Mrs. Trefusis hörte auf zu weinen. Diese erste Andeutung, daß ihres Vaters Haus nicht mehr das ihrige sei, kühlte sie ab. Ein wirkliches Gefühl von Verlassenheit kam über sie. Unter seinem kalten Einfluß gewann sie ihre Fassung wieder, und ihr Stolz legte sich wie eine Schranke zwischen sie und ihre Mutter.

„Ich will nicht lange hierbleiben,“ sagte sie. „Wenn sein Anwalt mir nicht sagen will, wo er ist, werde ich ganz England nach ihm durchstöbern. Es tut mir leid, daß ich euch hier Störung mache.“

„Oh, du wirst uns keine größere Störung machen, als du es immer getan hast,“ sagte Mrs. Jansenius ruhig und war befriedigt, weil ihre Tochter den Wink verstanden hatte. „Du gehst jetzt am besten hinauf und wäschst dein Gesicht. Es kann Besuch kommen, und du willst doch die Leute nicht in dem Zustand empfangen. Wenn du Arthur auf der Treppe siehst, sag ihm, bitte, er solle hereinkommen.“

Henrietta verzog boshaft ihre Lippen und verließ das Zimmer. Dann kam Arthur herein und stellte sich in mürrischem Schweigen an das Fenster, indem er darüber brütete, warum er wohl vorhin aus dem Zimmer verjagt war. Plötzlich rief er: „Da kommt Papa, und es ist noch nicht fünf Uhr!“, worauf ihn seine Mutter zum zweiten Male hinausschickte.

Mr. Jansenius war ein Mann von würdigem Aussehen. Er war noch keine fünfzig Jahre alt, aber auch nicht weit davon ab. Er bewegte sich mit abgemessener Ruhe und machte ein Gesicht, als ob hinter seinen wulstigen Brauen kostbare Gedanken verborgen lägen. Seine schöne Adlernase und die scharfen, dunklen Augen verrieten seine jüdische Abstammung, deren er sich übrigens schämte. Die Leute, die das nicht wußten, glaubten natürlich, er sei stolz darauf, und begriffen nicht, warum er seine Kinder als Christen erziehen ließ. Er war wohlerfahren in Geschäftsangelegenheiten und hatte außer seiner Liebe zur Familie, seinem Streben nach Ansehen, Behaglichkeit und Wohlhabenheit keine Leidenschaften. So hatte er nicht nur das ererbte väterliche Vermögen bewahrt, sondern es auch beträchtlich vergrößert. Er war Bankier und stand auf dem Standpunkt, die unendlichen Ersparnisse, die das Banksystem mit sich führt, soviel wie möglich aufzufangen und in seine Tasche zu stecken und im übrigen die Welt grade so hart arbeiten zu lassen, wie sie es tat, bevor das Banksystem eingeführt war. Da aber die Welt unter solcher Bedingung überhaupt nicht zur Bank gegangen wäre, so gab er ihr, um sie anzulocken, ein wenig von diesen Ersparnissen ab. So hatten die Leute ihren kleinen Vorteil und er seine Genugtuung, daß er zugleich ein wohlhabender Staatsbürger und ein öffentlicher Wohltäter war, schwer an Geld und leicht im Gewissen.

Er trat schnell in das Zimmer, und seine Frau sah, daß ihn etwas erregt hatte.

„Weißt du, was geschehen ist, Ruth?“ fragte er.

„Ja, sie ist oben.“

Mr. Jansenius starrte sie an. „Was, sie ist schon fortgegangen?“ fragte er. „Welche Veranlassung hat sie, hierher zu kommen?“

„Das ist doch ganz natürlich. Wo sollte sie sonst hingehen?“