2) Auf dem Stich ist die rechte Hand des Heilandes ausgestreckt, welche Dürer stets mit krampfhaft zusammen gedrückten Fingern darstellt.

3) Dürer giebt seinem Christus eine breite, doppelt geflochtene Dornenkrone, und die Augenhöhlen haben im Ausdruck des tiefen Schmerzes, mit den äußeren Winkeln eine Biegung nach unten. Auf der Anlage ist die Dornenkrone nur einfach geflochten und die äußeren Winkel der Augenhöhlen haben eine Richtung nach oben, wie denn der Ausdruck des Gesichts, ganz der Dürer’schen Darstellungsweise des schmerzlichen Leidens entgegen, etwas triumphirendes hat.

4) Die reiche Architektur des Hintergrundes weicht, sowohl in der hohen Thurmspitze links, als in den hohen Burgthürmen rechts, wesentlich von allen ähnlichen Darstellungen Dürer’s ab. Endlich

5) sind die Umrisse dieser Anlage weder so sicher noch so zart, wie wir sie auf den vorhandenen, unvollendeten Probedrücken der Dürer’schen Platten B. Nr. 1 und 73 bewundern. —

Die Annahme des Herrn Dr. Nagler, daß Dürer in dem aufblickenden Johannes dieses Stiches den Dr. Martin Luther habe darstellen wollen, dürfte — wenigstens durch die als Beweis angeführte herrliche Zeichnung vom Jahre 1523 in der Sammlung des Erzherzogs Albrecht in Wien — keine Bestätigung finden.

Die fragliche Figur des Stiches weicht wesentlich von jener Zeichnung ab, und nur das Gesicht hat eine entfernte Aehnlichkeit damit. Beide Köpfe aber, sowohl der der Zeichnung wie der der Anlage, sind sehr verschieden von dem Portrait des Dr. Martin Luther, welches Dürer auf der ihm zu Ehren im Jahre 1526 geschnittenen Medaille dargestellt hat.[19]

Mit meinen Zweifeln an Dürer’s Betheiligung bei dem fraglichen Stiche stehe ich übrigens nicht allein, sie werden unter andern auch von dem gelehrten Vorstande des Print-room im British Museum getheilt, woselbst sich zwei Abdrücke mit und ohne Monogramm befinden. Diese, wie mehre andere mir vorgekommene Abdrücke waren aufgelegt und ich konnte das Papier nicht genau untersuchen; der Abdruck mit dem Monogramm in der Sammlung des Herrn Cornill d’Orville in Frankfurt a.M., früher bei Verstolck, ist indeß auf Papier, welches mir nicht altdeutsch zu sein scheint, wenigstens habe ich das kleine ungewöhnliche Wasserzeichen desselben bei keinem Dürer’schen Blatte angetroffen.

Ein anderer sehr frischer Abdruck vor dem Monogramm, im Besitz des Herrn Geh. Oberfinanzrath Sotzmann in Berlin, ist aber auf entschieden Holländischem Papier, welches das Wasserzeichen des großen Wappen von Amsterdam und knapp 11 Linien Abstand der Drathstriche hat, wie solches im 17. Jahrhundert bei den Zeichnungen und Radirungen Holländischer Meister häufig vorkommt. — Auch hierdurch dürften die gehegten Zweifel bedeutend verstärkt werden.