„Gut,“ sagte Trefusis und füllte sein Glas mit Wasser. „Laßt uns mit unserm Bruder Sozialdemokrat anstoßen.“

Erskine lachte laut, aber gezwungen. „Welch ein Esel sind Sie, Brandon!“ sagte er. „Sie, mit Ihrem großen Landbesitz und Säcken von Gold, die in Eisenbahnen angelegt sind, Sie nennen sich einen Sozialdemokraten. Wollen Sie alles verkaufen und verteilen nach dem Wort: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen?“ —

„Keinen Pfennig,“ erwiderte Trefusis schnell für Sir Charles. „In diesem Lande kann ein Mann kein Christ sein. Ich habe es versucht und gefunden, daß es unmöglich ist, sowohl wegen der Gesetze als auch wegen der Zustände. Ich bin ein Kapitalist und ein Grundbesitzer. Ich habe Eisenbahnaktien, Grubenaktien, Gebäudeaktien, Bankaktien und Aktien von fast jeder Art, und sie machen mir die größten Sorgen. Aber diese Aktien sind ja kein wirklich existierender Reichtum. Sie sind nur ein Pfandbrief auf die Arbeit von ungeborenen Generationen von Arbeitern, die arbeiten müssen, um mich und die Meinen in Müßiggang und Luxus zu erhalten. Wenn ich sie verkaufte, würde dann wohl der Pfandbrief ungültig gemacht und die ungeborenen Generationen aus ihrer Knechtschaft befreit werden? Nein. Er würde nur in die Hände eines andern Kapitalisten übergehen, und die arbeitende Klasse wäre durch meine Selbstaufopferung nicht besser daran. Sir Charles kann nicht dem Gebot Christi folgen, er soll es nur einmal versuchen! Er mag sein Land für einen öffentlichen Park hergeben, aber nur die reicheren Klassen werden die Muße haben, ihn zu genießen. Und wenn er ihn dicht bei den Wohnungen der Armen anlegt, damit sie wenigstens seine Luft einatmen, so wird er nur den Wert der umliegend Häuser steigern und die Armen daraus vertreiben. Lassen Sie ihn eine Schule für die Armen ausstatten, wie Eton oder Christs Hospital, und die Reichen werden sie für ihre eigenen Kinder nehmen, grade wie in den zwei soeben genannten Fällen. Sir Charles will nicht die Armut pflegen, sondern sie zerstören. Es ist gleichgültig, wieviel Sie den Armen geben, alles, mit Ausnahme der nacktesten Existenzmittel, wird ihnen mit Gewalt wieder abgenommen. Alles Reden über praktisches Christentum oder selbst einfache Gerechtigkeit ist heute nur Verschwendung von Worten. Wie können Sie einem Arbeiter einen gerechten Lohn geben, wenn Sie dank der allgemeinen Gewohnheit, ihm seine Arbeit zu stehlen, ihren Wert gar nicht festsetzen können? Ich weiß das aus Erfahrung. Ich wollte den richtigen Preis für das Grabmal meiner Frau bezahlen, aber ich konnte seinen Wert nicht herausfinden und werde es auch nie können. Der Grundsatz, nach dem wir unsere nationale Industrie einzelnen zur Ausplünderung verpachten, die sich für die Rente durch Erpressungen entschädigen, hat uns so verdorben und schlecht gemacht, daß wir gar nicht mehr ehrenhaft sein können, selbst wenn wir es wollen. Und der Grund, weshalb wir das so ruhig ertragen, ist, weil sehr wenige es wirklich anders wollen.“

„Ich muß diese wichtige Frage studieren,“ sagte Sir Charles unruhig und füllte seinen Becher wieder. „Können Sie mir ein gutes Buch über den Gegenstand empfehlen?“

„Jede gute Abhandlung über Nationalökonomie genügt,“ sagte Trefusis. „In der ökonomischen Wissenschaft führen alle Wege zum Sozialismus, obgleich in neun von zehn Fällen der Studierende nicht sein Ziel erkennt und den Fluch auf sich lädt, den Jeremias über die ausspricht, die gegen Belohnung die Bösen in Schutz nehmen. Ich werde Ihnen ein oder zwei Bücher aussuchen. Und wenn Sie das nächste Mal, da Sie in London sind, Donovan Brown aufsuchen, so wird er sich, das weiß ich sicher, sehr freuen. Er trifft sich mit sehr wenigen Männern, die sowohl mit seiner sozialen als auch seiner künstlerischen Anschauung übereinstimmen.“

Sir Charles Augen glänzten, als er an Donovan Brown erinnert wurde. „Ich werde mir eine Einführung bei ihm zu hoher Ehre anrechnen,“ sagte er. „Ich hatte keine Ahnung, daß er ein Freund von Ihnen war.“

