„Ich fürchte, es hat wenig Zweck, uns anzugreifen,“ sagte Sir Charles.

„Es hat viel Zweck,“ entgegnete Trefusis zuversichtlich. „Sie haben jetzt eine ganz andere Ansicht von unserer prahlerischen Kultur wie damals, als ich Ihre Mauer niederriß und diese Fanatiker der Bodenreform einlud, über ihre Spielplätze zu gehen! Sie haben in meinem Album etwas gesehen, was Sie vor einer Stunde noch nicht kannten, und Sie sind infolgedessen nicht mehr derselbe Mensch, der Sie vor einer Stunde waren. Meine Bilder haften länger in meinem Gedächtnis als Ihre gekritzelten Radierungen oder die verschwommenen Sachen, in deren Grau Sie sich einbilden, zarte Harmonien zu sehen. Erskines nächstes Drama mag wieder die Freiheit zum Vorbild nehmen, aber seine patriotischen Märtyrer werden dann etwas Besseres zu tun haben, als ein unsinniges Geschwätz gegen Puppenkönige zu richten, die in ihrem ganzen Leben im geheimen nicht so viele feige Gemeinheit, Habgier, Grausamkeit und Tyrannei geplant haben, als es bei jeder Halbjahrsversammlung von einem Dividenden verschluckenden Gewürm offen beschlossen wird, deren armselige Lohnsklaven sich sechszehn von den vierundzwanzig Stunden abschinden müssen.“

„Und was soll das Ende von dem allen sein?“ fragte Sir Charles etwas verwirrt.

