(Stimme.) Giuseppe! Giuseppe! wo bleiben Sie!?
(Leutnant mordlustig:) Wo ist mein Degen? (Er stürzt an das Sofa, ergreift seinen Degen und zieht ihn.)
(Giuseppe springt vor und faßt seinen rechten Arm:) Was fällt Ihnen denn ein, Herr Leutnant! Es ist eine Dame: hören Sie nicht, daß es eine weibliche Stimme ist?
(Leutnant.) Ich sage Ihnen, daß es seine Stimme ist—lassen Sie mich los! (Er stürzt fort und will zur inneren Türe; da öffnet sich diese vor seiner Nase, und die fremde Dame tritt ein. Sie ist eine sehr anziehende Erscheinung, groß und ungewöhnlich graziös, mit einem zart intelligenten, empfindsamen, fragenden Gesicht. Auffassungskraft liegt auf ihrer Stirn, Empfindlichkeit in ihren Nasenflügeln, Charakter in ihrem Kinn: im ganzen sieht sie scharfsinnig, vornehm und originell aus. Sie ist sehr weiblich, aber durchaus nicht schwach. Die geschmeidige, schlanke Gestalt ist kräftig gebaut, die Hände und Füße, Hals und Schultern sind keine zerbrechlichen Schmuckstücke, sondern stehen im richtigen Größenverhältnis zu der ganzen Gestalt, die die Napoleons und des Wirtes beträchtlich überragt und der des Leutnants vollkommen gleichkommt; ihre Eleganz und ihr strahlender Reiz verdecken indessen ihre Größe und Kraft. Nach ihrem Kleide zu schließen, ist sie keine Bewunderin der neuesten Mode des Direktoriums, oder sie verträgt vielleicht auf der Reise ihre alten Kleider, jedenfalls trägt sie keine Jacke mit auffallenden Aufschlägen, kein nachgemacht griechisches Unterkleid à la Madame Tallien,—nichts, wahrhaftig nichts, das die Prinzessin von Lamballe nicht hätte tragen können. Ihr Kleid von geblümter Seide mit langer Taille ist am Rücken mit einer Watteaufalte versehen, aber die Puffen sind, da sie für diese zu groß ist, zu bloßen Rudimenten verkürzt. Es ist im Nacken ein wenig ausgeschnitten und dort mit einem cremefarbenen Fichu geschmückt. Sie ist von heller Hautfarbe und hat goldbraune Haare und graue Augen. Sie tritt mit der Selbstsicherheit einer Frau ein, die an die Vorrechte von Rang und Schönheit gewöhnt ist. Der Wirt, der von Natur sehr gute Manieren hat, ist von ihr höchst eingenommen. Napoleon, auf den ihre Augen zuerst fallen, wird sofort verlegen. Sein Gesicht rötet sich, er wird steifer und fühlt sich unsicherer als zuvor. Sie bemerkt dies augenblicklich, und, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, wendet sie sich mit einer unendlich wohlerzogenen Art—um auch ihm die Ehre eines Blickes zu gewähren—zu dem andern Herrn, der mit Gefühlen, die ganz unaussprechlich und unbeschreiblich sind, auf ihr Kleid starrt, als ob es der Erde erstes Meisterwerk an Verräterei und Verstellung wäre. Als sie ihn erkennt, wird sie totenblaß; ihr Ausdruck kann nicht mißverstanden werden. Die Erkenntnis irgendeines schrecklichen, gänzlich unerwarteten Irrtums hat sie jäh erschreckt, inmitten ihrer ruhigen Sicherheit und Siegesgewißheit. Im nächsten Augenblick steigt eine Blutwelle unter dem cremefarbenen Fichu auf und ergießt sich über ihr ganzes Gesicht. Man sieht, daß sie am ganzen Leibe errötet. Selbst der Leutnant, der für gewöhnlich ganz unfähig ist, zu beobachten, und eben im Aufruhr seiner Wut ganz den Kopf verloren hat, kann etwas bemerken, wenn man es ihm rot anstreicht. Da er das Erröten als das unfreiwillige Eingeständnis schwarzer, mit ihrem Opfer konfrontierter Verräterei auslegt, zeigt er mit einem lauten Schrei vergeltenden Triumphes auf sie—dann ergreift er die Dame am Handgelenk, zieht sie hinter sich her in das Zimmer, schlägt die Türe zu und pflanzt sich mit dem Rücken davor auf.)
(Leutnant.) Habe ich dich erwischt, Bursche! Du hast dich also verkleidet—was? (Mit Donnerstimme:) Zieh diesen Rock aus!
(Giuseppe Verwahrung einlegend:) Aber, Herr Leutnant!
(Dame erschrocken, aber höchst entrüstet, daß er es gewagt hat, sie anzurühren:) Meine Herren, ich wende mich an Sie! Giuseppe! (Macht eine Bewegung, als ob sie zu Giuseppe laufen wollte.)
(Leutnant stellt sich dazwischen, den Degen in der Faust:) Nicht von der Stelle!
(Dame zu Napoleon flüchtend:) O Herr, Sie sind Offizier—General—Sie werden mich beschützen—nicht wahr?
(Leutnant.) Kümmern Sie sich nicht um ihn, Herr General.
Überlassen Sie ihn mir.