„Die Mauer niedergerissen!“ rief Lady Brandon aus und wurde vor Entrüstung abwechselnd rot und wieder blaß. „Welch eine schändliche Geschichte! Wo ist die Polizei? Chester, wollen Sie mitkommen und sehen, was sie machen? Sir Charles ist zu nichts zu gebrauchen. Glauben Sie, daß eine Gefahr dabei ist?“

„Es sind zwei Polizisten da,“ sagte der alte Mann. „Und den Mann aus Sallusts Haus wagen sie nicht anzuhalten. Sie sehen ruhig zu. Und ein Geistlicher ist dabei. Ich sah, wie er mit eigener Hand ein Stück von der Mauer wegriß.“

„Den Spaß will ich mir doch ansehen,“ sagte Chester.

Lady Brandon überlegte. Aber ihr Ärger und ihre Neugierde überwanden ihre Furcht. Sie überholte das Zweirad, und sie kamen beide durch das Tor und über die Landstraße zu dem Schauplatz, den der alte Mann beschrieben hatte. Ein Haufen von Steinen und Mörtel lag auf der Straße rechts und links von einer Bresche in einer neuerbauten Mauer, und Lady Brandon konnte von ihrem hohen Sitz auf dem Pferderücken einen Trupp von ungefähr dreißig Mann sehen, der quer über den Rasenplatz auf sie zukam. Sie marschierten schweigend und in guter Ordnung zu dreien nebeneinander. Mit Ausnahme von ein paar lustigen Kerlen machten sie alle Gesichter, als ob sie Andächtige wären, die eine religiöse Handlung vornähmen. Der ernste Eindruck der Prozession wurde durch die Anwesenheit eines Geistlichen in ihren Reihen verstärkt. Sonst waren es Leute der mittleren Klassen und ein paar Arbeiter. Sie trugen ein Banner mit der Inschrift: „Der Boden Englands dem ganzen Volke.“ Es waren auch vier Frauen dabei, auf die Lady Brandon mit äußerstem Unwillen und Verachtung blickte. Kein Mann aus der Nachbarschaft hatte es gewagt, sich anzuschließen. Sie standen flüsternd auf der Landstraße und versuchten dann und wann über die Witze zweier Landstreicher zu lachen, die stehengeblieben waren, um sich den Spaß anzusehen, und die sich gar nichts aus Sir Charles machten.

Sir Charles stand etwas vom Wege ab auf dem Rasen und stritt sich ärgerlich mit einem Mann seiner eigenen Klasse, der die Hände in den Taschen seines gelbbraunen Anzugs mit dem Rücken nach der Bresche zu stand und mit stolzer Zufriedenheit die Prozession betrachtete. Lady Brandon vermutete sofort, daß dies der Mann aus Sallusts Hause sei. Die Ergebenheit der Menge — die meisten machten ihr Platz und faßten an ihre Mützen — gab ihr Mut. Sie schlug mit ihrer Peitsche heftig auf ihr Pferd ein und ritt, daß die Hufe trappelten und die Rasenstücke umherflogen, mitten auf ihren gelbbraunen Feind los, der schnell zur Seite springen mußte, um sich zu retten. Ein stürmisches Gelächter erscholl auf der Landstraße, und der Mann wandte sich scharf nach ihr um. Aber plötzlich lächelte er freundlich, steckte seine Hände wieder in die Taschen, nachdem er mit dem Hut gegrüßt hatte, und sagte:

„Wie geht es Ihnen, Miß Carpenter? Ich dachte, Sie wären eine Kavallerieattacke.“

„Ich bin nicht Miß Carpenter, ich bin Lady Brandon, und Sie sollten sich etwas schämen, Mr. Smilasch, daß Sie diese abscheulichen Menschen hergebracht haben.“

In seinen Augen lag ein beredtes Bedauern, daß sie nicht mehr Miß Carpenter sei. „Ich bin nicht Smilasch,“ entgegnete er, „ich bin Sidney Trefusis. Ich hatte grade das Vergnügen, zum ersten Male mit Sir Charles zusammenzutreffen, und wir werden die besten Freunde sein, wenn ich ihn nur erst überzeugt habe, daß es schwerlich recht ist, sich eines Weges zu bemächtigen, der den Leuten gehört, und sie zu zwingen, einen Umweg von anderthalb Meilen um sein Besitztum zu machen, statt hier durchzugehen.“

„Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Herr,“ bemerkte Sir Charles, „daß ich beabsichtige, noch einen kürzeren Weg anzulegen, und ich werde allen Arbeitern von guter Aufführung erlauben, zweimal täglich diesen Weg zu überschreiten. So können sie zu ihrer Arbeit gehen und abends zurückkehren, und ich will den Weg auf meine Kosten im Stande erhalten.“

„Danke sehr,“ sagte Trefusis trocken. „Aber weshalb sollen wir Ihnen die Mühe machen, wenn wir selbst einen Weg haben, den wir fünfzigmal am Tag betreten können, falls wir dazu Lust verspüren, und auf dem uns kein Mann den Zugang verlegt, bis ihm einmal zufällig unsere Aufführung gefällt? Übrigens würde Ihr nächster Erbe sicherlich sofort den Weg schließen, wenn er das Besitztum anträte.“