„Hm!“ sagte Trefusis. „Gut, was den Zug angeht, so können Sie sich auf mich verlassen. Hier ist meine Hand darauf.“
„Ich danke Ihnen,“ sagte Erskine mit Wärme. Sie schüttelten sich die Hände und schieden voneinander. Trefusis ging mit einem Grinsen davon, das alles andere als Vertrauen erweckte.
[Siebzehntes Kapitel.]
Gertrude, die nichts davon wußte, in welchem Grade sie schon ihre Enttäuschung verraten hatte, glaubte, daß ihre Besorgnis für die Gesundheit ihres Vaters, die sie als Grund zu ihrer plötzlichen Abreise angab, ihre Freunde täuschen könnte. Es war ihr völlig unmöglich, mit Agatha zu sprechen oder ihre Anwesenheit zu ertragen. Eine heftige Wut erfaßte sie, wenn sie an die Art von Mitleid dachte, die man gewöhnlich verlassenen Mädchen widmet. Das Schlimmste aber war ihre Furcht, mit Trefusis zusammenzutreffen. Sie hatte ihn seit einiger Zeit für einen rechtschaffenen und vollkommenen Mann gehalten, der sich aufs stärkste für sie interessierte. Aber obgleich ihre Erziehung eine verhältnismäßig freie gewesen war, dachte sie doch nicht entfernt an die Möglichkeit, daß sich ein Mann für eine Frau interessieren könnte, ohne sie heiraten zu wollen. Er hatte es in seinen ernsthafteren Stimmungen versucht, ihr eine Empfindung dafür beizubringen, wie gewöhnlich ihre gesellschaftliche Oberflächlichkeit war. Aber er schmeichelte ihr dabei nur durch seine unverhehlte und auch wirklich ernst gemeinte Überzeugung, daß sie eines höheren Lebens fähig sei. Und dazu kam seine unverbesserliche Galanterie, der sein Humor und seine Zärtlichkeit gegen Frauen, die er leiden konnte, Reiz und Abwechslung gaben. Alles das konnte in einem Augenblick an die Stelle seiner Ernsthaftigkeit treten, und Gertrude hatte ein viel zu gleichmäßiges Wesen, um ihm darin zu folgen. Sie glaubte, er rede noch immer im vollen Ernst, wenn er längst in blühender Romantik schwärmte, und wurde dadurch gefährlich getäuscht. Er empfand gar keine Bedenken bei seinem Liebesspiel, weil er sich nicht für einen Mann hielt, der den Frauen so leicht Liebe einflößte. Andererseits wußte Gertrude nicht, daß ihre Schönheit jeder Stunde, die man mit ihr verbrachte, einen Reiz gab, dem wenige Männer von Phantasie und Gefühl widerstehen konnten. Sie, die seit ihrem Austritt aus der Schule immer auf dem Heiratsmarkt gelebt hatte, betrachtete das Liebeln als das ernsthafteste Geschäft von der Welt. Für ihn war es nur eine angenehme Spielerei, deren Reiz durch ein leises Bedauern, daß gar so wenig dahintersteckte, nur gehoben wurde.
Von allen Umständen bei ihrer Abreise war ihr der Kuß, den sie Agatha anbieten mußte, am unangenehmsten. Sie war auf der Schule schon auf sie eifersüchtig gewesen, trotzdem sie sich für die vornehmere von den beiden hielt. Aber dieser Vorzug konnte sie kaum über Agathas schnellere Auffassung trösten, über ihre Gewandtheit, ihren Mut, ihre Erfindungsgabe, ihre Fähigkeit, schwierige Gedankengänge zu finden oder ihnen zu folgen, und die daraus folgende Macht, andere zu verwirren. Ihre Eifersucht auf diese Eigenschaften war jetzt noch verstärkt worden, weil sie fühlte, daß Agatha darin viel mehr mit Trefusis verwandt war als sie selbst. Es machte ihr wenig aus, wie sie sich selbst im Vergleich mit Agatha vorkam. Aber es machte alles aus, daß sie Trefusis langsam, steif, kalt und gekünstelt vorkam, und daß sie ihn nicht davon überzeugen konnte, wie sie in Wirklichkeit war. Denn sie wollte die Richtigkeit des Eindrucks nicht zugeben, den sie durch ihr Benehmen machte, da sie ja meist das Gegenteil von dem tat, was sie tun wollte. Sie sah sich in ihrer Einbildung nicht so, wie sie war, sondern wie sie sein wollte. Was die einzige Eigenschaft anging, in der sie sich stets Agatha überlegen gefühlt hatte, die sie ‚gute Erziehung‘ nannte, so hatte grade darin Trefusis ihren Dünkel so sehr zerstört, daß sie jetzt anfing zu zweifeln, ob es nicht ihr Hauptmangel sei.
Sie konnte kein Wort hervorbringen, als sie ihre Schulfreundin umarmte, und Agathas Zunge war ebenfalls gelähmt. Ein Gefühl von Reue und geheimer Zärtlichkeit erstickte ihre Worte, und ihr Schweigen würde peinlich gewesen sein, wenn nicht Jane für alle drei genug geredet hätte. Sir Charles saß draußen im Wagen und wartete, um Gertrude nach der Station zu fahren. Erskine hielt sie im Hausflur auf, als sie hinausgehen wollte. Er sagte ihr, er würde trostlos sein, wenn sie fort wäre, und bat sie, seiner zu gedenken. Seine kleine Bitte rührte sie wenig, und ihr fiel nur auf, daß sie das beredte Flehen, das in seinen dunklen Augen lag, schon einmal bei den Känguruhs im Zoologischen Garten gesehen hatte.
Während sie auf der Station zum Zuge ging, brachte er die Pferde in Ordnung, um von der peinlichen Unterhaltung über die plötzliche Abreise seines Gastes entbunden zu sein. Er hatte ein paar Bemerkungen über die Ängstlichkeit der jungen Pferde gemacht und über das Wetter, bis sie das hübsche Stationsgebäude erreichten, das auf freiem Felde stand und von dem Bahnsteig aus einen Blick über den Fluß gewährte. Zwei Wagen waren da, zwei Gepäckträger, ein Bücherstand und ein Erfrischungsraum, hinter dessen Bar sich eine verblühte Schönheit abhärmte. Sir Charles hielt sich noch am Schalter auf, um für Gertrude, die schon auf den Bahnsteig gegangen war, ein Billett zu kaufen. Der erste Mensch, den Gertrude sah, war Trefusis, der dicht neben ihr stand.
„Ich fahre mit diesem Zuge zur Stadt, Gertrude,“ sagte er schnell. „Ich darf mich Ihnen wohl zur Verfügung stellen. Ich habe Ihnen etwas zu sagen, denn es ist da ein Mißverständnis zwischen uns entstanden, das ein Ende nehmen muß. Sie —“
Grade jetzt kam Sir Charles heraus und stand erstaunt da, als er sie in der Unterhaltung sah.