(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf den Arm des Operationsstuhles.)
(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und hält ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.)
(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke, stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene. Sie beobachten ihn mit größtem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly: ) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem englischen Seebad gewesen sind? (Sie schüttelt langsam und feierlich den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll seinen Kopf schüttelt.) Das habe ich mir gedacht!… Nun, Herr Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von großer Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um überzeugt zu sein, daß Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder auf die Manieren noch auf das Aussehen an… was das betrifft, genießen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schüttelt heftig den Kopf.) O ja, das dürfen Sie mir glauben. Lord de Crescis Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt für Reformkleider ein und trägt hygienische Schuhe. (Dolly blickt verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und fügt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine. (Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind noch Manieren haben. Aber—und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.—Nun, eins müssen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand sich mit Ihnen sehen lassen darf—und das ist ein Vater… ein lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an. Sie begegnen seinen Blicken wie Märtyrer.) Muß ich annehmen, daß Sie diesen unumgänglich nötigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen Ausrüstung außer acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muß ich Ihnen leider sagen, falls Sie die Absicht haben, längere Zeit hierzubleiben, daß es mir unmöglich sein wird, Ihre liebenswürdige Einladung zum Frühstück anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluß machen wollte, und setzt den Schemel wieder an die Wand.)
(Philip erheht sich mit ernster Höflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht ihr den Arm.)
(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Würde zur Tür.)
(Dr. Valentine von Gewissensbissen überwältigt:) O bleiben
Sie—bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.)
Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Tölpel vor.
(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir.
(Dr. Valentine energisch, läßt allen Anspruch auf berufsmäßige Manieren beiseite:) Mein Gewissen?… Mein Gewissen hat mich zugrunde gerichtet.—Hören Sie mich an!… Ich habe mich schon zweimal in verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe meinen Patienten statt dessen, was sie hören wollten, immer die nackte Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.—Nun habe ich mich hier als Zahnarzt niedergelassen—als Fünf-Schilling-Zahnarzt, und habe ein für allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstück für den Umzug ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie Stahl. In sechs Wochen habe ich fünf Schillinge verdient. Wenn ich um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche, so bin ich verloren.—Ist es unter solchen Umständen recht und billig, mich zum Frühstück einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht kennen?
(Dolly.) Na, schließlich ist unser Großvater Stiftsherr der
Lincoln-Kathedrale.—
(Dr. Valentine wie ein Schiffbrüchiger, der ein Segel am Horizont sieht:) Was? Sie haben einen Großvater?