„Ich würde sofort dieses Haus verlassen,“ sagte Gertrude, „wenn ich dächte, sie wollte sich in meine Angelegenheiten hineinmischen. Was geht das sie an, ob ich verheiratet bin oder nicht?“
„Wo hast du denn all diese Jahre gelebt, wenn du nicht weißt, daß eine Frau, sobald sie eine gute Partie gemacht, nichts Eiligeres zu tun hat, als nun auch ihre ledigen Freundinnen unter die Haube zu bringen. Jane meint es gar nicht böse. Sie tut es aus lauter Herzensgüte.“
„Ich brauche Janes Herzensgüte nicht.“
„Ich auch nicht. Aber es schadet doch nichts, und sie soll sich ruhig damit amüsieren, ihre männlichen Bekannten zu meiner Auswahl vorzuführen. Still! Da kommt sie.“
Gertrude schwieg. Sie konnte sich nicht mit Lady Brandon zanken, ohne das Haus zu verlassen, und wenn sie das Haus verließ, dann mußte sie zu ihren Eltern zurückkehren. Aber im stillen beschloß sie, Erskine bei seinen Aufmerksamkeiten zu entmutigen, denn sie vermutete, daß er gar nicht in sie verliebt war, wie er behauptete, sondern sie einfach auf eine Empfehlung von Jane hin heiraten wollte.
Chichester Erskine hatte mit Sir Charles zusammen in Palästina Skizzen gemalt und war mit ihm durch manche europäische Gemäldegalerie gewandert. Er war ein junger Mann von adliger Abkunft und hatte von seiner Mutter eine Rente von fünfhundert Pfund geerbt, während das Hauptvermögen der Familie an seinen älteren Bruder gefallen war. Da er keinen Beruf hatte und Bücher und Gemälde liebte, hatte er sich den schönen Künsten gewidmet, was die billigste Art war, um sich selbst eine hohe Meinung von der Feinheit und den Fähigkeiten seiner eigenen Natur beizubringen. Er hatte ein Drama veröffentlicht mit dem Titel: ‚Die patriotischen Märtyrer‘ mit einem radierten Titelblatt von Sir Charles. Eine Auflage war schnell durch die Dedikationsexemplare an die Freunde des Künstlers und Dichters und an die Zeitschriften und Zeitungen abgesetzt worden. Sir Charles hatte dann einen hervorragenden Tragöden, den er kannte, gebeten, das Werk auf die Bühne zu bringen und einen von den patriotischen Märtyrern zu spielen. Aber der Tragöde wandte ein, die Rollen der andern patriotischen Märtyrer seien ja grade so bedeutend wie seine eigene. Erskine weigerte sich entrüstet, diese Teile zu kürzen oder fallen zu lassen, und so wurde aus der Aufführung nichts.
Seitdem trug sich Erskine mit dem Gedanken, ein zweites Drama zu schreiben, ohne sich um die Forderungen der Bühne zu kümmern. Aber er hatte es noch nicht begonnen, denn seine Stimmung kam ihm stets zu ungelegener Zeit, meist spät in der Nacht, wenn er getrunken hatte und nur Lust empfand, Sonette zu schreiben. Die Morgenluft und das Radfahren waren verhängnisvoll für die Art von Poesie, die ihm als die einzige wertvolle erschien. Indessen war trotz des Radfahrens das Drama, das den Titel ‚Hypatia‘ trug, auf dem besten Wege, wirklich geschrieben zu werden, denn der Dichter hatte Gertrude Lindsay kennen gelernt und sich in sie verliebt. Ihre fast griechischen Gesichtszüge und etwas Kenntnis von der Differentialrechnung, die sie in Alton erworben hatte, verhalfen ihm zu dem Glauben, sie sei ein passendes Modell für seine Heldin.
Als die Damen herunterkamen, fanden sie ihren Wirt und Erskine in der Gemäldegalerie, die in der Umgegend berühmt war, weil sie Sir Charles eine große Summe gekostet hatte. Es gab neue Radierungen zu bewundern, und der Baronet bat sie, das, was er den Ton des Bildes nannte, zu beachten — Agatha würde es den Grad der Schmiererei genannt haben. Sir Charles ließ seine Augen oft von seinem Kunstwerk abschweifen. Zweimal sah er auf seine Uhr und sagte endlich:
„Ich habe den Leuten gesagt, sie sollten pünktlich mit dem Essen sein.“
„O ja. Es ist schon gut,“ sagte Lady Brandon. Sie hatte Befehl gegeben, das Essen vor der Ankunft eines weiteren Gastes nicht zu servieren. „Zeige Agatha das Bild des Mannes in —“