Der Meerkönig war nichts als ein winziges Bündel aus einer schmierigen, flachen Mütze und schmutzigen Holzpantinen. Unter der Mütze hingen ein paar dünne, weiße Haarsträhnen hervor, und ich sah nur selten sein faustgroßes, rosiges, ewig lächelndes Gesicht. Seine Jacke war von allen Seiten eingeschrumpft und die Hosen reichten nur bis zum Schienbein. Die blaue Leinwand war gebleicht, schneeweiß auf Schultern und Schenkeln, und auch die vielen Flicken waren schon längst wieder gebleicht. Die Ärmel waren mit einer Kruste bedeckt und glitzerten von Fischschuppen. Er wischte Nase und Messer daran ab. Jean Louis hatte Hände aus Holz vom ewigen Rudern und er konnte die Finger nicht mehr biegen. Seine Äuglein waren gebleicht wie sein Kittel, und doch sah er wie ein Fernrohr. Die Holzschuhe hatte er mit Stroh ausgestopft und wo das Stroh den Schmutzpanzer durchstochen hatte, klebten große Tropfen von schwarzem, trockenem Blut.
Der Meerkönig war der tapferste Mann der Insel, du kannst fragen, wen du willst. Er hatte vierzehn Menschen das Leben gerettet und so und so oft selbst Schiffbruch gelitten. In seiner Jugend hatte er wiederholt die Welt umsegelt, aber davon wußte er nichts mehr. Er war jetzt „süben-hund-sübzüg Jahre“ alt und im nächsten Sommer wurde er „acht-hund-sübzig Jahre“. Der Meerkönig war der gefürchtetste Dieb der Insel. In Nacht und Nebel fuhr er hinaus, wo die Fischer die Langustenreusen verankert hatten. Diese Körbe zog er in die Höhe, obschon sie so schwer waren, daß ein starker Mann zu tun hatte. Er nahm die Langusten heraus, ließ die Reusen wieder hinab ins Meer und legte die Langusten in seine Körbe. Wenn nun die Fischer am nächsten Tag hinausfuhren, so zeigte es sich, daß alle Langusten ausgerechnet in Jean Louis’ Reusen marschiert waren — hü-hü-hü —! O, sie hatten ihn schon dabei erwischt —
Wir überquerten den Strom. Das Boot pendelte und das Spritzwasser klatschte gegen unser Segel. Das Meer sauste und weiße Gischtbomben schlugen über die Klippen ein.
„Tas Möhr gefällt mir heute nücht!“ heulte Jean Louis.
Ich lachte vor mich hin. „Desto besser!“ sagte ich und begann, Jean Louis’ Beispiel folgend, die Leine bereit zu machen.
— — — — — — — —
Eine knappe Meile von der Insel entfernt gab es eine Kette von halbversteckten Klippen und Riffen, gegen die der Strom tobte. An dieser Kette von Riffen zogen wir entlang, hin und her, und fischten.
Die Wogen waren hier rasch und zornig, sie waren schwarzgrün und mit einer Schicht wie von Öl und Ruß überzogen. Der helle Köder stieg in sie hinab wie ein kleines grünes Licht. Das Licht sank und sank, wurde düster, und endlich erlosch es und nichts blieb als dieses bebende, dahinsausende Hügelfeld dunkler, schleimiger Wogen. Wir legten die Leine über den Finger und fühlten im Beben der Schnur den gewaltigen Hub der großen Schlagader, die Millionen Tonnen Wasser vom Golf von Mexiko bis hinauf zu den Lofoten pumpt.
Drunten in der Finsternis aber — ja, Gott gebe es, denn wir galoppierten nicht zum Vergnügen hier an den Klippen entlang — da waren sie. Ich lauschte durch die Leine hundert Meter tief ins Meer hinab — still! Ja, sie waren da! Sie schossen hinter dem fliegenden Licht her, beglotzten es von allen Seiten, ihre Rückenflossen spreizten sich vor Begierde, ihre Leiber schwollen auf, ihre Schnurrbärte bebten, sie stießen mit den stumpfen Schnauzen gegen den Köder, zerrten —. Aber noch war der rechte Augenblick nicht gekommen. Der Fisch ist argwöhnisch. Ich zog etwas an der Leine, um seine Gier zu reizen, ließ nach, machte ihn sicher und — zog an. Es war geschehen! Meine Arme wirbelten, ich lag über dem Bootsrand und arbeitete fieberhaft. Ich hatte gut hundert Arme Leine einzuhaspeln und mußte rasch sein, denn der Fisch läßt nichts unversucht. Wie ein Hund riß er an der Leine, er schmiß sich gegen den Haken, zerrte, aber ich gab nicht nach. Die Bleistückchen erschienen: und da war er. Er glotzte mich mit aufgerissenen wütenden Augen an, schüttelte sich vor Schmerz und Entsetzen und peitschte mit dem Schwanz. Ich packte ihn um den Leib, hakte die Angel aus und warf ihn ins Boot. Einen Augenblick lag er erschrocken da, dann warf er sich verzweifelt am Boden hin und her.
Und wieder stieg das kleine Licht in die Dunkelheit hinab.