Im Hafen hatte ich ein paar Krabben gekauft, für den Fall, daß die Fische wenig Lust zum Anbeißen zeigen sollten. Der Meerkönig war nicht zufrieden und so entschloß er sich, die Krabben zu opfern. Er riß ihnen die Scheren aus und schrie sie wütend an, da sie sich wehrten. „Ho! Ho! — seht doch an, diese miserable Kreatur, will sich nicht einmal die Scheren ausreißen lassen, hö!“ Er zerstampfte Scheren und Krabben und warf den Schleim als Lockspeise ins Meer.

Ich befestigte ein großes Stück am Haken. Wie ein geröstetes Huhn, das urplötzlich in die Nacht eines Gefängnisses hinabtanzt, mußte den Fischen dieser Braten vorkommen.

Es ging. Die Fische verloren den Kopf und rannten in die Angeln. Triefend naß kamen sie herauf, die Mäuler verzerrt, und starrten mit entsetzten Augen in die grausame Helle und die Gesichter dieser rasenden Teufel, denen es Vergnügen machte sie aus ihrer dunkeln, rauschenden Heimat zu reißen. Sie wurden ins Boot geworfen, das mit Blut und Schuppen besudelt war, und hier mochten sie sterben. Sie schlugen um sich, ihre glänzenden, silberweißen Leiber verfärbten sich, ein gelber Hauch lief daran entlang, sie bekamen Flecken. Ihre Flanken flogen, die roten Kiemen spreizten sich und entblößten das blutrote Fleisch, ihre goldenen Augen weiteten sich im Todeskampf. Endlich machten sie eine letzte Anstrengung, sie bogen sich wie eine Klinge und schnellten in die Höhe. Dann bekamen sie einen Fußtritt von Jean Louis und nun lagen sie still. Aber noch nach einer Stunde konnte Leben in ihnen sein.

Die Sonne stieg höher und wir fischten mechanisch und schweigsam. Das Boot schwang auf und ab und flog dahin. Ich arbeitete ernst und hingegeben. Mit großer Sorgfalt schnitt ich den Köder aus den Muscheln, die an flache Chinesenhüte kleinsten Formats erinnerten. Viele trugen Büschelchen von Moos und Tang und sahen aus wie verwegene Damenhüte der letzten Mode. Und ich lachte vor mich hin, denn allerlei Abenteuer zogen durch meinen Sinn. Ich kassierte hier außen beim Rauschen des Meeres noch einmal all die leuchtenden Blicke ein, die mich da und dort getroffen, und atmete nochmals die Wohlgerüche, mit denen die Frauen uns locken wie die Blumen die Bienen. So wie der Dichter sagt — aber da ging ein elektrischer Schlag durch die Leine und ich spürte einen Stoß im Herzen: der Fisch . . .

Alle zehn Minuten wechselte der Meerkönig das Segel, um zu wenden. Dann mußte ich mich ganz flach machen und doch riß mir das Segel jedesmal die Kopfhaut ab. Die Wogen rauschten mit einförmigem Zischen und Sausen vorüber und immerzu nagelte und schabte es am Boot. Zuweilen brauste eine rasche Woge daher, schleuderte das Boot in die Höhe und überschüttete uns mit Spritzwasser, und ich sah die Woge dahinfahren zwischen den andern, die in Unordnung gerieten. Wiederum, da zischte es und ein großer marmorierter Kreis, der knisterte und kochte, erschien: die Sohle der Woge hatte eine verborgene Klippe getroffen. Der Kreis aus weißem und grünem Marmor flog rasch weiter, kletterte über die Rücken der Wogen und noch in weiter Ferne behielt er seine Form. Die Möwen strichen mit dem Bauch über die Wogen dahin, jeder Bewegung, jeder Laune der Woge haarscharf und blitzschnell folgend, auf und ab, und schrien. Ihre Fittiche schwirrten und ihre spitzen Hakenschnäbel rissen die Luft auf. Ihnen gehörte das Meer und sie kümmerten sich nicht um die Fischer. Sie stürzten sich in den Gischt der Klippen, schlugen mit den Flügeln, als ob sie sich niederlassen wollten, stiegen senkrecht in die Höhe, wenn die Woge nach ihnen sprang, und schossen kopfüber herab, wenn die Woge vorbei war. Und das Wasser tropfte glitzernd aus ihren Schwingen. Das Meer sang und brauste einförmig; Eine Stunde verging und es war still. Dann zog ein Trupp Meerschwalben vorüber — döi — döi — gullugullugullu döi — und schon waren sie weit weg. Wie ein Faden zogen sie in der Ferne.

Ich zündete die Pfeife an. Ich kniete nieder, preßte die Knie gegen die Bootsrippen und den Kopf gegen die Wand, und nun hatte ich Festigkeit genug um ein Streichholz anzureiben.

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Vor ein paar Minuten hatte ich einen Peitschenhieb von Spritzwasser übers Gesicht erhalten, kalt wie Eis, jetzt aber bekam ich eine Schaufel Wasser in die Ärmel und dieses Wasser war lauwarm. Der Strom hatte gewechselt. Zuweilen führte er ins offene Meer hinaus, zuweilen auf die Insel, nur der Meerkönig kannte seine Geheimnisse. Die Wogen waren vorher glatt gewesen, nun waren sie mit einem Ringelpanzer bedeckt, da der Wind gegen die Strömung blies. Die versteckten Klippen, an denen wir entlang zogen, gebärdeten sich wilder. Unaufhörlich stieg der Gischt an ihnen in die Höhe wie explodierende Bomben, wehende Schleier flogen auf, die in der Sonne glitzerten und zerstoben. Man hörte dumpfe Kanonenschüsse, die mit jeder Minute stärker wurden, je höher die Flut stieg.

Jean Louis sah das Wasser an und schüttelte den Kopf.

Der Himmel bewölkte sich und die Sonne verschwand hinter einer porzellanweißen Wolke. Das Meer nahm ein düsteres und feindseliges Aussehen an. Dunkel und schwer wälzte es sich heran, und wo das Licht der weißen Wolke auffiel, rollte es wie eine Masse dicker weißer Ölfarbe dahin. Der Mast knarrte und bog sich, und die Risse in unserem Scheuerlappen von Segel wurden breit und klaffend. Wir segelten mit sechs Knoten Geschwindigkeit und das Boot federte. Es schoß bebend hinab in die viele hundert Meter langen Täler, überschnitt pendelnd die Wogen, und wenn wir oben waren, so kam es mir vor, als säße ich auf dem Dachrand eines einstöckigen Hauses und blickte hinab. Dann sah ich die keuchenden Riffe, die die Atemzüge dieser großen Lunge maßen. Das Riff entblößte sich tief hinab, die Woge saugte, gurgelte. Dann stürzte sie sich gierig in die Höhe und eine Gischtsäule stieg senkrecht über das Riff empor. Einen Augenblick lang stand sie still, dann drehte sie sich langsam, wie ein Baum aus Brillanten, und fiel in sich zusammen. Das Riff war ein Sturz von hundert schäumenden Kaskaden. Und schon tauchte das rostrote Riff wieder bebend empor, wie der Kopf eines Schwimmers, der noch vom Wasser trieft und schon in der Sonne glänzt. Manchmal sah ich auch von meiner Aussicht aus bis zum Horizont, nur einen Moment, dann tauchten wir wieder hinab.