(Giuseppe atemlos, reißt sein Tablett an sich:) Gerne, Exzellenz! (Er eilt durch die innere Tür hinaus.)
(Die Stimme des Mannes ungeduldig:) Schläft hier alles? (Die dem Kamin gegenüberliegende Tür wird heftig mit dem Fuße aufgestoßen, and ein staubbedeckter Leutnant stürzt in das Zimmer. Er ist ein törichter, junger Bursche von vierundzwanzig Jahren mit der hellen, zarten, reinen Haut des vornehmen Mannes und mit jener Selbstsicherheit des Aristokraten, welche die französische Revolution nicht im geringsten erschüttern konnte. Er hat eine dicke, dumme Lippe, ein eifriges, leichtgläubiges Auge, eine eigensinnige Nase und eine laute selbstbewußte Stimme.—Ein junger Mensch ohne Furcht, obne Ehrfurcht, ohne Einbildungskraft, ohne Verstand und hoffnungslos unempfänglich für die napoleonische oder irgendeine andere Idee. Fabelhaft egoistisch, im höchsten Grade dazu geeignet, dort geräuschvoll hereinzustürmen, wo selbst ein Engel sich fürchten würde, nur den Fuß aufzusetzen, doch von einer starken geschwätzigen Lebenskraft, die ihn mitten in das tollste Gewirr der Dinge hetzt. Er kocht eben vor Wut, anscheinend, weil er empört ist, nicht schnell vom Gesinde des Gasthauses bedient zu werden, aber ein schärfer beobachtendes Auge kann eine gewisse moralische Niedergeschlagenheit in ihm entdecken, welche andeutet, daß er unter einem anhaltenderen und wichtigeren Verdruß leidet. Als er Napoleon bemerkt, kommt er genügend zu sich, um sich zusammenzuraffen und zu salutieren. Aber er verrät auf keine Weise durch sein Benehmen etwas von jener prophetischen Voraussicht von Marengo und Austerlitz, Waterloo und St. Helena oder der Napoleonbilder von Delaroche und Meissonier, die die moderne Kultur instinktiv bei ihm voraussetzen würde.)
(Napoleon scharf:) Nun, Herr, sind Sie endlich angekommen? Ihr Befehl lautete, daß ich um sechs Uhr hier sein würde, und daß Sie mich mit meiner Pariser Post and meinen Depeschen erwarten sollten! Und jetzt fehlen nur noch zwanzig Minuten an acht. Sie wurden als guter Reiter für diesen Dienst ausersehen, mit dem schnellsten Pferde, das wir im Lager haben. Sie kommen hundert Minuten zu spät und kommen zu Fuß—wo ist Ihr Pferd?
(Leutnant zieht verdrießlich seine Handschuhe aus und wirft sie mit seiner Mütze und Peitsche auf den Tisch:) Ja, wo ist es? Das gerade wüßte ich selber gern, Herr General. (Mit Bewegung:) Sie wissen nicht, wie ich dies Pferd geliebt habe.
(Napoleon ärgerlich, sarkastisch:) Wirklich! (Mit plötzlicher
Besorgnis:) Wo sind die Briefe und Depeschen?
(Leutnant wichtig, eher froh, daß er ganz besondere Nachrichten hat, als bekümmert:) Das weiß ich nicht.
(Napoleon traut seinen Ohren nicht:) Das wissen Sie nicht?!
(Leutnant.) Nicht besser als Sie, Herr General. Nun werde ich wohl vor ein Kriegsgericht kommen. Schön! ich habe nichts dagegen, standrechtlich behandelt zu werden, aber (mit feierlichem Entschluß:) ich sage Ihnen, Herr General, wenn ich diesen unschuldig aussehenden Burschen jemals erwischen sollte,—diesen verschmitzten, kleinen Lügner!—dann werde ich seine Schönheit zurichten… eine Fratze will ich aus ihm machen… ich werde—-
(Napoleon kommt vom Kamin an den Tisch vor:) Was für einen unschuldig aussehenden Burschen? Raffen Sie sich zusammen, Mensch—ja?—und berichten Sie militärisch!
(Leutnant steht ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches und stützt sich mit den Fäusten auf:) Oh ich bin ganz gefaßt, Herr General—ich bin vollkommen bereit, Rede zu stehen. Ich werde dem Kriegsgericht gründlich klarmachen, daß ich unschuldig bin. Die bessere Seite meiner Natur wurde schändlich ausgenützt, und ich schäme mich dessen nicht. Aber mit allem Respekt vor Ihnen, als meinem Vorgesetzten, wiederhole ich, Herr General, daß, wenn ich diesem Satanssohne jemals wieder begegnen sollte, ich ihn—