konnte. Suche mich nicht aus meiner Verborgenheit aufzustören, in der ich bleiben will und bleiben muß. Mein Anwalt wird Deinem Vater schreiben und alle geschäftlichen Angelegenheiten in Ordnung bringen. Du sollst so glücklich sein, wie Wohlstand und Freiheit Dich machen können. Wir werden uns wiedersehen — später einmal.
Leb wohl, meine letzte Liebe.
Sidney Trefusis.
„Nun?“ fragte Mrs. Trefusis, die durch ihre Trauen bemerkte, daß ihre Mutter den Brief gelesen hatte und voll Verwirrung nachdachte.
„Wahrhaftig!“ sagte Mrs. Jansenius mit erregter Stimme. „Glaubst du, daß er ganz richtig im Kopf ist, Henrietta? Oder hast du zuviel Aufmerksamkeit von ihm verlangt. Die Männer widmen nicht gerne ihr ganzes Wesen ihren Frauen, selbst in den Flitterwochen nicht.“
„Er sagte, er sei nur in meiner Nähe glücklich,“ schluchzte Henrietta. „Noch nie hat es so etwas Grausames gegeben. Ich habe oft selbst nach einer Veränderung verlangt, aber ich fürchtete, seine Gefühle zu verletzen, wenn ich es sagte. Und jetzt hat er gar keine Gefühle. Aber er muß zu mir zurückkommen. Nicht wahr, Mama?“
„Natürlich müßte er. Hoffentlich ist er nicht mit einer andern davongelaufen?“
Henrietta sprang auf, und ihre Wangen wurden rot. „Wenn ich das dächte, ich würde ihn bis an das Ende der Welt verfolgen und sie ermorden. Aber nein, er ist nicht wie die andern. Er haßt mich. Alle hassen sie mich. Du machst dir auch nichts daraus, ob ich verlassen bin oder nicht, und Papa nicht und niemand hier im Hause.“
Mrs. Jansenius blieb noch immer gleichgültig bei der Aufregung ihrer Tochter. Sie überlegte einen Augenblick und sagte dann friedlich:
„Du kannst nichts tun, bis wir Nachricht von dem Anwalt bekommen. Inzwischen kannst du hier bei uns wohnen, wenn du es willst. Ich habe nicht erwartet, daß du mich sobald besuchen würdest, aber dein Zimmer ist, seit du fortgegangen, noch nicht benutzt worden.“