Lieber Papa, es sind drei Jahre her, daß Du zuletzt eine Rechnung an Madame Smith bezahlt hast, und damals machte es einschließlich meines Kleides für den Hof nur 150 Pfund aus. Ich sehe daher nicht ein, wie ich noch sparsamer sein kann, außer ich muß in Lumpen gehen. Es tut mir leid, daß Madame Smith zu so ungelegener Zeit um Bezahlung gebeten hat, aber als ich Dir im März vorigen Jahres riet, ihr etwas zu bezahlen, sagtest Du mir, ich sollte sie durch einen guten Auftrag beruhigen. Ich wundere mich gar nicht über ihre Unhöflichkeit, denn sie hat unter ihren Kundinnen eine Menge Kaufmannstöchter, die ihr für ihre Kleider mehr als 300 Pfund im Jahr bezahlen. Ich trage jetzt einen Rock, den ich vor zwei Jahren erhielt.

Sir Charles fährt Donnerstag in die Stadt, er wird Dir den Schierling mitbringen. Sage Mama, daß hier eine alte Frau wohnt, die ein wunderbares Mittel gegen schlechte Augen kennt. Sie will die einzelnen Bestandteile nicht nennen, aber es kuriert jeden. Es hat auch keinen Zweck, einem Augenarzt zwei Guineen zu geben, damit der uns erzählt, daß das Lesen im Bett schädlich für die Augen ist. Wir wissen ja doch ganz gut, daß Mama diese Gewohnheit nie aufgibt. Wenn Du Berkeleys Schulden bezahlst, dann vergiß nicht, daß ich noch von ihm drei Pfund bekomme.

Es ist noch eine andere Schulfreundin von mir hier auf Besuch, und ich glaube, Mr. Trefusis wird noch einmal das Vergnügen haben, ihre Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein großer Liebling von Lady Brandon. Sir Charles war zuerst böse, weil sie ihn einlud, und wir wunderten uns alle darüber. Der Mann hat einen schlechten Ruf, und er führte einen Pöbelhaufen an, der die Mauern des Parks niederriß. Wir glaubten auch kaum, daß er den Mut haben würde, nach alledem noch zu erscheinen. Aber er scheint sich nichts daraus zu machen, ob wir ihn gern hier haben oder nicht, und er kommt, wenn er will. Da er interessant redet, betrachten wir ihn als ein Geschenk Gottes an diesem öden Platz. Es ist wirklich nicht solch ein Paradies, wie Du denkst. Aber Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich früher zurückkomme, als ich dazu gezwungen bin.

Deine Dich liebende Tochter

Gertrude Lindsay.

Als Gertrude den Brief geschlossen und den ihres Vaters zerrissen hatte, dachte sie noch etwas über beide nach. Sie hätten sie vielleicht unglücklich gemacht, wenn sie vorher glücklich gewesen wäre. Aber hoffnungslose Unzufriedenheit war jetzt ihr gewöhnlicher Zustand und Fröhlichkeit ein seltener Zufall. Daher versetzten diese gegenseitigen Beschuldigungen in dem Briefwechsel mit ihrem Vater sie höchstens in eine schlechte Laune, aber sie wurde dadurch nicht im mindesten enttäuscht oder gedemütigt.

Um etwas Bewegung zu haben, beschloß sie, den Brief selbst zu dem Postamt im Dorfe hinzutragen und den Riverside Road zurückzukehren. Sie hatte dort Schierling stehen sehen. Sie gab sich Mühe, ungesehen hinauszukommen, denn sie fürchtete, daß Agatha sich anschließen wollte oder daß Jane vorschlagen würde, sie sollten nachmittags zum Postamt hinausfahren. Und Jane wäre den ganzen Tag verdrießlich gewesen, wenn der Ausflug nicht auf den Nachmittag verlegt worden wäre. Gertrude nahm zum Schutz gegen Stromer einen großen Berhardinerhund namens Max mit. Dieses junge, lebhafte Tier hatte eine starke Zuneigung zu ihr und hatte das offen und stürmisch zum Ausdruck gebracht. Und sie, deren Gefühle zu Hause und in der Gesellschaft verhungert waren, hatte ihn mit mehr Freundlichkeit ermutigt, als sie jemals einem menschlichen Wesen gezeigt hatte.

Als sie im Dorf den Brief aufgegeben hatte, schlug sie einen Pfad ein, der zum Riverside Road führte. Max, der nicht wußte, warum sie den längsten Weg nach Hause wählte, war damit nicht zufrieden. Er blieb mitten auf dem Pfade stehen, wedelte heftig mit dem Schwanz und ließ ein mürrisches Bellen hören.

„Sei nicht so dumm,“ sagte Gertrude ungeduldig, „ich gehe diesen Weg.“

Max verstand sie jetzt offenbar. Er flog hinter ihr her, überholte sie und verschwand in einer Wolke von Staub, die er aufgewirbelt hatte, als er genügend vorausgelaufen war und nun plötzlich halt machte. Als er zurückkam, küßte sie seine Schnauze und lief mit ihm um die Wette, bis sie ebenso keuchte wie er und stehenblieb, um Atem zu schöpfen, während er herumsprang und wütend bellte. Seit Jahren hatte sie nicht mehr solchen Spaß gehabt, und da ihr das einfiel, kamen ihr die Tränen in die Augen. Etwas verdrießlich bat sie Max, ruhig zu sein, ging langsam weiter, um sich abzukühlen, und spannte ihren Sonnenschirm auf zum Schutze gegen Sommersprossen.