„Sollen wir nicht lieber auf Sir Charles warten?“ fragte er unüberlegt.

„Lassen Sie mich in Ruhe mit Sir Charles, er ist schlecht gelaunt,“ sagte sie, ohne leiser zu sprechen. „Kommen Sie mit.“ Und sie ritt im Galopp davon. Erskine folgte ihr mit dem Gedanken, daß er sich für seinen Besuch eine sehr unglückliche Zeit ausgesucht habe.


[Zwölftes Kapitel.]

Am folgenden Donnerstag trafen sich Gertrude, Agatha und Jane zum erstenmal wieder, seit sie die Schule zu Alton verlassen hatten. Agatha war am meisten zurückhaltend von den dreien und hatte sich äußerlich am wenigsten verändert. Sie glaubte, sie sei sehr verschieden von der Agatha aus Alton, aber sie hatte nur ihre Ansicht über sich verändert, ihr Wesen war dasselbe geblieben. Sie hatte bei ihren Freundinnen eine ähnliche Veränderung erwartet und zweifelte sehr daran, daß ihr Zusammentreffen ein fröhliches sein werde.

Sie fürchtete das mehr wegen Gertrude als wegen Jane, denn Lady Brandon war, wie sie schon bei der kurzen Unterhaltung in London gefunden hatte, im Benehmen, Denken und Sprechen dieselbe geblieben, die sie als Miß Carpenter gewesen war. Aber Jane flößte selbst Agatha jetzt mehr Respekt ein als früher, denn sie hatte sich aus einem übergroßen Mädchen in eine schöne Frau verwandelt und machte in ihrer ersten Saison eine brillante Partie, während viele ihrer hübschen, stolzen und klugen Altersgenossinnen, die sie auf der Schule beneidet hatte, noch unverheiratet waren und zu Hause ein ungemütliches Heim hatten, weil ihre Eltern die Last ihres Unterhalts los werden und durch ihre Verheiratung ihren Geldbeutel oder ihre Stellung verbessern wollten.

Dies war auch bei Gertrude der Fall. Wie Agatha hatte sie alle Heiratsanträge abgewiesen. Sie war stolz auf ihre Familie und ihre Vornehmheit und wollte so wenig wie möglich mit Leuten zu tun haben, die ihr darin nachstanden. Zuerst schlug sie die Bekanntschaft mit verschiedenen sehr reichen und vornehm lebenden Familien ab, weil sie ihre Vorfahren nicht kannten oder sich ihrer schämten. Nachdem sie sich aus diesem Kreise ausgeschlossen hatte, wurde sie bei Hofe vorgestellt und nahm von da ab nur noch Einladungen von solchen Leuten an, die nach ihrer Meinung das Recht zu der gleichen Ehre hatten. Und sie nahm es in diesem Punkte viel genauer als Lord Chamberlain, der, wie sie sagte, seinen Rang geschändet hatte, indem er tatsächlich der reine Kommunist geworden sei. Sie war gut erzogen, hatte feine Sitten und Manieren und kannte die Vorschriften der Etikette so genau, daß sie damit jeden Neuling in Verlegenheit setzte. Sie war zart gebaut, hatte feine Zähne und ein Gesicht von fast griechischem Schnitt, wäre nicht die leicht aufgestülpte Nase und das etwas zu stark ausgeprägte Kinn gewesen. Ihr Vater war ein pensionierter Admiral. Er hatte genügend Einfluß, um seinem Sohne, der nach der Verbindung mit einer reichen Erbin strebte, durch die konservative Regierung eine Sinekure zu verschaffen. Aber Gertrude blieb ledig, und der Admiral, der früher über seine Mittel hinaus für ihre Erziehung gesorgt hatte und noch jetzt in derselben Weise ihren Aufwand bestritt, beklagte sich so bitter über ihre Mißerfolge und über die Last, die sie ihm machte, daß ihr das häusliche Leben fast unerträglich wurde. Sie kam schließlich so weit, daß sie jeden Gentleman aus guter Familie, wie unpassend auch sonst sein Alter und sein Charakter war, genommen hätte, nur damit er sie aus der demütigenden Abhängigkeit befreite. Sie war bereit, auf alles, wonach sich ihre Natur bei einem Manne sehnte, auf Jugend, Schönheit und Tüchtigkeit zu verzichten, wenn sie nicht anders von ihren Eltern loskommen konnte. Nur in einem stand ihr Entschluß fest: sie wollte lieber als alte Jungfer sterben, als einen Emporkömmling heiraten.

