Es war Rosseherre, die sang. Sie sang mit der Fistel, so hoch und schrill, daß selbst eine Grille erstaunt wäre. Sie sang das bretonische Hochzeitslied:
„Gib mir doch, gib mir doch, dein klein’ Herz, mein Lieb“ —
„Gib mir doch, gib mir doch, dein kleines süßes Herz“ —
Sie wiegte den Kopf dabei und sah zum Himmel empor. Ihre Haare flogen und der Reigen drehte sich. Die Holzschuhe klapperten, die Tücher wehten, die langen Haare der Frauen, die Bänder der weißen Hauben. Auf der einen Hälfte des Reigens wehte alles einwärts, auf der andern nach außen. Die Fischer mit den Köpfen Ertrunkener und den blinkenden Augen trollten unbeholfen dahin, die braungebeizten Indianerweiber lachten und zeigten die weißen Zähne, während die Röcke über ihre dicken weißen Strümpfe emporschlugen. Um den Reigen herum standen die Kinder, grell geputzt wie Puppen, mit Ruschelköpfen, roten Backen und staunenden, strahlenden Augen.
Tief unten rauschte das Meer. Die Brandung lief und donnerte. Die Möwen schrillten und flogen über den Reigen weg, der Wind wehte. Es war Sommer, die Sonne schien, aber die Insel sah aus wie eine trostlose Öde von starrenden Felsen. In der Ferne zogen auf einem tiefblauen Streifen im Meer zwei Dampfer gegen Süden; da draußen lief die Straße vorbei, auf der die Zeit wanderte.
„Gib mir doch, gib mir doch, dein klein’ Herz, mein Lieb —“
Ich stand und folgte dem blonden Kopf Rosseherres, der im Kreise ging wie eine funkelnde Glocke, die bimmelte. Rührend sang sie —
Neben mir stand Yann, der „kleine Kapitän“, denn wir waren stets beisammen. Yanns Distelkopf war heute nicht nur gewaschen, sondern abgescheuert wie ein Deck. Man sah noch deutlich jeden Bürstenstrich. Seine hellblauen Kinderaugen waren geputzt wie Schiffslaternen. Er trug zur Feier des Tages einen eingeschrumpften weißen Kittel, einen zerknitterten Kragen, blaue Manschetten, schwarze Holzschuhe und ein dünnes Bambusstöckchen. Durch die Krawatte hatte er eine Nadel mit einem riesigen Brillanten gesteckt, der Quere nach, so daß die Nadel fingerlang herausragte. Und dazu — ha, ha, riechst du es nicht? — hatte er sich parfümiert, der Elegant. Die blaue schmucke Kapitänsmütze trug er nachlässig hinten im Genick wie etwas Nebensächliches und Lästiges.
Yann stand natürlich mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, aber das war bei weitem nicht genug. Die Füße waren einwärts gerichtet, besonders der rechte, die Schenkel auf unmögliche Weise verdreht, so daß sein rundes Sitzfleisch plastisch hervortrat. Die linke Hüfte war stark herausgedrückt, dann machte Yanns Taille einen graziösen Bogen einwärts und die Brust stand vollkommen senkrecht. Diese Stellung gab einen federnden Unterbau aus Gummi und Stahl, und so konnte man in aller Gemütsruhe auf einem schwankenden Verdeck in der gröbsten See stehen. Auch ließ sich der Oberkörper nach Belieben wenden und drehen, ohne daß man je den Unterbau verändern mußte.
Yann war Kapitän eines kleinen Regierungsdampfers, der drunten auf der Reede vor Anker lag. Seine Laufbahn war die übliche gewesen: Mousse auf einem Fischerkutter, Ohrfeigen und nichts zu essen, Leichtmatrose auf verschiedenen Segelschiffen, Ohrfeigen und wenig zu essen, zwei Campagnen Stockfischfang auf den Bänken von St. Pierre, Hundefressen, ein paar Jahre Dienst auf einem Amerikadampfer, erträgliches Essen. Von da an war es rasch in die Höhe gegangen mit ihm. Er wurde geprüfter Pilot und die Regierung vertraute ihm jenen schwarzlackierten Sarg mit Dampfheizung an, hundert Tonnen, sechs Mann Besatzung. Diese Auszeichnung war ihm zu gönnen. Seine Fingerkappen waren noch heute verunstaltet vom Reffen der Segel — und da drunten bei Kap Horn waren die vereisten Segel hart wie Glas, daß das Blut aus den Nägeln sprang und man zuletzt die Ellbogen nehmen mußte — sein rechter Zeigefinger war gebogen vom Abschneiden von Tausenden von Stockfischköpfen. Seine Finger hatten tiefe Rinnen von den Angelleinen, seine Hände waren hart vom Rudern und den ewigen Tauen.