„Wirklich,“ sagte Gertrude und zuckte zusammen. Denn alle bösen Dinge, die ihr Trefusis über sie gesagt hatte, traten jetzt wieder in ihre Erinnerung, als Erskine seine unglückselige Anspielung auf ihre Macht, andere zu erfreuen, vorbrachte.
„Hoffentlich quäle ich Sie nicht,“ sagte er mit Ernst.
„Ich weiß nicht, worüber Sie reden,“ entgegnete sie und richtete sich in plötzlicher Ungeduld auf. „Sie scheinen zu glauben, es sei sehr leicht, mich zu quälen.“
„Nein,“ sagte er furchtsam und war ganz verwirrt durch den Eindruck, den er hervorgebracht hatte. „Ich fürchte, Sie mißverstehen mich. Ich bin sehr unbeholfen. Vielleicht ist es besser, wenn ich nichts weiter sage.“
Gertrude wandte sich weg und nahm ihr Queue wieder auf. Sie wollte ihm dadurch zeigen, daß es seine Sache sei, darüber nachzudenken. Sie beabsichtigte nicht, sich deshalb stören zu lassen. Als sie ihn wieder ansah, stand er bewegungslos und ängstlich da, mit einem traurigen Gesichtsausdruck, wie ihn ein Hund zeigt, der eine Zärtlichkeit angeboten hat und getreten worden ist. Reue und ein unbestimmtes Gefühl, in ihrem Benehmen gegen ihn liege etwas Niedriges, überkamen sie. Sie sah ihn einen Augenblick an und verließ das Zimmer.
Ihr Blick erregte ihn. Er verstand ihn nicht und wagte auch nicht, ihn zu verstehen. Aber es war ein Blick, den er nie vorher auf ihrem Gesicht oder auf dem Gesicht einer anderen Frau gesehen hatte. Es packte ihn als eine plötzliche Offenbarung eines Wortes aus den Patriotischen Märtyrern: „Das köstliche Geheimnis eines Frauenherzens“ — und es gab ihm das Gefühl, daß er sich jetzt keiner gewöhnlichen gesellschaftlichen Unterhaltung widmen dürfte. Er eilte aus dem Hause und ging schnell die Allee hinunter nach der Hütte, in der er sein Rad stehen hatte. Er hinterließ Bescheid, daß er einen Ausflug mache und wahrscheinlich nicht zum Essen zurück sein werde. Dann bestieg er sein Rad und fuhr den Riverside Road hinunter. In weniger als zwei Minuten passierte er die Pforte zu Sallusts Haus, wo er beinahe ein altes Weib überrannt hatte, das mit einem Korb Kohlen beladen war. Sie stellte ihre Last hin und schickte Verwünschungen hinter ihm her. Das brachte ihn zur Besinnung, daß seine unvernünftige Schnelligkeit gefährlich sein könnte. Er ließ etwas nach und sah gleich darauf Trefusis, der hingestreckt am Flußufer lag, das Gesicht auf die Ellbogen gestützt, und aufmerksam las. Erskine hatte ihm vor ein paar Tagen ein Exemplar: „Die patriotischen Märtyrer und andere Dichtungen“ verehrt, und er versuchte jetzt, einen Blick auf das Buch zu werfen, in dem Trefusis so ernsthaft las. Es war ein Blaubuch, voll von Zahlen. Erskine fuhr enttäuscht weiter und tröstete sich mit der Erinnerung an Gertrudes Gesicht.
Die Landstraße entfernte sich jetzt vom Fluß und stieg zu einer steilen Anhöhe empor, auf deren Gipfel er haltmachte und sich umsah. Das Tageslicht bekam einen rötlichen Schein, und die Schatten wurden länger. Trefusis lag noch hingestreckt in dem Grase, und das alte Weib war auf dem Felde und sammelte Schierling.
Erskine fuhr in vollem Schwung den Hügel hinunter und sah sich nicht mehr um, bis er bei Sonnenuntergang eine kleine Stadt erreichte. Er ließ sich Bier und Butterbrot geben und aß ohne großen Appetit. Gertrude hatte ihn in eine Aufregung versetzt, die ihm die Geduld zum Essen nahm.
Es war jetzt dunkel. Er befand sich viele Meilen von Brandon Beeches und kannte nicht einmal genau den Rückweg. Plötzlich beschloß er, heute abend noch seinen abgebrochenen Heiratsantrag zu vollenden. Er konnte nicht schnell genug zurückfahren, um seine Ungeduld zu befriedigen. Er versuchte den Weg abzuschneiden, verlor sich und verbrachte fast eine Stunde damit, die Landstraße wieder aufzufinden. Endlich kam er an eine Eisenbahnstation und konnte grade noch einen Zug erreichen, der ihn bis auf eine Meile an seinen Bestimmungsort brachte.
Als er aus den Polstern des Eisenbahnwagens herausstieg, fühlte er sich doch etwas ermüdet und bestieg steif sein Fahrrad. Aber sein Entschluß stand so fest wie vorher, und sein Herz klopfte heftig, als er in dem Häuschen sein Rad zurückließ und durch den tiefen Schatten der Buchen die Allee hinaufging. Nahe beim Hause erreichten ihn die ersten Noten von ‚Crudel perche finora‘, und er ging mit leisen Schritten auf den Rasen zu, damit das Geräusch seiner Fußtritte auf dem Kies nicht die Hunde aufschreckte, die durch ihr Bellen die Musik gestört haben würden. Ein Rascheln veranlaßte ihn, stehenzubleiben und zu lauschen. Dann flüsterte Gertrudes Stimme durch die Dunkelheit: