Sie saß da draußen im Regen bis es dunkelte. Später ging ich hinaus um nach ihr zu sehen. Sie war gegangen, einen andern Weg.
XII
Es ist noch Nacht. Alles ist leer, die Götter schlafen, die Tiere und Menschen, ich allein bin wach. Wie ein Geist wandere ich im düstern Morgengrauen. Stille. Nur mein Schritt pocht, wie ein dumpfer Hammer klopft es unter dem Boden. Eine lautlose Brise schleicht dahin, gesättigt vom starkriechenden Nachtschweiß des Meeres. Die Gestirne der Insel leuchten noch, übernächtig erscheinen sie. Der Mond von Stiff zuckt fahl auf und ab, weiß, weiß, rot, Creach schwingt seine bleichen Strahlenbündel atemlos im Kreise. Im Osten birst die Nacht und der Morgen dampft durch den Spalt wie blutnasses Fleisch. Ein Schauern geht über das Meer, als fröstle es. Creachs Lichthiebe fliegen wie dünne Schleier dahin, die fahlen Farben der Insel tauchen auf, das Meer färbt sich. Creach erlischt. Stiff im Norden glüht noch einmal rot, dann kommt sein Licht nicht wieder.
Weit draußen schrillt eine Möwe. Ein Schrei antwortet ihr und plötzlich erhebt sich auf den Klippen ein wirrer, feilender Lärm. Dieses gierige Schreien von Raubvogelschnäbeln begrüßt zur gleichen Stunde das Licht von Tausenden von kahlen Riffen in den Meeren.
Im Dunst des Hafens bewegten sich die Fischer wie plumpe, tappende Gespenster. Ein riesiges Segel stieg in die Höhe und zog in den Nebel hinein. Ich begrüßte Jean Louis, den „Meerkönig“, und schweigsam bereiteten wir die Fahrt vor. Wir schöpften Wasser aus, ordneten Leinen, Köder, Segel. Die Brandung donnerte. Die Welle spritzte, das Boot rieb sich knirschend am Kai. Ein Ruder polterte, Ketten klirrten, eine laute Stimme schalt drinnen im Nebel. Jemand fluchte. Es roch nach faulem Wasser und Fischen. Dann klapperten wir den Steig hinauf zu Chikel um rasch zu frühstücken. Jean Louis goß sich einen Schoppen eau de vie in die Kehle und damit war er fertig. Auf dem Meere aß er dann den ganzen Tag nichts als ein Stück Brot und am Abend trank er wieder einen Schoppen Schnaps, dann schlief er. So lebten sie.
Wir fuhren. Ein paar schattenhafte Segel zogen vor uns im Dunst. Das eisige Wasser rauchte. Über die klumpigen, niedrigen Wolken hauchte Glut und auf einmal rückten sie in die Höhe und waren leicht und schwebend. Die Sichel des Mondes wurde dünn und durchsichtig, die letzten Sterne zuckten flimmernd und plötzlich waren sie verschwunden. Das Meer färbte sich dunkelblau im Schatten der Klippen, die wie blaßrote Korallen blühten. Milchige Nebelstreifen glitten über die Insel. Sie verhüllten den Leuchtturm von Creach, und als er wieder auftauchte, blitzte sein gläserner Kopf von roten Feuerchen. Plötzlich wurde das Meer weit und licht und die Segel draußen leuchteten wie pures Gold.
Der Wind erfaßte unser Segel und das Boot legte sich zur Seite. Wir begegneten der ersten Welle von Charakter, das Boot stieg in die Höhe und glitt hinab. Das war der erste Gruß des großen Meeres! Von da draußen —
Ich machte es mir bequem im Boot und zündete eine Zigarette an. Jean Louis rauchte trocken; er riß das Papier von der Zigarette und steckte den Tabak in den Mund.
„Ein schöner Morgen, Jean Louis!“
„Hü-hü-hü!“