(Napoleon mit Überzeugung:) Weil es Sie nach diesem Brief so sehr verlangt hätte, daß Sie, um ihn zu erlangen, jede Angst würden ertragen haben. Es gibt nur einen Trieb, der allgemein ist: die Furcht. Von all den tausend Eigenschaften, die ein Mann haben mag, ist die einzige, die Sie sowohl beim jüngsten Tambour als auch bei mir finden werden, die Furcht. Sie ist es, die die Menschen in den Kampf treibt: Gleichgültigkeit macht, daß sie davonlaufen. Furcht ist die Haupttriebfeder des Krieges—Furcht!—Ich kenne die Furcht wohl, besser als Sie, besser als irgend ein Weib. Ich sah einst, wie ein Regiment guter Schweizer Soldaten vom Pariser Mob massakriert wurde, weil ich mich fürchtete einzugreifen. Ich fühlte mich als Feigling bis in die Fußspitzen, als ich dabei zusah. Vor sieben Monaten rächte ich meine Feigheit, indem ich diesen Mob mit Kanonenkugeln zu Tode knallte. Nun—was ist dabei? Hat die Furcht jemals einen Mann von irgend etwas, das er wirklich wollte, zurückgehalten, oder auch nur eine Frau? Niemals!—Kommen Sie mit mir, und ich will Ihnen zwanzigtausend Feiglinge zeigen, die jeden Tag dem Tod ins Auge schauen um den Preis eines Glases Branntwein. Und glauben Sie, daß es keine Frauen in der Armee gibt, die tapferer sind als die Männer, weil ihr Leben weniger wert ist? Pah, ich halte gar nichts—weder von Ihrer Furcht noch von Ihrem Mut. Wenn Sie bei Lodi zu mir hätten kommen müssen, Sie würden keine Furcht gehabt haben: einmal auf der Brücke wäre vor der Notwendigkeit jedes andere Gefühl geschwunden— vor der Notwendigkeit, Ihren Weg an meine Seite zu finden, um zu bekommen, was Sie haben wollten. Und nun nehmen Sie an, daß Sie davongekommen wären mit jenem Brief in Ihrer Hand und um die Erfahrung reicher, daß in der Stunde der Not Ihre Furcht Ihnen nicht das Herz zusammenschnürte, sondern die Ausführung Ihres Planes unterstützte, daß sie aufgehört hätte, "Furcht" zu sein, und sich in Stärke, Scharfsinn, verdoppelte Aufmerksamkeit und eiserne Entschlossenheit verwandelt hätte,—wie würden Sie dann antworten, wenn Sie gefragt würden, ob Sie ein Feigling sind?
(Dame sich erhebend:) Ah, Sie sind ein Held—ein wirklicher Held!
(Napoleon.) Pah! wirkliche Helden gibt es nicht. (Er schlendert durch das Zimmer, ihren Enthusiasmus leicht nehmend, aber durchaus nicht unzufrieden mit sich, ihn hervorgerufen zu haben.)
(Dame.) O ja—es gibt welche. Es ist ein Unterschied zwischen dem, was Sie meinen Mut nennen, und dem Ihrigen. Sie wollten die Schlacht bei Lodi für niemand andern, als für sich selbst gewinnen—nicht wahr?
(Napoleon.) Selbstverständlich! (Sich plötzlich besinnend:) Halt—nein! (Er rafft sich ehrfürchtig zusammen und sagt wie ein Mann, der einen frommen Dienst verrichtet:) Ich bin nur ein Diener der französischen Republik. Ich folge demütig den Fußtapfen der Helden des klassischen Altertums. Ich gewinne Schlachten für die Menschheit—für mein Vaterland—nicht für mich!
(Dame enttäuscht:) Oh, dann sind Sie doch auch nur ein weibischer Held.
(Sie setzt sich wieder, den Ellbogen auf die Lehne des Sofas, die
Wange in die Hand gestützt; alle ihre Begeisterung ist gewichen.)
(Napoleon höchst erstaunt:) Weibisch?!
(Dame teilnahmslos:) Ja, wie ich. (Mit tiefer Melancholie:) Glauben Sie, wenn ich jene Depeschen nur für mich brauchte, daß ich mich dann ihretwegen in eine Schlacht wagen würde? Nein! wenn das alles wäre, würde ich nicht einmal den Mut finden, Sie in Ihrem Hotel aufzusuchen. Mein Mut ist bloß Sklaverei. Ich weiß damit für meine eigenen Zwecke nichts anzufangen. Nur aus Liebe, aus Mitleid, aus dem Instinkt heraus, einen andern zu retten und zu beschützen, kann ich Dinge tun, die mich entsetzen.
(Napoleon verachtungsvoll:) Pah! (Er wendet sich geringschätzig von ihr fort.)
(Dame.) Aha! nun begreifen Sie, daß ich nicht wirklich mutig bin. (Fällt wieder in ärgerliche Teilnahmslosigkeit zurück.) Aber was für ein Recht haben Sie, mich zu verachten, wenn Sie Ihre Schlachten auch nur für andere gewinnen? Für Ihr Land, aus Patriotismus—das ist es, was ich weibisch nenne: das ist der echte Franzose.