Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Zur Rechten von Gertrude an einer Böschung stand Sallusts Haus und gab mit seinen zimtbraunen Wänden und dem gelben Fries der sonst ganz englischen Landschaft ein fremdartiges Gepräge. Sie ging vorbei, ohne daran zu denken, wer dort wohnte. Etwas weiter auf dem Wege, auf einem Stück wüsten Landes, das durch einen trockenen Graben und einen niedrigen Erdwall von der Straße getrennt war, stand ein fast sechs Fuß hoher Haufen von Schierlingpflanzen und vergiftete die Luft mit seinem Geruch. Sie kreuzte den Graben, nahm ein Paar Gartenhandschuhe aus ihrem aus Stroh geflochtenen Handkorb und machte sich eifrig an die Schierlingsblätter, indem sie die zartesten abriß, sie von den Stengeln befreite und den Korb mit dem Grün anfüllte. Sie vergaß Max, bis das Gefühl eines tödlichen Schweigens, als ob die ganze Erde erstarrt sei, sie veranlaßte, in unbestimmter Angst um sich zu blicken. Trefusis stand ganz in ihrer Nähe und beobachtete sie. Er hatte seine Hand dem Hunde zum Spielen überlassen, der versuchte, sie ganz in seinen Mund hineinzuziehen. Gertrude erblaßte und kam schnell zwischen den Sträuchern hervor. Dann hatte sie die seltsame Empfindung, als ob hoch über ihrem Kopfe irgend etwas geschehen sei. Sie hörte ein drohendes Knurren, einen befehlenden Ruf, und dann folgte eine unerklärliche Stille, bis sie sich liegend auf dem Rasenrand fand, wobei der aufgespannte Sonnenschirm ihr Gesicht schützte. Ein plötzliches Lecken von Max’ feuchter, warmer Zunge an ihrem Ohr brachte sie wieder zur Bewegung. Sie setzte sich auf und sah Trefusis an ihrer Seite knien. Mit ruhigem Gesicht hielt er den Sonnenschirm, während an der andern Seite Max mit rastloser Ängstlichkeit sie beschnupperte.

„Ich muß nach Hause fahren,“ sagte sie. „Ich muß sofort nach Hause fahren.“

„Durchaus nicht,“ bemerkte Trefusis begütigend. „Sie haben grade Nachricht geschickt, es sei alles in Ordnung und Sie brauchten nicht zu kommen.“

„Haben sie das wirklich?“ fragte sie matt. Dann fiel sie wieder hin, und es schien ihr, als ob eine sehr lange Zeit vergehe. Plötzlich fiel ihr ein, daß Trefusis sie sanft mit seiner Hand gestützt hatte, damit sie nicht zu hart zurückfiel. Sie erhob sich von neuem und kam diesmal mit seiner Hilfe auf ihre Füße zu stehen.

„Ich muß nach Hause fahren,“ sagte sie wieder. „Es handelt sich um Leben und Tod.“

„Nein, nein,“ entgegnete er sanft. „Es ist alles in Ordnung. Sie können sich auf mich verlassen.“

Sie sah ihn mit ernstem Blick an. Er hielt ihre Hand, um sie zu stützen, denn sie schwankte ein wenig. „Sind Sie sicher?“ fragte sie und ergriff ihn beim Arm. „Sind Sie ganz sicher?“

„Vollständig sicher. Sie wissen doch, daß ich immer recht habe.“

„Ja, o ja! Sie sind immer aufrichtig gegen mich gewesen. Sie —“ Hier kehrte plötzlich ihre Besinnung wieder. Sie ließ seine Hand fahren, als ob sie rotglühend geworden sei, und fragte scharf: „Wovon sprechen Sie eigentlich?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete er und nahm lachend sein gleichgültiges Wesen wieder an. „Geht es Ihnen besser? Ich werde Sie nach Beeches fahren. Mein Stall liegt nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ich kann in zehn Minuten ein Gespann haben.“