„Mädchen,“ sagte die Dame oben mit ruhiger, aber unheilvoll fester Stimme.

Schweigen und äußerste Bestürzung folgten. Dann antwortete Miß Wylie in honigsüßem Tone. „Riefen Sie uns, liebe Miß Wilson?“

„Ja. Bitte, kommen Sie alle drei herauf.“

Sie zauderten eine Weile, da jede der andern den Vortritt anbot. Zuletzt kamen sie alle drei herauf, in derselben Reihenfolge, in der sie heruntergeflogen waren, nur nicht in derselben Schnelligkeit. Sie folgten Miß Wilson in das Klassenzimmer und standen in einer Reihe vor ihr, während vom Westen her aus den drei Fenstern sie ein orangerotes Licht überstrahlte. Miß Carpenter, die größte von den dreien, glühte vor Verwirrung. Sie ließ die Arme herunterhängen und spielte mit den Fingern an den Falten ihres Kleides. Miß Gertrude Lindsay, die in blasses Seegrün gekleidet war, hatte einen kleinen Kopf, eine zarte Figur und perlenfeine Zähne. Sie stand aufrecht da, mit dem Ausdruck kühler Verachtung für Vorwürfe jeder Art. Das Leinenkleid der dritten Sünderin, das in dem grauen Zwielicht des Treppenhauses gelb gewesen war, sah jetzt im Zimmer in der warmen Abendglut weiß aus. Ihr Gesicht hatte einen glänzenden, olivenfarbenen Ton und schien wie von einem goldenen Flimmer überzogen. Ihre Augen und Haare waren nußbraun, und ihre Zähne, deren obere Reihe sie offen zeigte, waren wie aus feinem Marmor. Sie standen übrigens ziemlich nach außen und hätten ihren Mund verunziert, wären sie nicht von einer vollen Unterlippe und einem fein geschwungenen, etwas dreisten Kinn getragen worden. Ihrem halb schmeichelnden und halb spöttischen Gesicht und ihrem schnellen Lächeln konnte man nicht leicht ernst entgegentreten. Miß Wilson wußte das, und sie wollte sie nicht ansehen, selbst als sie ein krampfhaftes Auffahren und einen ärgerlichen Seitenblick Miß Lindsays bemerkte, die von ihrer Nachbarin gezwickt worden war.

„Sie wissen, daß Sie die Regeln übertreten haben,“ sagte Miß Wilson ruhig.

„Es war nicht unsere Absicht. Wirklich nicht“, sagte das Mädchen in dem Leinenkleid in schmeichelndem Tone.

„Bitte, Miß Wylie, was war denn Ihre Absicht?“

Miß Wylie nahm dies unerwarteterweise als eine witzige Entgegnung und nicht als einen Vorwurf auf. Sie stieß einen komischen Schrei aus, der in einen langen Ausbruch von Gelächter überging.

„Agatha, wollen Sie wohl still sein!“ sagte Miß Wilson streng. Agatha machte ein zerknirschtes Gesicht, und Miß Wilson wandte sich hastig zu der ältesten von den dreien. „Über Sie, Miß Carpenter, bin ich am meisten erstaunt. Sie scheinen keine Lust zu haben, mir Ihr Wort zu halten und sich nach den Regeln zu richten, obgleich Sie alt genug sind, um deren Notwendigkeit einzusehen. Ich werde Sie nicht mit Vorwürfen oder Bitten belästigen, denn ich bin jetzt überzeugt, daß Sie sich doch nichts daraus machen“ — hier brach Miß Carpenter nach einem stummen Protest in Tränen aus — „aber Sie sollten wenigstens die Gefahr bedenken, in die Sie die jüngeren Mädchen durch Ihre Kinderei bringen. Was würden Sie sagen, wenn Agatha ihr Genick gebrochen hätte?“

„Oh!“ rief Agatha und faßte sich schnell mit der Hand nach ihrem Nacken.