Der Sturm hatte meinen großen Kamin wie mit der Zunge ausgeleckt. Kein Stäubchen war in meinem Zimmer mehr zu sehen.
In dieser Nacht schlief ich wenig. Ich dachte immerfort an das kleine Segel, das bei Stiff im Kreise zuckte. Nun waren sie dreißig Stunden draußen. Und immer im Kreise! Vielleicht konnten sie einen Kreis von zweihundert Meter Umfang segeln, das war alles, was sie sich erlauben konnten. Und kaum eine halbe Meile vom Land entfernt. Wie? Sie sehen das Feuer von Stiff vor sich, dicht vor den Augen, am Tage hatten sie deutlich die schwarze Flagge über dem Semaphor gesehen: das war der Tod, der da droben wehte, ihr Tod war es. Vielleicht sahen sie Häuser, in denen man sicher hocken konnte hinter den dicken Wänden und essen und trinken — und sie fuhren im Kreise, vor dem Tod her, der mit ihnen ein Spielchen trieb.
Die Nacht war voll von unbeschreiblichem Spektakel. Das Spritzwasser zischte über mein Dach und rieselte an den Wänden herab. Regenböen prasselten. Es tobte und toste. Es hörte sich an, als ob ein rasender Riesengorilla auf den Klippen hockte und mit den Fäusten auf seinen Bauch trommelte. Schreie durchschnitten die Luft, als ob Menschen von den Klippen herabgestürzt würden und im Falle schrien. Gelächter, Flüche. Es waren all die Seeleute, die draußen ertrunken waren, die schrien und die Fäuste über den Klippen schwangen. Sie jammerten, denn sie sollten die Heimat nicht wiedersehen. All die Schiffe, die hier gescheitert waren, fuhren noch einmal in dieser Nacht auf. Sie krachten, splitterten, sanken. Und durch den Lärm hörte ich das dumpfe Läuten des Meeres. Bis in die Tiefe war es aufgewühlt. Da drunten rollten alte behaarte Glockentiere hin und her und dröhnten.
Bum — baha — bum baha!
Aus dem Tosen aber hörte ich deutlich ein Heulen heraus, das fürchterliche Heulen einer einzelnen Stimme! Sie rechtete mit Gott und der Hölle und konnte kein Ende finden. Das war Poupon, der Mörder, den das Meer nicht wollte. Hörst du ihn? Zuweilen stieß er einen Schrei aus und stürzte sich hinab, aber immer kam er wieder, heulte, verfluchte Gott und die Welt und schleuderte dem Schöpfer Felsen ins Gesicht, Felsen, Felsen! Hörst du?
Der Teil der Heide, auf dem mein Haus stand, hieß der „englische Friedhof“. Vor zweihundert Jahren scheiterte hier eine englische Flotte von vierzig Segeln und die Leichen bedeckten den Strand. Man begrub sie hier. Ja, nun hörten auch sie, daß da oben etwas vor sich ging und kamen heraus. Sie johlten und lärmten, viele hundert Stimmen schwirrten durcheinander, aber ich glaubte doch jede einzelne zu verstehen. Das Haus war ihnen im Weg, sie mußten etwas demolieren, denn sie waren wild geworden. Sie warfen sich mit den Rücken dagegen. Sie stießen mit den Füßen gegen die Türe und lachten. Öffne, öffne, you damn’ rascal! Ich hörte sie ganz deutlich, ich hörte sogar, daß sie Englisch sprachen. Auf das Dach! Nun, da waren sie auch schon auf dem Dach, polterten, zerbrachen mir die Ziegel und schließlich brüllten sie zum Kamin herein. Viele zu gleicher Zeit: Ha! Ha! Ho! Ho! Son of a bitch. Hooo!
Ich setzte mich aufrecht und die Haare standen mir einzeln zu Berge.
Da aber ging ein schrilles Pfeifen über das Haus dahin, ein Schleifen, ich hörte wie sie sich entfernten, wie der letzte vom Dach herabglitt. Sie rannten johlend über die Heide. Wie ein Blitz, all die vielen Hundert zusammen. Ich hörte, wie ihr Gejohl mehr und mehr in die Ferne entschwand. Das Segel! Ja, das kleine zuckende Segel bei Stiff. Hier gab es Arbeit für sie, hier gab es etwas zu tun —
„Vielleicht sind sie eben untergegangen,“ dachte ich laut und fror.