„Oh, rede kein Wort mehr von solchen Sachen,“ sagte sie ärgerlich: „Ich kann ihnen nicht helfen. Ich habe meinen eigenen Kummer. Ihr Mann lebt bei ihr.“
„Sie wird ihren Platz mit dir wechseln, mein Schatz, wenn du ihr das Anerbieten machst.“
Es fiel ihr keine Antwort ein. Nach einer Pause begann er poetisch über die Landschaft zu sprechen und ihr verliebte Redensarten und Schmeicheleien zu sagen. Aber sie fühlte, daß er entschlossen war, sie los zu werden, und er wußte, daß es keinen Zweck mehr hatte, seine Absicht vor ihr zu verbergen. Sie wandte sich weg und setzte sich auf einen Stoß Ziegelsteine, indem sie nur ärgerlich ihr Gesicht verzerrte, wenn er sie zum Sprechen drängte. Als sie sich dem Ende der Reise näherten, glaubte sie, daß sie ihren heftigen Schmerz über seine Flucht nur halb zum Ausdruck gebracht hätte, und das Gefühl des erlittenen Unrechts wurde ihr fast unerträglich.
Sie landeten an einer Werft und gingen über einen schmutzigen, von tiefen Fahrgeleisen durchzogenen Weg auf die Hauptstraße von Lyvern. Hier wurde er wieder Smilasch und ging ehrerbietig etwas vor ihr her, als wenn er gemietet wäre, den Weg zu zeigen. Sie sah jetzt ein, daß ihre letzte Gelegenheit, ihn anzuflehen, vorbei war, und sie brach bei dem Gedanken fast in Tränen aus. Es kam ihr der Einfall, sie könnte ihn vielleicht bewegen, wenn sie hier eine öffentliche Szene machte. Aber die Straße war sehr belebt, und sie fürchtete sich auch etwas vor ihm. Keines von diesen beiden Bedenken würde sie abgehalten haben, wenn sie in einem ihrer wilden Zornesanfälle gewesen wäre, aber jetzt war sie in ganz unterwürfiger Stimmung. Ihre wilden Launen schienen nur zu kommen, wenn sie ihr schaden mußten. Sie ließ sich ruhig in den Eisenbahnomnibus führen, der grade von dem Gasthofvorplatz abfahren wollte, als sie dort ankamen. Aber obgleich er seinen Hut berührte und fragte, ob er eine Botschaft ausrichten sollte, obgleich er ihr in zartem Flüstern eine glückliche Reise wünschte, wollte sie ihn nicht ansehen, oder ein Wort zu ihm sprechen. So schieden sie voneinander, und er kehrte allein zu der Hütte zurück, wo er von den zwei Polizisten empfangen wurde, die ihn nach der Anstalt brachten.
[Sechstes Kapitel.]
Das Jahr ging weiter, und es begannen die langen Winterabende. Die lernbegierigen jungen Damen in der Alton-Anstalt saßen an ihren Pulten, auf die Ellenbogen gestützt und den Kopf in den Händen vergraben, und fröstelten in ihren Pelzkragen. Sie überluden ihr Gedächtnis mit Darlegungen der Moralphilosophen oder schwammen, wie Menschen auf Korkgürteln, auf den Grundproblemen der Mathematik herum. Hierbei geschah es denn oft, je vernünftiger eine Schülerin in der Mathematik war, desto unvernünftiger war sie im wirklichen Leben, weil es da keine feststehenden Grundsätze gab, nach denen man sich richten konnte.
Agatha, die nicht lernbegierig war und auch keine Lust hatte, im Winter zu frieren, begann mit wachsendem Eifer die Vorschrift Nr. 17 zu brechen. Die Vorschrift Nr. 17 verbot den Schülerinnen, die Küche zu betreten, oder irgendwie die Dienstmädchen in ihrer häuslichen Tätigkeit zu stören. Agatha brach sie, weil sie gerne braunen Kandiszucker machte und ihn aß, weil sie ein warmes Feuer liebte und alles, was verboten war, und weil ihr die Bewunderung gefiel, mit der die Dienstmädchen ihren musikalischen und Bauchredekünsten lauschten. Gertrude begleitete sie, weil sie ebenfalls Zuckerzeug liebte, und weil sie sich etwas auf ihre Herablassung zu tiefer Stehenden einbildete. Jane ging hin, weil ihre beiden Freundinnen hingingen, und Abenteuerlust, böses Beispiel und Liebe zu Süßigkeiten brachten oft mehr Freiwillige zu diesen Expeditionen, als Agatha für sicher hielt, mitzunehmen. Eines Abends ging Miß Wilson allein in ihren Privatweinkeller hinunter und wurde in der Nähe der Küche durch einen Lärm ausgelassener Lustigkeit aufgehalten. Sie blieb lauschend stehen und hörte zuerst den Kastagnettentanz, der sie an den Nachdruck erinnerte, mit dem Agatha über Mrs. Miller mit dem Finger geschnipst hatte. Dann kam die Biene an der Fensterscheibe, Robin Adair (in dessen Refrain die Dienstmädchen einstimmten) und eine Verspottung ihrer eigenen Person, wie sie Jane Carpenters bessere Natur anflehte, sich auf die Aufnahmeprüfung für Cambridge vorzubereiten. Sie wartete, bis die Kälte und die Furcht, hier beim Spionieren entdeckt zu werden, sie zwangen, wieder hinaufzusteigen. Sie schämte sich, daß sie an einer törichten Unterhaltung ihre Freude gehabt hatte, aber sie sah doch lieber über eine Verletzung der Vorschriften hinweg, als daß sie einen neuen Streit mit Agatha gewagt hätte.
Es war besonders eine Sache, in der Agatha sich nicht mehr so an die Schuldisziplin hielt wie früher. Obgleich sie eine unverhältnismäßig große Zahl von Eintragungen in das Sündenbuch geliefert hatte, war jenes Bekenntnis, das beinahe zu ihrer Austreibung geführt hatte, ihr letztes geblieben. Nicht, daß ihre Aufführung eine bessere geworden wäre, sie hatte sich im Gegenteil verschlechtert. Miß Wilson erwähnte nicht mehr die Angelegenheit, und so blieb das Sündenbuch eine geheiligte Sache, auf die nie angespielt wurde. Aber sie bemerkte, daß Agatha, obgleich sie nicht ihre eigenen Sünden bekennen wollte, doch den andern bei der Entlastung ihres Gewissens half. Die Witzigkeit, mit der Jane unerwarteterweise die Seiten des Sündenbuchs anfüllte, war dafür bezeichnend genug.
Smilasch hatte jetzt auch ein Gewerbe angefangen. An den letzten Herbsttagen hatte er sein Häuschen weiß getüncht, Türen, Fenster und Veranda angestrichen, das Dach und das Innere ausgebessert und den Platz so sehr verschönert, daß ihm der Grundbesitzer mitteilte, er müßte nach Ablauf der zwölfmonatlichen Pachtung die Rente erhöhen. Ein Mieter könne vernünftigerweise ein hübsches, regendichtes Wohnhaus nicht für dasselbe Geld haben wie eine kaum bewohnbare Ruine. Smilasch hatte ihm sofort versprochen, es am Ende des Jahres so zu verderben, daß es wieder wie früher aussähe. Am Tor hatte er eine Anschlagtafel angebracht mit einer Inschrift, die er von gedruckten Karten abgeschrieben hatte. Er zeigte diese Karte den Leuten, die sich zufällig mit ihm unterhielten.