„Oh, zum Teufel mit Ihrem Republikanismus, Chester!“ sagte Sir Charles, der im stillen nicht viel von der politischen Seite der patriotischen Märtyrer hielt.
„Ich lasse mir in dem Punkt nichts sagen,“ entgegnete Erskine. „Ich bewundere einen Mann, der einen König tötet. Darin werden Sie doch mit mir übereinstimmen, Trefusis?“
„Durchaus nicht,“ sagte Trefusis. „Ein König ist heutzutage nur eine Puppe, die man aufstellt, um das Feuer von den wirklichen Unterdrückern abzulenken. Und das bißchen Gehalt, das er nach Gefallen ausgeben kann, ist gewöhnlich viel zu klein für sein Risiko, seine Sorgen und den Zustand persönlicher Sklaverei, dem er unterworfen ist. Welcher Privatmann in England ist übler dran als der konstitutionelle Monarch? Wir gestatten ihm keine Zurückgezogenheit, er darf nicht heiraten, wen er will, sich nicht seinen Umgang aussuchen, sich nicht nach seinem Geschmack kleiden, oder leben, wo er will. Ich glaube nicht einmal, daß er das essen und trinken kann, was er am liebsten hat. Eine Vorliebe für Schweinebauch oder Zwiebeln von seiner Seite würde eine Beschwerde des Kronrats herbeiführen. Wir schreiben ihm alles vor mit Ausnahme seiner Gedanken und Träume, und selbst diese muß er für sich behalten, wenn sie nach unserer Ansicht für seine Stellung nicht passend sind. Die Arbeit, die wir ihm auferlegen, hat alle Beschwerden der gewöhnlichen Arbeit. Sie ist unfruchtbar, anhaltend, eintönig, und muß meistens mit quälender Langeweile ausgeführt werden. Wir machen ihm sein Königreich zur Tretmühle und treiben ihn darauf von einem Ende zum andern herum. Schließlich, nachdem wir ihm sonst alles weggenommen haben, was uns Menschen wertvoll ist, fallen wir über seinen Charakter her und über den Charakter jedes Menschen, dem er es wagt, seine Gunst zu zeigen. Wir legen ihm enorme Ausgaben auf, halten ihn knapp und sticheln über seinen Geiz. Wir gehen mit ihm um, wie ich mit diesen Statuen umgehe — wir stellen ihn auf einen Ehrenplatz, damit wir ihn um so leichter verunstalten und mißhandeln können. Wir schicken ihn durch unsere übervölkerten Städte und behaupten, er sei die Ursache von allem Guten und allem Schlechten in der Nation. Und er weiß, daß die meisten Menschen das glauben, er weiß, daß es eine Lüge ist, daß er nicht den Arbeitstag um eine Stunde verkürzen kann, daß er nicht die Löhne um einen Groschen erhöhen kann, daß er nicht das kleinste Gerichtserkenntnis umstoßen kann, so ungerecht es ihm auch erscheinen mag. Er weiß, daß jeder Bergarbeiter im Königreich Dynamit anfertigen kann, daß Revolver für weniger als einen Schilling das Stück verkauft werden. Er weiß, daß er nicht kugelfest ist, daß man schon auf jeden europäischen König in den Straßen geschossen hat. Er muß lächeln und sich verbeugen und eine Miene graziösen Vergnügens bewahren, während der Bürgermeister und die Räte ihm diese geistlose Ansprache halten, die er schon tausendmal gehört hat. Ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie königstreu sind, Erskine, aber ich erwarte, daß Sie aus einfacher Menschenliebe Mitgefühl mit der Hauptfigur in dem Possenspiel haben, die für die mannigfachen Übel und Schändlichkeiten in ihrem Reich nicht mehr verantwortlich ist, als der Lord-Mayor für die Diebstähle der Taschendiebe, die seinem Umzug am neunten November folgen.“
Sir Charles lachte über die Mühe, die sich Trefusis gab, um seine Ansicht klarzulegen, und sagte beschwichtigend: „Mein lieber Freund, Könige sind an so etwas gewöhnt, sie erwarten es so, und sie lieben es so.“
„Und offenbar sehen sie es ebensowenig in demselben Lichte wie ich, wie es die meisten Menschen tun,“ stimmte Trefusis zu.
„Welch ein feines Gesicht!“ rief Erskine plötzlich und blickte auf eine Photographie in einem Rahmen von schwerem Gold und Korallen, der auf einer mit rotem Samt verzierten Miniaturstaffelei stand. Trefusis wandte sich schnell um und war augenscheinlich so befriedigt, daß sich Sir Charles beeilte, auszurufen: „Reizend!“ Dann blickte er erst auf das Bild und fügte, etwas erstaunt, hinzu: „Es ist sicherlich ein außergewöhnlich anziehendes Gesicht.“
„Vor Jahren,“ sagte Trefusis, „als ich dieses Gesicht zum erstenmal sah, da hatte ich dasselbe Gefühl, was Sie jetzt haben.“
Es trat ein Schweigen ein. Die beiden Besucher sahen das Bild, und Trefusis blickte sie an.
„Eine fremdartige Schönheit,“ sagte Sir Charles schließlich etwas zurückhaltender als zuvor.
Trefusis lachte unangenehm. „Erkennen Sie in ihr den Künstler — den begeisterten Amateur?“ sagte er und öffnete eine andere Schublade, aus der er ein Bündel Zeichnungen herausholte, die er ihnen zur Ansicht gab.