„Ich war ein sehr tätiger junger Sozialist, als ich ihn zum erstenmal traf,“ sagte Trefusis. „Als Brown noch unbekannt und ein erbärmlich armer Mann war, kaufte meine Mutter auf Bitten eines seiner Freunde aus Barmherzigkeit eins seiner Bilder für dreißig Pfund, und er war sehr froh, das Geld zu bekommen. Nach zehn Jahren, als meine Mutter tot und Brown berühmt war, wurden mir achthundert Pfund für dieses Bild angeboten, das übrigens nach meiner Meinung ein sehr schlechtes war. Nun würde, wenn ich auch den gewöhnlichen, ungerechtfertigten Abzug machte, für die Zinsen der dreißig Pfund während der zwölf Jahre, die ungefähr verflossen waren, mir der Verkauf des Bildes doch noch einen Verdienst von über siebenhundertundfünfzig Pfund gebracht haben, eine unverdiente Bereicherung, auf die ich keinen Anspruch hatte. Mein Anwalt, demgegenüber ich die Sache erwähnte, meinte, ich könnte mit Recht die siebenhundertundfünfzig Pfund einstecken. Meine Mutter habe sie durch ihre Mildtätigkeit verdient, mit der sie ein voraussichtlich wertloses Bild von einem unbekannten Maler kaufte. Er überzeugte mich aber nicht davon, daß ich ein Recht hätte, mir die Tugenden meiner Mutter bezahlen zu lassen, obgleich wir darin übereinstimmten, daß weder ich noch meine Mutter irgendeine Vergütung in Form von Vergnügen bei der Betrachtung des Bildes empfangen hatten, denn es war seit seiner Erwerbung durch das Blindwerden der Farben im hohen Maße verdorben. Schließlich ging ich mit dem Bilde nach Browns Atelier. Ich sagte ihm, es habe für mich keinen Wert, da ich es für ein besonders schlechtes Bild halte, und er sollte es für fünfzehn Pfund, die Hälfte des früheren Preises, zurückhaben. Er sagte mir sofort, ich würde von jedem Händler mehr dafür bekommen, als er selbst mir geben könnte. Aber er sagte auch, ich hätte kein Recht, mit seiner Arbeit ein Geschäft zu machen, und er bot mir den Originalpreis von dreißig Pfund an. Ich nahm sie und sandte ihm dann den Mann zu, der mir die achthundert angeboten hatte. Zu meinem Verdruß weigerte sich Brown, das Bild überhaupt zu verkaufen, weil er es für seiner unwert hielt. Der Mann bot bis fünfzehnhundert Pfund, aber Brown blieb standhaft, und so fand ich, daß ich ihm nicht nur keine siebenhundertundsiebzig Pfund in die Tasche gesteckt, sondern ihm sogar dreißig weggenommen hatte. Ich bot ihm daher an, die dreißig Goldstücke zurückzugeben. Brown empfand dieses Anerbieten als eine Beleidigung und lehnte jede weitere Auseinandersetzung mit mir ab. Dann bestand ich darauf, daß die Angelegenheit dem Schiedsgericht unterworfen werde, und verlangte fünfzehnhundert Pfund als den vollen Handelswert des Gemäldes. Alle Schiedsrichter fanden das ungeheuerlich, worauf ich mich damit zufriedengab, wenn sie mein Anrecht auf den Handelswert nicht anerkennen wollten, dann sollten sie mir wenigstens mein Anrecht auf den Gebrauchswert anerkennen. Sie stimmten dem zu und setzten ihre Entscheidung für vierzehn Tage aus, um Adam Smith zu lesen und zu entdecken, was in aller Welt ich mit meinen Gebrauchswerten und Handelswerten meinte. Ich zeigte ihnen darauf, daß das Gemälde für mich keinen Gebrauchswert habe, da ich es nicht liebte, daß ich daher zu gar nichts berechtigt sei und Brown die dreißig Pfund zurücknehmen müßte. Sie freuten sich, mir dies auch zuzugeben, da sie alle Kunstfreunde von Brown waren und nicht wünschten, daß er bei dem Handel sein Geld verlöre, obgleich sie heimlich ebenso wie ich das Bild für ein schlechtes hielten. Hierauf wurden Brown und ich sehr gute Freunde. Er duldete anfangs meine Annäherung, damit es nicht aussähe, als ob er über die Herabsetzung seines Werkes beleidigt sei. Nach und nach ging er zu meinen Ansichten über, gradeso wie Sie es getan haben.“

„Das ist sehr interessant,“ sagte Sir Charles „Wie vornehm — fünfzehnhundert Pfund zurückzuweisen! Er konnte sie wahrscheinlich gut gebrauchen.“

„Heldenhaft war es — nach den Ansichten des neunzehnten Jahrhunderts über Heldentum. Aus freien Stücken auf eine Gelegenheit, Geld zu verdienen, zu verzichten. Das ist das non plus ultra des Märtyrertums. Browns Frau war sehr böse über ihn, weil er so gehandelt hatte.“

„Es ist eine interessante Geschichte — oder könnte als eine solche gelten,“ sagte Erskine. „Aber Sie machen mich ganz verdreht mit Ihrem verdammten Wertaustausch und dergleichen Unsinn. Alles ist bei Ihnen eine Zahlenfrage.“