„Sozialismus oder Zerstörung. Sozialismus, wenn der Kampf schließlich die Fähigkeit entwickelt, die Aufgaben der Gesellschaft zu ordnen; denn die Gesellschaft ist zu übervölkert und zu kompliziert, um noch länger nach dem alten Zufallssystem des Privateigentums geleitet zu werden. Wenn wir nicht unsere Gesellschaft sozialistisch neuordnen — vom menschlichen Standpunkt aus ein sehr erhabenes und prächtiges Unternehmen, volkswirtschaftlich ein sehr einfaches und gesundes — dann wird der Freihandel durch sich selbst England zugrunde richten, und ich will Ihnen genau sagen, auf welche Weise. Als mein Vater sein Vermögen erwarb, hatten wir einen Vorsprung vor allen andern Völkern durch die Entwicklung unserer Industrie und den Reichtum an Eisen und Kohle. Andere Völker kauften unsere Erzeugnisse billiger, als wenn sie sie selbst hervorgebracht hätten, und doch noch so hoch über unserm Herstellungspreis, daß der Verdienst unsere Kapitalisten wie eine Meeresflut überfiel. Als die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften ihren Anteil an dem Segen in Form von Lohnerhöhungen verlangten, war es billiger, ihnen das wenige, was sie zu verlangen wagten, zu bewilligen, als den Goldstrom zum Stillstand zu bringen und sie zu bekämpfen und sie zu zerschmettern. Aber jetzt haben unsere Kunden in ihren eigenen Ländern unsere industriellen Methoden nachgeahmt und verbessert, und sie haben Plätze entdeckt, an denen man Kohle und Eisen noch billiger haben kann als heute in England. Sie produzieren für sich selbst, oder kaufen das, was sie früher bei uns gekauft haben, anderswo. Unser Verdienst verschwindet, unsere Maschinen stehen still, unsere Arbeiter liegen auf der Straße. Heute macht es sich bezahlt, die Fabriken zu schließen und die Gewerkschaften zu bekämpfen und zu zerstören, wenn die Männer nicht etwa für eine Lohnerhöhung, sondern gegen eine Lohnherabsetzung streiken. Jetzt, da diese Gewerkschaften geschlagen werden und hilflos in dem Maße, in dem die Zahl der Arbeitslosen in ihren Reihen zunimmt, dem Bankrott entgegengehen, jetzt werden sie von unserer Klasse gehätschelt und gepriesen — ein unfehlbares Zeichen, daß sie in ihrer Aufgabe, uns zu vernichten, keine weiteren Fortschritte machen. Die kleinen Kapitalisten hat die Ebbe auf den Strand gesetzt, die großen folgen der Strömung des Wassers und bauen ihre Werke da, wo Dampfkraft, Wasserkraft, Arbeitskraft und Güterbeförderung billiger sind als in England, das früher in diesen Dingen am billigsten war. Die Arbeiter werden mit den Fabriken auswandern, aber sie werden sich immer noch stärker vermehren, als sie auswandern, und man wird ihnen vorwerfen, daß sie durch ihre maßlosen Lohnansprüche das Kapital ins Ausland trieben. Und das wird so weiter gehen, solange noch ein Chinese oder Indier unbeschäftigt ist und sie unterbietet. Wenn die englischen Fabriken geschlossen sind, werden sie durch Villen ersetzt werden. Die Industriegegenden werden sich in elegante Aufenthaltsorte für Kapitalisten verwandeln, die von den Erträgnissen ihrer ausländischen Anlagen leben. Die Bauerngüter und Viehwirtschaften werden zerstört und in Jagdgründe verwandelt. Alle Dinge, die irgendwie an andern Orten hergestellt werden können als dort, wo sie gebraucht werden, kommen von auswärts. Sie sind eine Bezahlung für die Benutzung der Jagdgründe durch ausländische Jagdliebhaber oder für die Dividenden der in England lebenden Kapitalisten. Aber da diese Kapitalisten ihre Unternehmungen im Auslande haben, so wird die Einfuhr nicht durch eine Ausfuhr bezahlt, denn für Mieten und Zinsen wird überhaupt kein Gegenwert gegeben. Diese Tatsache wollen die Freihandelsmänner nicht einsehen oder wenigstens nicht eingestehen, obgleich sie der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis ihrer Gegner ist. Man wird stürmisch nach Zollschutz verlangen. Aber keiner will zu einem nachweislich unvernünftigen Mittel seine Zuflucht nehmen, das zuerst die Preise erhöht und dann erst die Löhne, und das nirgendwo den Arbeiter geholfen hat. Es wird nur noch solche Beschäftigung geben, die an Ort und Stelle getan werden muß, wie das Auspacken und Verteilen der Einfuhr, das Bedienen der Eigentümer als Haussklaven, das Theaterspielen, Predigen, Straßenpflastern, Laternenanzünden und so weiter. Und auch in diesen Berufen werden immer weniger Leute beschäftigt werden, da die Kapitalisten zu der Erkenntnis kommen, daß der übertriebene Prunk nicht vornehm ist, und ein einfacheres Leben genießen werden. Ein ungeheueres Proletariat, das sich zuerst aus den früheren Arbeitern in der Exportindustrie entwickelt hat, wird mit seiner Nachkommenschaft dauernd ohne Beschäftigung sein. Sie werden ihren Anteil an dem Land und an den Maschinen verlangen, um für sich selbst zu produzieren, und man wird sie zurückweisen. Dann zerschlagen sie ein paar Fensterscheiben und werden zerstreut. Ihre Führer bekommen eine Warnung. Sie stecken einige Häuser in Brand, ermorden einen oder zwei Polizisten, und jetzt wird an denen, die man verwarnt hat, ein Exempel statuiert. Sie machen einen Aufstand, werden mit Maschinengewehren niedergeschossen — aus dem Lande verjagt und irgendwie und irgendwo vernichtet. Denn die besitzenden Klassen denken gar nicht daran und sehen auch keine Möglichkeit, anders den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter nachzukommen. Sie selbst, Sie haben nur zu leicht fünfzig Pfund für Jansenius’ Auswanderungsfonds gegeben, aber Sie würden Polizei, Militär und die Aufstandsgesetze anrufen, wenn die Leute nach Brandon Beeches kämen und Sie aufforderten, auszuziehen und mit den andern für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Nun, wenn das überflüssige Proletariat vernichtet ist, dann bleibt eine Bevölkerung von Kapitalisten übrig, die von einer unverdienten Einfuhr lebt und von einem unzufriedenen Gefolge bedient wird. Eines Tages wird die unverdiente Einfuhr aufhören, vielleicht weil draußen Revolutionen oder Staatsbankrotte ausgebrochen sind, weil der Zinsfuß fällt, weil Regierungen die Unternehmungen für lumpige Summen übernehmen, die man dann anderweitig nicht wieder anlegen kann, oder aus sonstigen Gründen. Unsere Kapitalistengemeinschaft ist dann auf den Rest der letzten Dividende angewiesen, die sie längst verzehrt hat, ehe sie die zerstörten Maschinen wiederhergestellt hat, um sich durch eigene Arbeit am Leben zu erhalten. Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Brombeeren, Pilze und Kannibalismus schieben dann das Ende hinaus, bis —“

