„Unsinn, Sie sind verrückt. Sie haben einen Vorsprung von fünfunddreißig Minuten, und der Zug macht fünfundvierzig Meilen in der Stunde.“
Erskine setzte sich auf die Treppe und starrte ausdruckslos auf die gegenüberliegende Wand.
„Sie müssen ihn mißverstanden haben,“ sagte Sir Charles. „Ich sollte Ihnen mitteilen, daß er sein Versprechen nicht vergessen habe und daß Sie sich auf ihn verlassen könnten.“
„Was ist denn geschehen?“ fragte Agatha, die, von Lady Brandon gefolgt, herunterkam.
„Miß Wylie,“ sagte Erskine aufspringend, „er gab mir sein Wort, als ich ihm sagte, daß Miß Lindsay mit diesem Zuge führe, daß er nicht hingehen werde. Er hat sein Wort gebrochen und diese Gelegenheit benutzt, da ich töricht und leichtgläubig genug war, ihm davon zu erzählen. Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, Brandon, ich hätte ihn eher erwürgt oder unter die Räder geworfen, ehe ich ihn hätte gehen lassen. Wie bei jeder Gelegenheit, hat er sich auch jetzt wieder als Schwindler und Verschwörer gezeigt, als ein Mann von Schleichwegen, Ränken, Kunstgriffen, verlogenen Spitzfindigkeiten, herzloser Selbstsucht, grausamem Zynismus —“ Er hielt inne, um Atem zu schöpfen, und Sir Charles legte sich ins Mittel.
„Sie regen sich wegen gar nichts auf, Chester. Sie sind mit ihrem Mädchen und vielen andern Leuten in einem Pullmanwagen, und sie gab ihm ausdrücklich Erlaubnis, mit ihr zu fahren. Er fragte sie offen in meiner Gegenwart, und ich muß gestehen, ich fand es eine starke Zumutung, daß sie zustimmen sollte. Jedenfalls stimmte sie zu, ich war natürlich nicht in der Lage, ihn zu hindern, nach London zu gehen, wenn es ihm Spaß machte. Also machen Sie keine Szene, alter Junge. Wir können es nicht ändern.“
„Es tut mir sehr leid,“ sagte Erskine und ließ den Kopf hängen. „Ich wollte keine Szene machen. Ich bitte Sie um Verzeihung.“
Er ging auf sein Zimmer, ohne noch etwas zu sagen. Sir Charles folgte ihm und versuchte, ihn zu trösten. Aber Erskine erfaßte seine Hand und bat, ihn allein zu lassen. So kehrte denn Sir Charles in das Gesellschaftszimmer zurück, wo seine Frau endlich einmal vor Verlegenheit kaum zu bemerken wagte, daß sie so etwas noch nie in ihrem Leben gehört hätte.
Agatha verhielt sich schweigend. Sie war schon vor langer Zeit ganz von selbst zu der Ansicht gekommen, daß sie und Trefusis die einzigen Mitglieder der Gesellschaft auf Beeches waren, die viel gesunden Verstand hatten. Deshalb glaubte sie auch nicht leicht, daß bei einem Mißverständnis Trefusis unrecht und Erskine recht hatte. Agatha besaß eine leichtfertige Art, die Leute, deren Gewohnheiten und Gedanken von den ihrigen abwichen, als Esel abzutun. Von allen Arten von Männern verkörperte ein unbedeutender Dichter am meisten ihre Vorstellung von einem menschlichen Esel, und Erskine, obgleich er wirklich ein hübscher Mensch und durchaus gut und anständig war, er war doch nach ihrer Meinung nur ein minderwertiger Dichter und daher ein ausgesprochener Esel. Trefusis dagegen war der letzte Mann in ihrer Bekanntschaft, den sie für einen wirklich hübschen Menschen oder einen sittsamen Gentleman gehalten hätte. Aber er war kein Esel, obgleich er hartnäckig an seinen sozialistischen Liebhabereien hing. Sie hatte ihn wirklich im Verdacht einer fast eselhaften Schwäche gegenüber Gertrude gehabt, aber in ihren Beziehungen zu Frauen waren nun einmal alle Männer Esel, und seit er seine Schwäche auf sie übertragen hatte, brauchte er keine Rechtfertigung mehr. Aber jetzt, da sie sich über Erskine, den sie bemitleidete, beruhigte, empfand sie die Reise Trefusis’ mit Gertrude voll Unwillen als einen Eingriff in ihren soeben erlangten Alleinbesitz seiner Person. Gertrude hatte einen gewissen Schein von aristokratischem Stolz an sich, um den Agatha sie früher beneidet hatte, und sie fürchtete jetzt, Trefusis möchte ihn für ein Anzeichen von Gesinnungsadel und feiner Lebensart halten. Agatha glaubte nicht, daß ihr Unwille das gewöhnliche Gefühl war, das man Eifersucht nennt, denn sie hielt sich noch immer für eine Ausnahmenatur, aber es gab ihr doch eine Empfindung, gekränkt zu sein, was ihre Stimmung nicht verbesserte.
Das Diner war langweilig. Lady Brandon sprach in einem leisen Tone, als ob im Nebenzimmer eine Leiche liege. Erskine litt unter dem Bewußtsein, daß er am Nachmittage seinen Kopf verloren und töricht gehandelt habe. Sir Charles kam auch nicht über die bange Ungewißheit fort, die sie alle wegen der Reise nach London empfanden. Er aß und trank und sagte nichts. Agatha, die sich über sich selbst und über Gertrude ärgerte und schwankte, ob sie sich auch über Trefusis ärgere oder ihm herzliches Vertrauen schenken sollte, folgte dem Beispiel ihres Wirtes. Nach dem Essen begleitete sie ihn bei einer Reihe Schubertliedern. Aber das machte die Stimmung nicht leichter, sondern noch schwerer. Sir Charles zog melancholische Lieder vor, da er grade den Schmerz am besten zum Ausdruck bringen konnte. Und da seine musikalischen Ansichten wie bei den meisten Engländern sich auf dem gründete, was er in seinen Kinderjahren in der Kirche gehört hatte, so war sein Vortrag unangenehm eintönig. Agatha benutzte die erste passende Gelegenheit, um sich vom Klavier zurückzuziehen. Sir Charles fühlte, daß sein Vortrag nicht gelungen war, und bemerkte, nachdem er ein- oder zweimal gehustet hatte, er hätte sich wohl auf der Rückfahrt von der Station erkältet. Erskine saß mit gesenktem Kopf auf dem Sofa und ließ die gefalteten Hände zwischen den Knien herabsinken. Agatha stand am Fenster und sah in die letzte Glut des Sommerabends. Jane gähnte und brach dann das Schweigen.