Ihre Pläne scheiterten an der Geldfrage. Der Admiral war arm. Er hatte kaum sechstausend Pfund Einnahmen im Jahr, und obgleich er mit der äußersten Genauigkeit wirtschaftete, um einen möglichst großen Aufwand damit zu treiben, konnte er doch seiner Tochter keine Mitgift geben. Nun hatten die vornehmen jungen Leute aus ihrem Kreise alle mehr blaues Blut und weniger Reichtum, als sie brauchten. Sie bewunderten Gertrude, machten ihr Komplimente, tanzten mit ihr, aber keiner konnte es sich gestatten, sie zu heiraten. Einige von ihnen sagten ihr das auch gradezu. Sie heirateten die reichen Töchter von Teehändlern, Eisengießern oder erfolgreichen Börsenmaklern und versuchten dann zwischen ihr und ihren niedrig geborenen Schwägern eine Verbindung anzuknüpfen.

So war also Gertrude, als sie Lady Brandon traf, heimlich in keiner beneidenswerten Lage, und sie nahm gerne die Einladung nach Brandon Beeches an, schon um dem täglichen Gespötte des Admirals über die Heiratsliste in der ‚Times‘ zu entgehen. Sie konnte das um so eher tun, weil Sir Charles kein neugebackener Adliger war, und Jane gegenüber hatte sie ja schon auf der Schule — die ihr jetzt als die glücklichste Zeit ihres Lebens erschien — anerkannt, daß ihre Familie und ihr Bekanntenkreis neben ihrem eigenen der vornehmste in Alton war. Agatha, deren Großvater sich als Besitzer von Gaswerken seinen Reichtum erworben hatte, hatte sie niemals ihre Freundschaft angeboten. Agatha hatte sich diese teils durch moralische, teils durch physische Gewalt einfach erzwungen. Aber die Gaswerke wurden doch niemals vergessen, und als Lady Brandon als eine köstliche Neuigkeit erwähnte, sie habe ihre alte Schulfreundin wieder gefunden und sie eingeladen, auch herüber zu kommen, da war Gertrude durchaus nicht angenehm berührt. Andererseits war sie, als sie zusammentrafen, die einzige, deren Augen feucht wurden, denn sie war die am wenigsten Glückliche von den dreien, und ihr Stolz war, ohne daß sie es wußte, etwas gebrochen. Sie glaubte, Agatha habe ihre Mädchenhaftigkeit verloren, sie sei aber dafür mutiger, energischer und gewandter geworden. In Wirklichkeit mußte Agatha ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihre Schüchternheit zu verbergen. Sie entdeckte auch Gertrudes Bewegung, denn diese versuchte im letzten Augenblick nicht mehr, sie zu verbergen. Sie hätte sie sogar frei in Worten ausgedrückt, wenn ihre gesellschaftliche Erziehung sie nicht nur gelehrt hätte, ihre Gefühle zu verhehlen, sondern auch, ihnen Worte zu geben.

„Denkt ihr noch an Miß Wilson?“ fragte Jane, als die drei von der Eisenbahnstation nach Brandon Beeches fuhren. „Denkt ihr noch an Mrs. Miller und ihren Kater? Denkt ihr noch an das Sündenbuch? Wißt ihr noch, wie ich in den Kanal fiel?“