„Hah! ha! ha!“ rief Sir Charles laut. „Bei meiner Ehre, Trefusis, ich dachte anfangs, Sie redeten ernst. Aber jetzt gestehen Sie nur, Sie alter Bursche, es war alles Spaß von Ihnen. Ich hatte Sie halb im Verdacht, Sie seien etwas verdreht.“ Und er blinzelte Erskine zu.

„Was ich jetzt beschrieben habe, ist das unausbleibliche Ende unserer heutigen Freihandelspolitik ohne Sozialismus. Die Theorie des Freihandels ist nur auf ein Austauschsystem anwendbar, nicht auf eins der Ausbeutung. Wir haben ein Ausbeutungssystem, und wenn wir es nicht verlassen, müssen wir entweder zum Zollschutz zurückkehren oder auf die Art, die ich soeben dargelegt habe, zugrunde gehen. Nun würde der Cobden Klub, ehe er die Anhänger des Schutzzolls triumphieren ließe, lieber selbst unter das Volk gehen und den Arbeitern zeigen, daß Schutzzoll die englischen Besitzer zwingt, Sklaven zu beschäftigen, die in England wohnen, und die daher wahrscheinlich — wenn auch nicht notwendigerweise — Engländer sein müssen. Das würde schließlich dem Volke die Augen darüber öffnen, daß es gar nicht im Besitze Englands ist. Wenn sie das erst begriffen haben, werden sie es bald zu ihrem Eigentum machen, und wenn erst England der Gemeinbesitz seiner Bewohner ist, dann wird England sozialistisch. Die künstliche Ungleichheit wird vor der wirklichen Vertragsfreiheit verschwinden. Ein freier Wettbewerb, ein ungehindertes Nacheifern werden uns vorwärtsbringen, und der Freihandel wird endlich seine Versprechungen erfüllen.“

„Und die Faulenzer und Bummler,“ fragte Erskine. „Was wird aus denen?“

„Sie und ich natürlich,“ sagte Trefusis, „wir werden wohl verhungern müssen, wenn wir es nicht vorziehen, zu arbeiten, oder wenn man uns nicht mit Rücksicht auf unsere schlechte Erziehung unterstützt.“

„Glauben Sie, man wird uns ausplündern?“ fragte Sir Charles.

„Ich glaube, man wird uns daran hindern, die andern weiter auszuplündern. Wenn die Arbeiter Bedenken tragen, uns bis aufs Hemd auszuziehen oder uns die Kehlen abzuschneiden, falls wir den geringsten Widerstand leisten, dann zeigen sie uns mehr Erbarmen, als wir ihnen je gezeigt haben. Denken Sie daran, was wir getan haben, um unsere Zinsen aus Irland und Schottland zu holen und unsere Dividenden aus Ägypten, falls Sie meine Photographien und ihre Belehrung über unsere heimische Grausamkeit vergessen haben. Ermorden wir nicht die große Masse dieser armen Arbeiter durch Überarbeit und Bedrückung? Ihre durchschnittliche Lebenszeit ist nicht halb so lang wie unsere, obgleich die menschliche Natur in uns dieselbe ist wie in ihnen. Wenn wir ihrem Ansturm widerstehen, wenn es uns gelingt, die Ordnung wiederherzustellen, wie wir das nennen, dann werden wir sie erbarmungslos für ihre Unbotmäßigkeit bestrafen, grade wie wir es 1871 in Paris taten, wo wir ihnen übrigens auch lehrten, wie töricht es ist, seinen Feinden Pardon zu geben. Wenn sie uns überwinden, dann werden wir unsere Schläge bekommen, und es geschieht uns ganz recht. Da ist es doch viel besser, schon jetzt vernünftig zu sein und Blutvergießen zu vermeiden. Nicht wahr, Erskine?“