Hierauf begaben sich die Geladenen ins Grandhotel, und auch die Nichtgeladenen gingen dahin.
Das Grandhotel war eine elende gelbe Hütte, die abseits vom Dorfe stand, dicht über der Bai, und sich nicht entschließen konnte, nach welcher Seite sie umfallen sollte. Vor der krummen kleinen Tür saßen zwei Papageien auf Sardinenbüchsen. Ohne jedes Zeichen von Aufregung saßen sie da, bald auf der rechten Kralle, bald auf der linken, rollten die Liderkapseln, knarrten und zuweilen lachten sie und schrien markerschütternd: Dieb, Lump, Faulpelz!
Im Grandhotel hauste Madame Chikel, ein stämmiges Weib, à la bonheur, mit einem lauten Mundwerk, immer liebenswürdig, immer entgegenkommend, und mit Händen wie Anker. In ihrem Schatten fristete Herr Chikel sein jämmerliches Dasein, wie ein Pilz im Schatten einer Eiche. Mit seinem breitrandigen Plantagenbesitzerhut, den er sich beigelegt hatte, seinen ewigen Bandagen an Kopf, Armen und Beinen, erinnerte er auch an einen Pilz.
Zuweilen bekam Herr Chikel einen Schlag mit einer Flasche über den Schädel, zuweilen auch nur eine Serie der entzückendsten Backpfeifen. Manchmal mußte er auch seiner Gesundheit halber im Freien übernachten. Er erschien im Mondschein wie ein Bündel in der Tür und flog die Treppe hinab. Die Tür krachte ins Schloß, der Riegel klirrte. Vorsicht! Aus dem Fenster flogen Hämmer, Flaschen, und Chikel war gezwungen, sich in die Klippen zurückzuziehen, in eine Art Fort, und hier schlief er.
Herr Chikel war eine Hundeseele. Lächle ihn an, was tut er? Er zittert mit dem Bein und lächelt wieder. Lächle etwas spöttisch oder sauer, er wird spöttisch oder sauer lächeln. Ziehe die Brauen zusammen und durchbohre ihn mit Blicken, als ob du ihn töten wolltest — er wird alles nachahmen. Er war verdammt dazu, den Gemütszustand anderer widerzuspiegeln, und man konnte ihn die Skala der Empfindungen auf- und abhetzen, bis ihm der Schweiß aus den Poren brach.
Madame Chikel war ihm so sehr an Kräften überlegen, daß er mit List kämpfen mußte. Er liebte es sich mit spitzen Gegenständen zu verteidigen, mit Nadeln und Glasscherben, die er ins Bett legte; es kam ihm auch nicht darauf an etwas Petroleum in den Strohsack zu gießen und nebenher ein Streichholz fallen zu lassen. Sobald aber Madame Chikel etwas merkte, daß zum Beispiel ein Nagel durch die Sohle ihres Holzschuhs getrieben war, oder sonst etwas, schlug sie ohne Mitleid auf den Pilz ein.
In diesem, dem ersten Etablissement der Insel fand Kedrils Hochzeit statt.
Die Weiber der Geladenen brachten ihre eigenen Bestecke und Teller mit — denn das Etablissement konnte nicht so viele stellen — und das Mahl begann. Ein wirres Meergespenst erhob sich und sprach. Es sprach bretonisch. Es waren Namen, Namen, eine endlose Reihe. Da und dort schlug einer das Kreuz und auch Rosseherre zuckte plötzlich zusammen, beugte den Kopf und bewegte die Lippen. Dann sah sie auf, etwas bleich und scheu, während sie zu lächeln versuchte. Es waren die Namen all derer, die aufs Meer hinausgefahren und nicht mehr zurückgekehrt waren. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. Es gab Fisch, Hammel und einen Kuchen uralten Rezepts, der aus Schweineblut, Mehl und Zwetschgen gebacken war. Am Anfang ging es bäurisch steif zu, dann begann die Unterhaltung. Sie begann damit, daß man allgemeinen Zweifel über die Treue von Kedrils Braut äußerte. Kedril erstickte vor Lachen.
Nach dem Mahl wurde auf der Heide getanzt.
Bumba — bumba — alle formten einen Kreis und stampften mit den Holzschuhen, als stiegen sie eine Treppe empor und sangen: bumba — bumba. Das dauerte endlos. Plötzlich aber begann eine einzelne Mädchenstimme zu schrillen und der Kreis setzte sich in Bewegung.