Einer der bedeutendsten Kupferstiche unsers Meisters, von ihm in seinem Tagebuche »der Herculum« genannt, und in sehr schönen Abdrücken selten und kostbar, welcher indeß nicht, wie Heller glaubt, schon vor der Italienischen Reise gearbeitet sein dürfte. Die mir durch die Hände gegangenen alten Drucke, auch der außerordentlich schöne, von Dürer dem Könige Christian II verehrte, jetzt in Copenhagen, haben sämmtlich das Wasserzeichen der hohen Krone, bei schwächeren findet man den Krug im Papier.
In der Composition dieses Blattes hat Dürer übrigens manches der schönen alten, von mir bereits in der Einleitung erwähnten Zeichnung entlehnt, durch welche er das Meisterwerden erlangte.
Die Bedeutung dieses Gegenstandes ist sehr verschieden aufgefaßt, daher der Stich unter mancherlei Benennungen vorkommt; Vasari[14], nachdem er dieses Blatt als die äußerste Vollendung der Kupferstecher-Kunst bezeichnet hat, beschreibt es als Venus, welche eine Nymphe schlägt, die — um vertheidigt zu werden — sich einem Satyr in den Schoß gesetzt hat.
Er fügt hinzu: wie Dürer in diesem Blatte habe zeigen wollen, daß er das Nackte darzustellen wisse, und meint: daß er dieses vielleicht deshalb nicht habe besser machen können, weil er — wenn er Nacktes darzustellen gehabt habe — in Ermangelung anderer Gelegenheit, einige seiner Schüler nachgebildet habe, welche, wie meist die Deutschen, keine schönen nackten Körper gehabt hätten, obgleich man in Kleidern viele schöne Männer aus jenem Lande sähe.
Von diesem Blatte findet sich ein sehr merkwürdiger unvollendeter Probedruck in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien; auf demselben ist der Satyr fast nur angeritzt, der Kopf der Nymphe und ihr Arm noch nicht ausgeführt, und der untere Theil der Landschaft mit dem Amor nur angelegt.
B. 74. Die Melancholie.
Dieses sehr beliebte, von Dürer mit ganz besonderer Sorgfalt behandelte Blatt, von welchem Vasari sagt: daß es alle die Gegenstände (gli istromenti) enthalte, welche jeden, der sie gebrauche, zur Melancholie brächten, zeichnet sich durch eine eigenthümliche Zartheit aus.
Die alten Abdrücke sind weniger kräftig und voll als diejenigen mancher früheren Stiche, haben dagegen durch eine feine, warme und harmonische Wirkung einen eigenen Reiz. Die späteren Drücke entbehren desselben, sind indeß oft noch klar und rein.
Das Papier der schönen Drücke ist dem des heiligen Hieronymus von demselben Jahre, B. 60, gleich; bei geringeren Drücken trifft man ein stark geripptes Papier mit 12¾ Linien Abstand der Drathstriche, bei den neueren das Wasserzeichen des Wappens von Schrobenhausen.