(Napoleon grob:) Ja!
(Dame verblüfft, sucht Zeit zu gewinnen:) Aber ich begreife nicht—ich …
(Napoleon.) Sie begreifen sehr gut. Sie sind hierhergekommen, weil Ihre österreichischen Auftraggeber darauf gerechnet haben, daß ich sechs Meilen weit von hier entfernt sei. Ich bin immer dort zu finden, wo meine Feinde mich nicht erwarten. Sie sind in die Höhle des Löwen geraten. Gehen Sie, Sie sind eine tapfere Frau—seien Sie auch eine vernünftige—ich habe keine Zeit zu verlieren—die Papiere! (Er geht drohend einen Schritt vor.)
(Dame bricht in kindischer, ohnmächtiger Wut zusammen und wirft sich in Tränen auf den Stuhl, der vom Leutnant neben dem Tisch stehen gelassen wurde:) Ich—und tapfer! Wie wenig Sie mich kennen. Ich habe den Tag in Todesfurcht verbracht! Ich bekomme Brustschmerzen vor Herzklopfen bei jedem argwöhnischen Blick und jeder drohenden Bewegung. Halten Sie jeden Menschen für so tapfer, wie Sie es sind? Oh, warum vollbringt ihr tapferen Männer nicht die tapferen Taten? Warum überlaßt ihr sie uns, die wir gar keinen Mut haben? Ich bin nicht tapfer—ich schrecke vor Gewalt zurück—die Gefahr macht mich elend.
(Napoleon mit Interesse:) Warum haben Sie sich dann in Gefahr begeben?
(Dame.) Weil es keinen andern Ausweg gab—ich konnte niemandem vertrauen. Und nun ist alles umsonst gewesen—alles, Ihretwegen, der keine Furcht kennt, weil er kein Herz hat, kein Gefühl, kein… (Sie hält inne und wirft sich auf die Knie.) Oh, Herr General, lassen Sie mich gehn! Lassen Sie mich gehn, ohne weitere Fragen an mich zu stellen—Sie sollen Ihre Depeschen und Briefe haben—ich schwöre es!
(Napoleon seine Hand ausstreckend:) Ja—ich warte darauf. (Sie schnappt nach Luft. Von seiner unbarmherzigen Schlagfertigkeit zur Verzweiflung gebracht, gibt sie es auf, ihn durch Schmeicheleien und ihr Gerede zu rühren, aber wie sie starr zu ibm aufblickt, sieht man klar, daß sie ihr Gehirn zermartert, einen Ausweg zu finden und ihn zu überlisten. Er begegnet ihrem Blick mit unbeugsamer Entschlossenheit.)
(Dame erhebt sich endlich mit einem stillen kleinen Seufzer:) Ich will sie Ihnen holen, sie sind in meinem Zimmer. (Sie wendet sich zur Türe.)
(Napoleon.) Ich werde Sie begleiten, Madame.
(Dame richtet sich mit einer edlen Gebärde beleidigten Zartgefühls auf:)
Ich kann Ihnen nicht gestatten, mein Zimmer zu betreten, Herr
General.